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Warum wir wieder lernen müssen, uns zu empören

Analyse einer Ich-bezogenen Gesellschaft Warum wir wieder lernen müssen, uns zu empören

Eine Firma in Niedersachsen entlässt nach einem Brand Hunderte Arbeiter, Polizisten und Beamte werden regelmäßig Opfer von Gewalt und sehr mächtige Menschen geben alles, wenn es darum geht, noch reicher zu werden. Es ist Zeit, sich mal richtig aufzuregen. Eine Analyse von Henrik Brandt

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Panama – nach den Enthüllungen im Fokus der Weltöffentlichkeit.

Quelle: dpa

Hannover. Es gibt ein paar Dinge, die wir nicht mehr so gut können. Die öffentliche Empörung gehört dazu. Wir haben sie fast schon verlernt. Dabei hätte es in den vergangenen Tagen manchen Anlass zu dieser oft heilsamen Gemütsregung gegeben. Die bekannt gewordenen Kundendaten einer bizarren Kanzlei aus Panama belegen einmal mehr, dass sehr reiche und sehr mächtige Menschen jede Unanständigkeit riskieren, wenn es darum geht, noch reicher und damit noch mächtiger zu werden. Aber regt das noch jemanden auf?

In Niedersachsen hat sich die von einem Feuer schwer getroffene Firma Wiesenhof entschlossen, das Sparen flugs bei jenen zu beginnen, die man ohnehin schon in fragwürdigen Konstellationen eingesetzt hat: Miet-Arbeitern vor allem aus Osteuropa. Die wissen kaum, wie ihnen geschieht, und wehren sich im Zweifel sowieso nicht. Gibt es da wirksamen Protest? Und dann war da noch eine ganz andere Nachricht, die im Grunde alarmierend ist und auch niemanden mehr zu bewegen scheint: Polizisten, Feuerwehrleute und Mitarbeiter in deutschen Ämtern müssen sich mittlerweile so oft bepöbeln und bedrohen lassen, dass sich die Innenminister Gedanken über einen besseren Schutz machen.

Ich! Ich! Ich!

Hinter all diesen Nachrichten lauert die Geschichte vom großen Ego. Oder, wie es eine Bank-Werbung lange Zeit hinausbrüllte: „Am Ende zähl’ ich.“ Ich - als Millionär, der glaubt, dass nur die Dummen Steuern zahlen. Ich - als Unternehmer, der auch simple Fürsorge für Mitarbeiter schon als Gedöns abhakt. Ich - als Bürger, der den Staat vor allem nutzt, ihn und seine Vertreter jedoch in keinem Fall stützen will. Ich, ich, ich. Vom Wir keine Spur.

Man muss kein Kirchentagsbesucher oder Sozialromantiker sein, um zu erkennen, dass es so nicht geht. Der Kampf zwischen der größtmöglichen Freiheit des Einzelnen und der weitgehenden Gleichheit aller ist uralt. Alle Extreme sind historisch ausprobiert - mit zum Teil bestialischen Folgen auf allen Seiten. Sowohl die Abwesenheit jedes staatlichen Rahmens als auch dessen totale Herrschaft haben unermessliches Unglück über die Menschen gebracht. Heute ist klar: Es gibt kein glückliches Ich ohne ein funktionierendes Wir. Das gilt für Gesellschaften wie längst auch für moderne Unternehmen: Klug organisiertes Miteinander, Rücksicht und der Blick möglichst vieler Beteiligten fürs Ganze sind Garanten für den Erfolg.

Es wird daher Zeit, bei Ego-Shootern, die sich für schlauer halten als die Gesetzestreuen, bei Quertreibern und Desinteressierten nicht mehr müde abzuwinken. Sie müssen sehen: Nach ihnen geht es nicht. Wenn wir auch nur die absehbaren Probleme Deutschlands und vor allem auch Europas überwinden wollen, wird das ausschließlich mit weniger Egoismus und mehr Rundumblick gehen. Das ist mühsam. Dass die Starken vorweggehen und die anderen mitnehmen, ist daher ebenso notwendig wie in Ordnung. Nur dürfen die Schwachen halt nicht vergessen werden.

Für diesen Ausgleich kann nur jene Institution sorgen, die niemand mögen, aber doch jeder achten muss, wenn es funktionieren soll: der Staat. Modern geführt, klug gemanagt, ohne Staub auf den Akten. Bis es so weit ist, wäre etwas mehr Empörung der Bürger vielleicht gar nicht so schlecht.

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