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Wer denkt an die wirklich armen Alten?

Kommentar Wer denkt an die wirklich armen Alten?

Denjenigen unter den Rentnern, die von Altersarmut betroffen sind, muss durch Aufklärung die Scheu genommen werden, überhaupt staatliche Hilfe anzunehmen, meint unser Autor Udo Harms.

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Die Zahl der Rentner, die Grundsicherung beziehen müssen, wird sich in den kommenden Jahren verdoppeln, so Experten.
 

Quelle: dpa

Hannover.  Die Nachricht war für eine dicke Schlagzeile gut: „Fast jedem Zweiten droht eine Mini-Rente“, warnte der WDR Mitte April und sorgte für Aufsehen. Die Daumenpeilung des Senders erwies sich zwar als nicht haltbar, doch das Thema war richtig erkannt: Viele Rentner und Erwerbstätige fürchten um ihre Altersversorgung. Die Politik bringt deshalb immer neue Reformen auf den Weg: Rente mit 63, Mütterrente, Erwerbsminderungsrente und die Renteneinheit in Ost und West. All diese Gesetze helfen Rentnern – und gehen doch vorbei an den armen Alten, die Hilfe dringend nötig haben.

So profitieren von der Rente mit 63 überwiegend gut verdienende Facharbeiter. Die Mütterrente kassiert auch die Arztgattin, während sie bei armen Frauen von der Grundsicherung abgezogen wird. Die höhere Erwerbsminderungsrente ist wichtig, sie soll aber nur für künftige Rentner gelten. Und die Renteneinheit ist ein richtiges Signal, pflegt aber vor allem das Gerechtigkeitsgefühl und bringt besonders den Beziehern guter Renten mehr Geld. Wer im Osten schon jetzt von seiner Rente kaum leben kann, wird auch künftig nicht wissen, wie lange er Lebensmittel und Miete noch bezahlen kann.

Ein Problem der Rentendebatte ist die Fixierung auf das Rentenniveau. Vor der Bundestagswahl bahnt sich bereits ein Überbietungswettbewerb an: Wie kann verhindert werden, dass das Rentenniveau sinkt? Dabei gibt das Rentenniveau nur das Verhältnis der Standardrente (nach 45 Beitragsjahren mit durchschnittlichem Gehalt) zum Durchschnittseinkommen an. Auch wenn die Rente – wie von Experten vorausgesagt – Jahr für Jahr um zwei Prozent steigt, sinkt das Rentenniveau allein deshalb, weil die Löhne noch stärker steigen dürften. Wenn Parteien sich heute also um das Rentenniveau im Jahr 2030 kümmern, haben sie Rentner im Blick, die von Altersarmut weit entfernt sein werden.

Wirklich schlecht geht es dagegen derzeit etwa drei Prozent der Rentner, die gar keine oder so wenig Rente bekommen, dass sie auf eine Grundsicherung angewiesen sind. Ihnen müsste rasch geholfen werden: Durch eine Erhöhung der Grundsicherung, durch die Möglichkeit, mehr vom Ersparten behalten zu dürfen und durch Freibeträge bei der Anrechnung von Minirenten auf die Grundsicherung. Schon jetzt gilt als sicher, dass sich die Zahl der Rentner, die von der Grundsicherung leben müssen, in den nächsten Jahren verdoppeln wird – weil viele Menschen zu wenig verdienen oder zu oft arbeitslos sind, um genug Geld in die Rentenkasse einzahlen zu können. Das ist allerdings ein Alarmsignal. Aber die Politik muss trotzdem auch dafür sorgen, dass mehr Rentner eine Grundsicherung bekommen: Indem die Bedingungen für den Bezug gelockert werden und indem armen alten Menschen durch Aufklärung die Scheu genommen wird, überhaupt staatliche Hilfe anzunehmen. Das reicht nicht, das löst nicht das Rentenproblem, verhilft aber vielen Rentnern zu einem würdigeren Leben.

Von Udo Harms/RND

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