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Vorwärts nach weit

Kommentar zur Wissenschaftssensation Vorwärts nach weit

Der Nachweis der Gravitationswelle wird Türen öffnen. Wir werden neue Werkzeuge bekommen, um mehr zu erfahren aus den Weiten des Weltalls. Und die irdischen Probleme? Bleiben irdische Probleme. Trotzdem ist wahrscheinlich, dass die Haltung vieler Forscher, ihr Zweifeln, ihr Staunen, ihre Bereitschaft, Neues zu akzeptieren die Welt ein bisschen besser machen kann. Ein Kommentar von Ronald Meyer-Arlt.

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Das Bild zeigt eine Supernova-Explosionswolke im Sternbild Stier, aufgenommen vom "Hubble"-Weltraumteleskop. Der sogenannte Krebsnebel war vor rund tausend Jahren durch eine gewaltige Sternenexplosion entstanden.

Quelle: dpa/Handout

Hannover. Wir leben in großen Zeiten. Auch wissenschaftlich. Vor knapp vier Jahren wurde am Large Hadron Collider in Genf das Higgs-Teilchen gefunden, ein Elementarteilchen, das bei der Erklärung hilft, wieso Teilchen Masse haben. Und nun die Gravitationswellen, an deren Nachweis Spitzenforschung aus Hannover wesentlich beteiligt ist. Es sind unvorstellbar winzige Kräfte, die jetzt mit ausgefuchster Technik errechenbar gemacht worden sind.

Die Nachweise des Higgs-Teilchens und der Gravitationswellen bestätigen, dass die Vorstellungen, die sich die Wissenschaftler seit Langem von unserer Welt machen, einigermaßen richtig sind. Das Standardmodell, mit dem wir von den kleinsten bis zu den größten Dingen viel erklären können, gilt. Jedenfalls so lange, bis wir neue Erkenntnisse haben. Das ist das Schöne an Wissenschaft: Sie beansprucht keine ewige Gültigkeit. Erklärungen gelten nur so lange, bis bessere Erklärungen gefunden sind. Man darf an allem zweifeln.

Und man darf staunen. Über die Rechnungen der Theoretiker, den Einfallsreichtum der Forscher, die Kunst der Ingenieure und, ja, auch über den Mut (und den Langmut) der Geldgeber. Grundlagenforschung ist teuer. Und sie wird teurer, je weiter wir ins Allerkleinste und Allergrößte vordringen.

Jetzt wurden Signale zweier Schwarzer Löcher aufgefangen, die sich zu einem neuen Schwarzen Loch vereinigt haben. Es war ein ziemlich großer Rumms, Milliarden Lichtjahre von uns entfernt. Ein feines Echo davon haben wir wahrgenommen.

Der Nachweis dieses Echos wird Türen öffnen. Wir werden neue Werkzeuge bekommen, um mehr zu erfahren aus den Weiten des Weltalls. Weitere Schritte wurden bereits unternommen: Der Satellit „Lisa Pathfinder“ ist unterwegs, um dabei zu helfen, einen Detektor von Gravitationswellen im Weltall zu bauen. Auch an dieser Mission ist das Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik, das mit der Leibniz-Uni Hannover zusammenarbeitet, maßgeblich beteiligt.

„Lisa Pathfinder“ ist nur eine Testmission, die prüft, wie ein Gravitationswellendetektor im All funktionieren könnte. Das eigentliche Gerät ist erst für 2034 geplant. Falls es funktioniert, wird es unseren Blick weiten. Kurt Schwitters hat den Namen Hannover einmal rückwärts geschrieben und übersetzt: „Vorwärts nach weit“ ist dabei herausgekommen. Auch ein Visionär.

Und die irdischen Probleme? Bleiben irdische Probleme. Es ist unwahrscheinlich, dass die Milliarden, die für Spitzenforschung ausgegeben werden, anderswo etwas heilen würden. Wahrscheinlicher aber ist, dass die Haltung vieler Forscher, ihr Zweifeln, ihr Staunen, ihre Bereitschaft, Neues zu akzeptieren, die Welt ein bisschen besser machen kann.

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