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Verdi vergisst die Bürger

Kommentar zum Warnstreik Verdi vergisst die Bürger

Mit einem Warnstreik hat Verdi Hannover am Dienstag lahmgelegt - ausgerechnet zur Messezeit. Dass die Gewerkschaft kein Pardon kennt, erlebt die Stadt nicht zum ersten Mal. Verdi allerdings legt die Hürden für Warnstreiks immer niedriger und vergisst dabei die Bürger.  Ein Kommentar von Volker Goebel.

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Stadtbahnen standen still: Auch die Üstra wurde am Dienstag bestreikt.

Quelle: Holger Hollemann

Hannover. Wieder einmal mussten die Menschen in Hannover kühlen Kopf bewahren. Wieder einmal sahen sie sich konfrontiert mit einem Streik der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, der das öffentliche Leben nahezu lahmgelegt hat. Ausgerechnet zur Messezeit, ausgerechnet nach all dem Glanz, aber auch den Beeinträchtigungen, die der spektakuläre Besuch von US-Präsident Barack Obama der Stadt beschert hat.

Dass Verdi kein Pardon kennt, erlebt Hannover nicht zum ersten Mal. Auch 2012, zur weltgrößten Computermesse Cebit, ließ die Gewerkschaft die Muskeln spielen - zum großen Entsetzen von Unternehmen, Verbänden und Politikern, die einen nachhaltigen Imageschaden für die Messe befürchteten. Genutzt hat ihr Aufschrei damals nichts, der Streik fand trotzdem statt, auch die Messegäste mussten sich damit arrangieren.

Kitas geschlossen, der Müll wird nicht abgeholt, Busse und Bahnen bleiben in den Üstra-Depots: Mit einem Warnstreik trifft Verdi die Stadt während der Hannover Messe.

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Heute zucken alle Betroffenen nur noch mit den Schultern. Oberbürgermeister Stefan Schostok zieht sich allen Ernstes darauf zurück, dass Hannover eben darin geübt sei, an solchen Streiktagen zu improvisieren. Die Verkehrsbetriebe Üstra versuchen nicht einmal, einen Not- oder Ersatzverkehr wenigstens zum Messegelände aufrechtzuerhalten. Berufstätige, die nicht pünktlich zur Arbeit kommen, Eltern, die ihre Kinder nicht in die Kita bringen können - alle schimpfen eher leise vor sich hin. Was nutzt es auch? Der Schulterschluss zwischen Verdi und Sozialdemokratie ist permanente Praxis in Hannover, der Organisationsgrad der Beschäftigten bei der Stadt und den Verkehrsbetrieben ist hoch. Und es gilt generell als nicht opportun, etwa nach der Verhältnismäßigkeit der Arbeitskampfmaßnahmen zu fragen, woran sich die Stadtspitze meistens auch hält.

Aber ist das richtig so? Darf man nicht auch von Verdi eine gewisse Fairness bei der Streikgestaltung erwarten? Ist es überhaupt richtig, dass Kitas geschlossen und damit die Eltern als Druckmittel in der Auseinandersetzung mit dem kommunalen Arbeitgeber benutzt werden? Von der Üstra sollte man erwarten dürfen, dass sie, wie es andere Arbeitgeber auch tun, Mittel und Wege sucht, um ihre Kunden auch an Streiktagen zu bedienen. Und was ist von einer Gewerkschaft zu halten, die es wiederholt billigend in Kauf nimmt, der Stadt, ihren Bürgern und auch den für sie so wichtigen Messen zu schaden?

Kein Zweifel: In der aktuellen Tarifauseinandersetzung geht es für die Beschäftigten wieder einmal um viel, nicht zuletzt um die betriebliche Altersvorsorge. Jeder versteht, dass notfalls gestreikt werden muss, um die Ziele in einem Tarifstreit wenigstens annähernd zu erreichen und eine denkbare Blockade der Arbeitgeber zu durchbrechen. Verdi allerdings legt die Hürden gerade für Warnstreiks immer niedriger und vergisst dabei die Bürger. Das ist keine gute Entwicklung - für die Hannoveraner, für ihre Stadt und für die Gewerkschaft selbst am Ende auch nicht.

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