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02:15 30.11.2015
Von Hendrik Brandt
Teilnehmer einer AfD-Kundgebung in Erfurt. Quelle: dpa
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Hannover

Auf den ersten Blick ist die Partei, die sich am Sonnabend in Hannover trifft, ein Rätsel. Sie heißt „Alternative für Deutschland“ und war zunächst gegen den Euro. Dann haben einflussreiche Mitglieder ihren Gründer und manchen prominenten Mitstreiter hinauskomplimentiert; seitdem steht die Partei vorrangig gegen die Zuwanderung. Einige ihrer Köpfe sind klirrend deutschnational, andere suchen nach einer bürgerlich-konservativen Ausrichtung. Wer hier am Ende die Richtung vorgibt, erscheint vorerst offen. Handlungskonzepte für die anstehenden Fragen fehlen der AfD. Dennoch: 9 Prozent der Deutschen würden sie in den Bundestag schicken, wenn an diesem Sonntag Wahl wäre.

Beim zweiten Blick zeigt sich: Das Rätsel ist gar keins. Weil Politik eben immer mehr ist als rationales Handeln in der Abwägung geprüfter Argumente. Das ist sie sogar sehr selten. Viel öfter hat sie es mit Stimmungen und Gefühlslagen, mit schnellen Vorurteilen und deren Dynamik zu tun. Das gilt auf allen Seiten - und neuerdings eben auch in Deutschland auf der äußersten Rechten.

Die AfD ist nicht etwa konzeptionell ein Gegenentwurf zur Politik der großen Mehrheit im Land. Dazu fehlt ihr so ziemlich alles. Ihr Umfrageerfolg rührt aus der Anti-Haltung, aus der „Endlich sagt es mal jemand“-Attitüde, die Ängste und Sorgen derer aufnimmt, die sich im Hauptstrom der Politik nicht mehr wohlfühlen. Und das sind eben nicht nur die wenigen Rechtsradikalen, die es im Land immer noch gibt. Das Zauberwort „Alternative“ im Parteinamen strahlt aktuell weit in gesellschaftliche Kreise hinein, die sich als „bürgerlich“ begreifen, die vielleicht lange CDU oder FDP gewählt haben und mit den Schlägertrupps der neuen Nazis nichts zu tun haben wollen. Die jedoch enttäuscht sind, dass Angela Merkel ihre CDU sozialdemokratisiert hat, die den Euro und Europa überhaupt für einen Fehler halten und mit Wehrpflicht wie Atomkraft noch nicht abgeschlossen haben. Und denen das „Wir schaffen das“ der Bundeskanzlerin mit Blick auf die reale Flüchtlingslage als blanker Hohn erscheint.

Mit Standardargumenten ist hier, wo oft das Gefühl mitspielt, wenig auszurichten. Und mit gut gemeinten Gegendemonstrationen, wie sie an diesem Wochenende in Hannover zum Parteitag der AfD zu erleben sein werden, eher auch nicht. Sie dienen mehr der Selbstvergewisserung der Demonstranten, die gerade in der Flüchtlingsfrage selbst spüren, wie hart die Arbeit ist und bleiben wird. Protest gegen üble Hetzer und Karrieristen, die es just mal über Rechtsaußen versuchen, ist gut und richtig - den vielen Fragenden jedoch, die jetzt am rechten Rand nach Hilfe suchen, nützt er nichts. Im Gegenteil: Auf der Straße ist selten ein glaubwürdiges Dialogangebot gemacht worden.

Genau das Gespräch aber, auch den harten Streit, braucht die Demokratie in der angespannten aktuellen Situation. Nicht mit Nazis und Schlägern - aber mit Menschen, deren Fragen und Thesen vielleicht erst einmal schwer auszuhalten sind. Wenn dieser Dialog, der schon an manchem örtlichen Info-Abend zu Flüchtlingsheimen wunderbar gelungen ist, offen und ohne Überheblichkeit geführt wird, wenn er erkennbar das Handeln bestimmt - dann wird die AfD schnell zur weiteren Fußnote der deutschen Parteiengeschichte.

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