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Was halten die 
Flüsse noch aus?

Kommentar Was halten die 
Flüsse noch aus?

Seit Tagen liegt das 400 Meter lange Containerschiff CSCL Indian Ocean in der Elbe fest im Schlamm. Was bedeutet das nun für die Ausbaggerung der Elbe, die Reeder angesichts immer mächtigerer Containerschiffe fordern? Das Prinizip "Immer größer, immer schneller" funktioniert in der Elbe nicht mehr. Ein Kommentar von Michael B. Berger.

Da liegt sie nun in ganzer Breite und drückt sich mächtig in den Elbschlick vor dem Stader Deich, die „CSCL Indian Ocean“. Die Reederei wird jeden Tag verfluchen, an dem der 400 Meter lange Containerkoloss nicht vom Fleck kommt. Denn die maritime Wirtschaft kennt nur eine Währung: Zeit. Jeder Tag des Stillstands kostet viel Geld. Und es ist noch nicht klar, wann die Schlepper Erfolg haben werden – und den Giganten in den Zielhafen Hamburg bugsieren können. Ist die Havarie kurz vor Hamburg ein Menetekel für die Großmannssucht von Reedern, die für ihre Pötte immer breitere Flüsse fordern? Ist jetzt das Unglück eingetreten, vor dem viele an der Elbe immer wieder gewarnt haben?

Es ist schon paradox, dass der schlecht ausgelastete Tiefwasserhafen Wilhelmshaven nur Schlagzeilen macht, wenn ein paar tote Pottwale angelandet werden, während mehr als 55 000 Schiffe pro Jahr Hamburg ansteuern. Auch viel zu große. Hamburg hat mächtig Glück gehabt, dass der Containerriese nicht ein paar Kilometer weiter elbaufwärts havariert ist und sich womöglich quer gelegt hätte. Dann wäre die maritime Pulsader Deutschlands verstopft. „Das wäre nicht nur ein GAU für die Hafenstadt Hamburg“, urteilt ein Insider, „sondern ein GAU für die gesamte Republik“. Denn in den Augen global operierender Reeder zählten nur die ganz Großen wie Hamburg oder Rotterdam – und nicht vergleichsweise unbekannte Häfen wie Wilhelmshaven.

Aber der Wettlauf um immer größere, schnellere Containerschiffe, die immer breitere Fahrrinnen brauchen und die Flüsse zu Kanälen machen, scheint gelaufen. Das Bundesverwaltungsgericht hat noch nicht endgültig entschieden, aber schon klargemacht, dass eine weitere Ausbaggerung der Elbe nur unter ganz strengen Auflagen erlaubt werden könnte. Ob überhaupt, ist derzeit fraglich. Die Gewässerqualität der Elbe dürfe sich nicht verschlechtern, urteilten die Richter. Kippt das Ökosystem Elbe oder die Hamburger Hafenwirtschaft mit mehr als 150 000 Beschäftigten und Ausstrahlung weit über die Hafenstadt hinaus?

Den Riesenfrachter wird man wieder flottkriegen. Irgendwie. Den Glauben an das Prinzip „Immer größer, immer schneller“ nicht. Die deutsche Hafenwirtschaft wird sich noch wesentlich stärker vernetzen müssen, um mit Hamburg und dem Tiefwasserhafen gegen die Giganten wie Rotterdam und Antwerpen zu bestehen. Das gebietet die schiere Vernunft – und Niedersachsen steht bereit.

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