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Warum Merkel die Furcht der Menschen nicht versteht

Wahlanalyse Warum Merkel die Furcht der Menschen nicht versteht

Bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern hat die AfD die CDU überholt. Das ist geradezu ein Misstrauensvotum gegen Angela Merkel. Denn sie hat nicht verstanden, dass viele Menschen Furcht vor vielen Entwicklungen haben – auch wenn die Fakten ganz anders aussehen. Eine Wahlanalyse von Matthias Koch.

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Die Menschen fürchten sich vor vielen Entwicklungen – Angela Merkel versteht das nicht.

Quelle: dpa

Die Kanzlerin verstand im Sommer 2008 die Welt nicht mehr. 200.000 Deutsche versammelten sich rund um die Siegessäule in Berlin und lauschten einem US-Senator aus Illinois, der Präsident seines Landes werden wollte, einem gewissen Barack Obama. Viele Zuhörer fanden etwas, das sie gefühlsmäßig über den Tag hinaus trug: Obama verknüpfte, simsalabim, Weltoffenheit, soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz zu einem großen funkelnden Ganzen.

Merkel konnte das nicht wechseln. Sie fragte Mitarbeiter: Was ist das für eine Anziehungskraft, die da waltet? Wieso lassen sich die Deutschen so sehr bewegen durch Worte und Posen? Bei aller Liebe zu Obama fand die evangelische Frau aus der Uckermark dessen Rede letztlich zum Schütteln: Pathos pur.

Damals ging es um positive, heute geht es um negative Emotionen. Mit beidem hat die Kanzlerin Mühe, beim Senden wie beim Empfangen.

Am Wahltag in Mecklenburg-Vorpommern war Merkel weit weg, beim G-20-Gipfel in China. Aus der Distanz las sich das Landtagswahlergebnis umso kurioser. Was soll der Unfug? Warum in aller Welt ist plötzlich die AfD in dem Land, in dem sie mal politisch gestartet ist, stärker als die CDU? Haben nicht ihre Partei und die SPD alles getan, damit Mecklenburg-Vorpommern nach vorn kommt? Das Land siedelt neue Betriebe an. Es macht keine neue Schulden. Der Tourismus blüht wie nie. Sogar der schwächelnde Schiffbau wurde stabilisiert. Und jetzt folgt dieses Votum, das ja mehr ist als ein Denkzettel. Es ist ein Tritt, ein Misstrauensvotum.

Merkel beeilte sich zuletzt, ihre Flüchtlingspolitik von vor einem Jahr zu erklären. Das war nicht nur zu spät. Es ist mittlerweile sogar das falsche Thema. Zwar singen die Medien im Chor, jetzt bekomme Merkel die Quittung für die Grenzöffnung. Doch in Wahrheit ist diese Erklärung allzu eindimensional.

Es geht um mehr: eine von Fakten abgelöste tiefe Furcht vieler Menschen vor den kommenden Dingen. Veränderungen von Stimmungen, das hat Merkel nicht verstanden, sind wichtiger geworden als Veränderungen von Realitäten. Nicht nur in Deutschland droht ein emotionaler Fadenabriss zwischen demokratisch Regierenden und demokratisch Regierten. Dieses globale Phänomen auf Merkel zu verengen und die Syrer, ist verkehrt. Frankreich hat keine Million Flüchtlinge ins Land gelassen, dort ist die Stimmung noch schlechter. Gleiches gilt in den USA; Donald Trump wird getragen von einer generellen Aufwallung gegen Weltoffenheit und Freihandel. Ökonomen sehen sich erinnert ans Vorkriegsjahr 1913: Es gebe weltweit den Trend, die Schotten dicht zu machen.

Das „Gefühl der Welt“ (Heinz Bude) verdüstert sich. Moderne Politik muss also, jenseits aller Klempnerei an den Fakten, erst mal dieses Gefühl wieder aufhellen. Wer setzt künftig in Berlin positive Emotionen gegen die negativen?

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