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Was verdienen die Bauern?

Analyse zur Agrarwende Was verdienen die Bauern?

Die Landwirte sehen sie sich an den Pranger gestellt – als Brunnenvergifter, Tierquäler, lieblose Massenproduzenten. Klar ist: Die Landwirte müssen ihren Teil zur grünen Agrarwende beitragen. Dass dieser Wandel ein aufwendiger Prozess ist, sollten aber auch die Verbraucher anerkennen. Eine Analyse von Heiko Randermann.

Hannover. Bauer zu sein war noch nie leicht. Doch neben Unsicherheiten beim Wetter und den Weltmarktpreisen drückt die Landwirte heute noch eine weitere Last: Das tiefe Misstrauen der Gesellschaft, in der sie leben und arbeiten. Jahrhundertelang standen Bauern hoch im Ansehen, als Ernährer, die den Menschen ihr täglich Brot gaben. Jetzt sehen sie sich an den Pranger gestellt - als Brunnenvergifter, Tierquäler, lieblose Massenproduzenten.

Tausende niedersächsische Landwirte wollen Freitag nach Hannover kommen, um auf den grünen Agrarminister Christian Meyer zu pfeifen, den sie als Verkörperung all dieser Ungerechtigkeiten ansehen. Meyer selbst betont immer wieder, er sei selbstverständlich Minister aller Landwirte, nicht nur der Bio-Bauern - doch einem Mann, der seine politische Karriere als Chefankläger der Landwirtschaft begründet hat, wird man kaum abnehmen, dass er nun plötzlich zu ihrem Anwalt geworden ist.

Der Bauer ist sauer - auch weil die Diskussion um eine gute und allseits faire Landwirtschaft für die Städter höchstens ein Thema für das Treffen beim Latte macchiato im Straßencafé sein mag. Gern wird ausgeblendet, dass es für die Landwirte um die wirtschaftliche Existenz von Betrieben und Familien geht. Zugleich jedoch reift auch bei den Bauern eine Erkenntnis, die für sie härter sein mag als jeder Lehmboden: Sie müssen hinhören. Sie dürfen dieses Misstrauen nicht einfach abtun.

Zum einen gibt es tatsächlich Probleme mit Überdüngung und Ressourcenverbrauch durch intensive Landwirtschaft. Was im Nordwesten Niedersachsens hier zum Teil geduldet wird, hat mit nachhaltiger Landwirtschaft wenig, viel aber mit nacktem Gewinnstreben zu tun. Das muss die große Mehrheit der Bauern, die anders denkt und handelt, auch intern zum Thema machen. Und zum anderen ist der Wunsch nach einer nachhaltigen, tiefreundlichen und umweltschonenderen Landwirtschaft lange nicht mehr auf die Grünen beschränkt. Er geht tief in die Gesellschaft, sogar die CDU arbeitet an einem Programm für eine neue Landwirtschaft.

Die Landwirtschaft hat sich oft gewandelt, das muss sie jetzt wieder schaffen. Aber das dauert. Würden alle konventionellen Landwirte auf bio umstellen, was würde dann passieren? Die Lebensmittel würden knapper und teurer, in den Supermarktregalen würde Importware aus Osteuropa oder Übersee liegen, wo die Auflagen kleiner und die Ställe in der Regel noch größer sind. Für den Tierschutz wäre nichts gewonnen. Und würde man (gedanklich) die Grenzen für Import-Lebensmittel schließen, dann würden Lebensmittel hierzulande so teuer, dass einkommensschwache Bürger am stärksten darunter zu leiden hätten.

Dass der Wandel in der Landwirtschaft ein aufwendiger Prozess ist, müssen auch die Verbraucher anerkennen. Es wird zugleich Zeit, dass die Städter aus ihrem Wolkenkuckucks-Bauernhof ausziehen und sehen, dass Mini-Betriebe mit zwei Ziegen, einem Dutzend Hühnern und einer Kuh für Eigenversorger bestenfalls für Kinderbücher taugen. Heutige bäuerliche Landwirtschaft muss eine gewisse Größe haben, um leben zu können. Das ist ihr Recht - und ihre Verantwortung zugleich. Geballtes Misstrauen hat sie nicht verdient.

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