Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Wem hilft 
die Angst?

Analyse Wem hilft 
die Angst?

Globalisierung, Zuwanderung und eine konturlose Politik haben bei vielen Menschen in Deutschland eine Angstspirale in Gang gesetzt. Dabei gibt es keinen Grund für ein Albtraumszenario. Allerdings müssen Wirtschaft, Politik und Verwaltung zukunftsorientierter agieren. Eine Analyse von Hendrik Brandt.

Sie klingt nicht, sie riecht nicht und sie ist auch nicht zu schmecken. Und dennoch ist sie überall zu fühlen: die Angst. Deutschland mag noch nie ein Land überschwänglicher Optimisten gewesen sein – derzeit jedoch dreht sich die Nation in eine Angstspirale hinein, die ihresgleichen sucht. Als ginge es uns schlecht.

Dabei ist leicht zu sehen, dass der Staat, die Wirtschaft und die meisten Menschen in ihrem Privatleben lange nicht so gut dastanden wie heute. Selten waren die Möglichkeiten für die große Mehrheit größer. Das Problem ist nur: Wir verlernen mehr und mehr, daran weiter zu arbeiten. Und sehen uns stattdessen überfordert (von der aggressiven globalen Wirtschaft), bedrängt (von der massiven Zuwanderung) und im Stich gelassen (von der Politik). Irgendwann kriecht sie dann hoch – die Angst vor der Zukunft und der Veränderung, die sie mit sich bringt. Von der Rändern der Gesellschaft hat sich die Angst in hohem Tempo in ihre Mitte gefressen. Sie wird nichts Gutes anrichten. Weder die Angststarre der Mutlosen noch die Angstbissigkeit der Radikalen werden ernsthaft etwas nützen – und die allgegenwärtige Flucht ins Private auch nicht. Es gibt keinen Ausgang aus dem Leben, in dem wir stehen.

Die Bergleute hatten einen alten Spruch. Vor der Hacke, so sagten sie, sei es dunkel. Man weiß halt nicht immer, was kommt oder passiert – und macht dennoch weiter. Oder gerade deswegen. Es scheint, als habe Deutschland dieses Zutrauen ins Zupacken irgendwo zwischen Finanzzockerei und Zuwanderung, Digitalisierung und Globalisierung verloren. Von Europa, Volkswagen oder gar der Fifa ganz zu schweigen. Die gewaltigen Veränderungen der Welt erleben viele nur noch als einen steilen, sehr rutschigen Abstieg. Mancher meint schon, den Halt zu verlieren.

Es wird Zeit, dieses Albtraum-Szenario nicht weiter zu pflegen. Drei Leitplanken könnten helfen: kluge Politik, erfolgreiche Wirtschaft und ein dynamisches Staatsmanagement in den Verwaltungen – vom Rathaus um die Ecke bis nach Berlin. Gerade diesen Punkt kann man nicht hoch genug einschätzen wie vor allem das Flüchtlingsthema zeigt. Es sind die zahllosen Verwaltungsmanager, die derzeit die Probleme lösen. Manche stärken dabei mit klugem, unkonventionellem Handeln das Zutrauen in Staat und Demokratie, andere erreichen mit Kleingeistigkeit und Dienst nach Vorschrift das Gegenteil – nicht nur in Sachsen. Da geht noch viel.

Zumal die Steuern fließen, weil die Wirtschaft brummt. Es wird viel Kraft, Geld und Veränderungsbereitschaft kosten, damit das auch in den nächsten Jahren so bleibt. Nicht alle Unternehmer haben das schon realisiert, manche glauben etwa immer noch, die digitale Revolution gehe an ihnen schon irgendwie vorbei. Da ist viel zu tun.

Und die Politik? In Berlin mag man kaum noch hinsehen. Die Kanzlerin hat nur noch ein Thema, der Vizekanzler weiß nie länger als ein paar Tage, was er gerade wollen soll und die Opposition ist in jeder Hinsicht alternativlos. Kein Wunder, dass da die Angst in Gestalt der AfD immer weiter wächst. Wer sie auf diesem Feld bekämpfen will, braucht mehr Klarheit, Festigkeit und Mut zum wirklichen Sachstreit. Die Demokratie hält das aus – und sie ist es wert.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Meinung