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Weckrufe ausdem Fernen Osten

Leitartikel Weckrufe ausdem Fernen Osten

Wie aus heiterem Himmel scheint China zum Problemgebiet zu werden. Doch das ist wohl eher eine Wahrnehmung der Europäer, die sich seit Jahren mit sich selbst beschäftigen. Für sie sind die Nachrichten aus China ein besonderer Weckruf: Die Welt kreist nicht um Griechenland.

Zählen Automanager dieser Tage die Krisengebiete der Welt auf, muss man sich an einen neuen Namen gewöhnen: China, Brasilien, Russland lautet die Reihenfolge in einer Selbstverständlichkeit, die die von Erfolg und Selbstbewusstsein gleichermaßen geprägten Chinesen ins Mark treffen muss. Natürlich hinkt der Vergleich, da steht eine immer noch stark wachsende Volkswirtschaft neben zwei strukturschwachen Rezessionsländern. Aber das macht es nur schlimmer. Zeigt es doch, wie abhängig die deutsche Industrie von dem einstigen Wunderland ist.

Im Fall VW geht es dort jeweils um mehr als ein Drittel der Konzernproduktion und des Gewinns. Da braucht es keine dramatische Krise für weitreichende Folgen. Der erste Absatzrückgang seit Menschengedenken genügt völlig. Wie aus heiterem Himmel scheint das Boomland zum Problemgebiet zu werden. Doch das ist wohl eher eine Wahrnehmung der Europäer, die sich seit Jahren mit sich selbst beschäftigen. Für sie sind die Nachrichten aus China ein besonderer Weckruf: Die Welt kreist nicht um Griechenland.

Wirklich überraschend kommt die Abkühlung in Wahrheit nicht, unter der Überschrift „New Normal“ hat die Staatsführung schon länger darauf vorbereitet. Doch die Begleitmusik ist schriller, als es selbst Landeskenner erwartet haben. Die hektischen Aktionen, mit denen der Staat ein Platzen der - von ihm mit aufgeblähten - Börsenblase zu verhindern sucht, wecken Misstrauen. Die drastische und überraschende Abwertung des Yuan, in der Sache nicht falsch, verstärkt die Unruhe.

Die „Neue Normalität“ besteht nicht einfach in niedrigeren Wachstumsraten, zu besichtigen ist ein Systemwandel. Der staatlich gelenkte Kapitalismus trifft auf die mittlerweile herausgebildeten Marktmechanismen, und das dürfte auch weiter mit Erschütterungen verbunden sein. Westliche Manager, die sonntags gern Freiheit und Markt predigen, verließen sich jahrelang quasi blind auf die Gestaltungsmacht der chinesischen Führung. Die bringt zwar auch manchen Ärger im Alltag, bürgt aber für zuträgliche Wachstumsraten.

Wer immer sich in den vergangenen Jahren Gedanken über den Fortgang des chinesischen Wirtschaftswunders machte, bekam erklärt, dass die Führung ja alle Mittel für eine Fortsetzung in der Hand habe - sie werde schon für Wachstumsraten sorgen, die den sozialen Frieden erhalten. Das tut sie jetzt mit den Eingriffen am Kapitalmarkt und der Yuan-Abwertung.

Viel wichtiger wären allerdings strukturelle Reformen. Die oft beschworene neue Mittelschicht muss ihr Geld zusammenhalten, weil immer noch soziale Sicherung fehlt. Die Ein-Kind-Politik führt in demografische Probleme, gegen die die deutschen Kleinkram sind. Die Wirtschaft ist trotz massenhafter Ingenieurausbildung innovationsschwach - kein Wunder in einem autoritären System, sagen Kritiker. Das erinnert dann wieder an Europa: Die Geldpolitik überspielt strukturelle Probleme.

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