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Wer beendet das Diesel-Theater?

Analyse Wer beendet das Diesel-Theater?

Auothersteller sagen nicht die Wahrheit über die Schadstoffmengen, die im Alltag produziert werden, und kommen damit rechtlich wunderbar durch. Das muss endlich ein Ende haben. Eine Analyse von Hendrik Brandt.

Hannover. Wer in diesen Tagen in ein dieselbetriebenes Auto steigt, kann sich als tragischer Held fühlen. Man hat die allerbesten Absichten - und trägt doch dazu bei, dass die Luft für die Mitmenschen schlechter wird. Das übrigens in weit höherem Maße als diejenigen erzählen, denen man mit gutem Gewissen ein Fahrzeug abgekauft hat. Denn die Hersteller des Autos sagen einfach nicht die Wahrheit über die Schadstoffmengen, die im Alltag produziert werden, und kommen damit rechtlich wunderbar durch. Weil die vorherrschende Politik bei uns keine ernsthaften neuen Tests etwa vom TÜV will. Das wiederum hat mit den Hundertausenden Arbeitsplätzen zu tun, die von der Autoindustrie abhängen.

Nun trägt jede Tragödie den Keim der Farce in sich. Und es scheint, als werde der beim Umgang mit dem Verbrennungsmotor jetzt langsam sichtbar. Die Politik zumindest macht sich hier nach und nach zum Gespött. Einerseits hält sie an Normen und Vorschriften fest, die offenbar für den Dieselmotor mit der heutigen Verbrennungstechnik überhaupt nicht bezahlbar zu erfüllen sind. Wenn sogar modernste Autos mit all ihren Harnstoff-Tricks im Alltag weit mehr Stickoxide ausstoßen als erlaubt, dann stimmt entweder die entsprechende Norm nicht - oder eben die Kontrolle der Autos. Doch weder an dem einen noch an dem anderen Punkt bewegt sich politisch etwas.

Vollends absurd wird es, wenn nun die Städte und Gemeinden nach und nach von Umweltverbänden verklagt werden, weil die Luft in ihrem Zuständigkeitsbereich zu viele Stickoxide enthält. Was sollen die örtlichen Verwaltungen denn tun? Die Große Koalition in Berlin lässt sie ungerührt hängen, die Autohersteller haben keine realistische technische Lösung für sie. Und wer über Fahrverbote für nahezu fabrikneue Autos nachdenkt, riskiert mit ein paar guten Gründen einen mittleren Aufstand in der eigenen Region.

Tragödie oder Farce - es ist an der Zeit, das Theater zu beenden. Im Kern wird in diesen Tagen endgültig klar: Die hochsensiblen Abgasgrenzwerte für unsere Autos werden sich mit der heutigen Motorentechnik kaum sinnvoll erreichen lassen. Zugleich ist die Idee, dass man unsere Städte via Bahn und Fahrrad nahezu autofrei bekommt, eine Illusion gesunder, dynamischer Großstädter. Eine alternde Gesellschaft wird den Individualverkehr auch in Innenstädten zu guten Teilen weiter brauchen.

Also kann es nur darum gehen, den Wechsel der Antriebstechnik in Richtung Elektromobilität (aus Ökostrom) und die neuen Konzepte des digitalisierten Verkehrs mit aller Macht voranzutreiben. Bis der Durchbruch geschafft ist, wird man mit den Grenzwerten und der vorhandenen Technik entspannter umgehen müssen.

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Von Redakteur Hendrik Brandt