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Wer vertraut Volkswagen?

Analyse Wer vertraut Volkswagen?

Die Hauptversammlung, von manchen bei VW als nervige Altlasteninspektion empfunden, war ein nötiger Schritt auf dem Weg zu neuen Zielen. Die Aktionäre machten den Vorständen und Aufsichtsräten deutlich: Volkswagen hat zu lange im eigenen Saft geschmort.  Eine Analyse von Wirtschaftsredakteur Stefan Winter.

Natürlich hat die VW-Hauptversammlung am Mittwoch keine neuen Erkenntnisse über den Abgas-Skandal gebracht. Und natürlich haben die Familien Porsche und Piëch eine Stimmenmehrheit, die jedem Kritiker Frust garantiert. Und, ja: Es waren wieder die bisweilen clownesken Selbstdarsteller unterwegs. Aber dieses Mal musste es sein – nicht nur für das seelische Gleichgewicht einiger Aktienbesitzer, sondern auch, damit sich die stets abgeschottete Führung des Konzerns endlich einmal ungefiltert der Kritik stellen muss.

Im Innern fühlt man sich bei VW eigentlich schon weiter. Die Eckpunkte der Strategie 2025 sind beschlossen, in alter Superlativ-Gewohnheit will man jetzt „weltweit führender Anbieter nachhaltiger Mobilität“ werden. Und selbstverständlich sollen die saubersten Autos aus dem saubersten Unternehmen kommen. Die Managementmaschine läuft wieder und das ist erst einmal gut so: Agonie kann sich dieses Unternehmen jetzt noch weniger leisten als andere.

Aber wären Konzepte allein schon Realität, hätte es „Dieselgate“ nie gegeben. Verantwortung und Integrität werden bei VW seit Jahren großgeschrieben – in Konzepten und Broschüren. Über dieses Stadium sind die vielen, zum Teil wohlfeilen neuen Vorsätze nicht hinaus. Dass sich der Konzern mit dem Wandel schwertut, hat der unsägliche Bonuspoker des Vorstands gezeigt. Auch die Begeisterung für offene Diskussion, andere Technologien und Organisationsformen, die vor ein paar Monaten noch verpönt waren, glaubt man nur mühsam. Schlicht abenteuerlich ist es, Managern mit einer Entlastung ausdrücklich das Vertrauen auszusprechen, gegen die der Staatsanwalt ermittelt. Und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch ist fachlich zwar über jeden Zweifel erhaben – bleibt als ehemaliger Finanzchef aber eine belastete Besetzung. Die Hauptversammlung leitete er souverän, kürzte die Redezeiten aber bis zur Grenze des Zumutbaren.

Das Nötige sagten die Aktionäre den Vorständen und Aufsichtsräten trotzdem deutlich: Volkswagen hat zu lange im eigenen Saft geschmort, ein sonderbarer Mix aus Hybris, Machbarkeitswahn und auch Angst hat den Konzern ins Desaster geführt. Die Hauptversammlung, von manchen bei VW als nervige Altlasteninspektion empfunden, war ein nötiger Schritt auf dem Weg zu neuen Zielen. Die übliche Bitte um Vertrauen müsse er sich in diesem Jahr sparen, sagte Konzernchef Matthias Müller am Mittwoch. Das könne er sich nur verdienen. Der Mann hat recht.

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VW-Hauptversammlung

Die Aktionäre von Volkswagen trafen sich am Mittwoch in Hannover zur Hauptversammlung. Neun Monate nach Bekanntwerden des Abgas-Skandals bei VW ging es hoch her: Für Vorstand und Aufsichtsrat war es ein stundenlanges Scherbengericht. 

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