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Warum auch nicht?

Kommentar zur Leinewelle Warum auch nicht?

Ein Surfparadies in der Stadt: Hannover hat drängendere Probleme, aber kaum charmantere Vorschläge. Wenn es gelingt, das Projekt ohne Steuergeld umzusetzen, wäre die Stadt um eine Attraktion reicher, meint Conrad von Meding.

Hannover. Eine Woche lang wird Hannover jetzt wieder die Stadt der Ideen sein: Die gleichnamige Jugendtechnikschau wird versuchen, Hunderttausende für Innovationen und Kreativität zu begeistern. Da kommt es gerade recht, dass die Ratsmehrheit einen Pflock einrammt für ein Technikprojekt, das von kreativen Hannoveranern erdacht wurde und dem Freizeitwert der Stadt einen weiteren Schub verleihen könnte. Die Leinewelle, das geplante Surferparadies am Landtag, kann vielleicht tatsächlich Realität werden. Aber braucht Hannover die Leinewelle? Oder mehr noch: Muss eine Stadt wie Hannover eigentlich jede Idee unterstützen, die auf 
Facebook viele Freunde findet?
Nein, möchte man antworten – eine Stadt muss natürlich nicht jede Idee unterstützen. Dass sie der Leinewelle eine Chance gibt, hat aber trotzdem seine Berechtigung.

Marketingexperten wissen längst: Wenn es um die Anziehungskraft einer Stadt geht, dann zählen nicht mehr nur harte Faktoren wie Arbeitsmarkt, Gewerbesteuer oder Bruttosozialprodukt. Wer die Attraktivität eines Ortes erhöhen will, der braucht zusätzlich weiche Faktoren. Einkaufserlebnisse, gute Verkehrsverbindungen, hoher Freizeitwert – das sind die Aspekte, auf die junge, gut ausgebildete Menschen achten, wenn sie sich entscheiden, wohin sie ihren Lebensmittelpunkt verlegen. Denn zunehmend entbrennt ein Wettbewerb um hoch qualifizierte, junge Köpfe. Egal ob Mediziner, Werbefachmann oder Ingenieur: Wer einen begehrten Beruf gelernt hat, kann sich aussuchen, ob er in Hamburg oder Köln arbeitet, in München oder Berlin – oder eben in Hannover.

Nun wäre es naiv, zu glauben, dass ein Surferspot allein Hannovers Position in diesem Wettbewerb verbessern könnte. Dass die Stadt sich aber aufgeschlossen zeigt für innovative Ideen, das ist ein gutes Signal. Die Leinewelle, von der übrigens auch die stark ausgeprägte Kanutenszene Hannovers profitieren würde, könnte ein zusätzlicher Baustein in der Strategie sein, die Stadt attraktiv für die „creative class“ zu machen. Denn sie wäre ein Beleg dafür, dass gute Ideen in Hannover Unterstützung finden.

Trotzdem ist das Projekt noch lange nicht umgesetzt. Die Initiatoren haben 2014 viel Sympathie verspielt, als klar wurde, dass die ersten Kostenangaben völlig illusorisch waren und öffentliches Geld eingefordert werden soll. Es ist gut, dass die rot-grüne Ratsmehrheit mit dem jetzt vorgelegten Antrag einen deutlichen Riegel vor derartige Ansinnen geschoben hat. In einer Stadt, die dringend ihre Schulden abbauen muss und kaum weiß, woher sie Geld für Schulsanierungen und Flüchtlingsunterbringung nehmen soll, wären hohe Ausgaben für ein Spaßprojekt kaum zu rechtfertigen. Insofern ist der jetzt vorgelegte Ratsantrag ein öffentliches Bekenntnis zu dem Projekt. Mehr nicht – aber immerhin auch nicht weniger.

Für die Initiatoren beginnt jetzt die Arbeit. Sie wollen in der denkmalgeschützten Kulisse der historischen Wasserkraft-Mauern ein Bauwerk errichten, das teilweise an den Tunnel einer U-Bahn-Anlage grenzt – man kann sich einfachere Bedingungen vorstellen. Sinn gibt das Projekt tatsächlich aber nur dort. Ein Surfspot mitten in der Stadt: Das hat Charme, das könnte eine echte Attraktion für die City werden, das liefert die starken Bilder, die das Stadtmarketing braucht.

Ausdauer haben die Leinewellen-Aktivisten schon bewiesen mit ihrem zweijährigen Engagement. Für Hannover kann man sich wünschen, dass ihnen ihr Langmut nicht vergeht – und Sponsoren die Taschen öffnen. Damit Flohmarktflaneure und Landtagsbesucher in einigen Jahren etwas zu gucken haben an dem bisher vernachlässigten Ort der Altstadt, wenn vielleicht wirklich Bretter über die Leinewellen gleiten.

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