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Wer steuert unsere Autos?

Analyse Wer steuert unsere Autos?

Das führerlose Auto für Jedermann ist nicht mehr nur eine ferne Vision, sondern könnte bald Wirklichkeit werden. Was verlockend klingt, birgt allerdings Risiken - und die sind noch nicht Zu Ende diskutiert. Eine Analyse von Harald John.

Bislang blickten Besucher der IAA stets sehnsüchtig auf die glänzenden Neuerscheinungen in den Frankfurter Messehallen - in diesem Jahr starren die Autos kritisch zurück. Die digitalen Welten mit ihren Kameras und Sensoren haben Einzug in den Automobilbau gehalten, innen wie außen. Künftig werden wir von intelligenten Systemen beobachtet: Sind wir noch aufmerksam? Übermüdet und abgelenkt? Gar angetrunken? Das Cockpit, so die Nah-Vision, wächst zum neuen Lebensraum zwischen Wohnung und Arbeit. Und auch außerhalb denkt und lenkt der Computer: Spur halten, beschleunigen, abbremsen, Hindernissen ausweichen. Der Mensch am Steuer kann also langsam loslassen.

Oder sogar ganz schnell. Ein Google-Manager prophezeit, dass sein zwölfjähriger Sohn keinen Führerschein mehr machen müsse. In vier Jahren soll Googles Roboterwagen-Technologie marktreif sein, ein Lenkrad bräuchten diese Wagen dann nicht mehr. Kritikern der führerlosen Fortbewegung hält Google ein abgestuftes Sicherheitskonzept entgegen: Im Falle einer möglichen Kollision würden die Chip-Autos zunächst Fußgängern und Radfahrern ausweichen, dann Fahrzeugen, schließlich Bäumen. Die Risiken sind nicht zu Ende diskutiert: Werden Pendler am Morgen ihre smarten Autos per kurzem Befehl aus den kostenpflichtigen Parkzonen der Innenstädte zurück in die heimische Vorort-Garage schicken und am Abend zurückbeordern? Können selbstfahrende Autos von Hackern etwa in abgelegene Waldgebiete umgeleitet werden? Unter dem Stichwort „Cybersecurity“ diskutieren Experten, ob ferngesteuerte Autos für Drogenschmuggel oder Attentate missbraucht werden könnten.

Noch weiß niemand, wie groß der Markt für selbstfahrende Fahrzeuge ist. Drei Viertel der deutschen Neuwagenkäufer sagen, dass sie den Computer navigieren lassen würden. Voraussetzung: Das Auto kostet nicht mehr und bietet die Chance, selbst nachzusteuern. Diese Aussichten erinnern an die Euphorie rund um das Elektroauto. Audi und Porsche werden Modelle präsentieren, denen erst nach 500 Kilometern der Saft ausgehen soll. Das klingt sauber und richtig, aber viele Besucher werden sich dort drängen, wo SUVs präsentiert werden. Geländegängige Schlachtschiffe für den Nahkampf im Stadtverkehr: teuer, überdimensioniert, unvernünftig.

Gut möglich, dass der Mensch künftig seine Hände vom Lenkrad nimmt. Wie das mit dem Fuß am Gas aussieht, ist eine andere Frage.

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Von Redakteur Harald John