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Herz auf der Treppe

Unterm Strich Herz auf der Treppe

Wenn demnächst weitere Flüchtlinge kommen, bleibt zu hoffen, dass Hannover sich den Geist vom Weißekreuzplatz bewahrt, meint Felix Harbart.

In der Nacht zu Donnerstag wollte der deutsche Staat den Asylbewerber Yassin Abbas abschieben – aber er kam nicht die Treppe hinauf. Mehr als 150 Hannoveraner hatten sich ins Treppenhaus gesetzt, einige warteten bei Abbas in der Wohnung, man aß und trank, Nachbarn kochten Chili. Es war eine friedliche, überlegte, herzerfrischende Aktion. Die angerückten Vollzugsbeamten reagierten ebenso überlegt und drehten wieder um.

Seit Ende Mai kampieren Abbas’ sudanesische Landsleute auf dem Weißekreuzplatz in der Oststadt. Sie protestieren dort gegen die deutsche Asylpolitik, deren ganze Tragik sich darin zeigt, wie sie dort Fußball spielen oder Schach, während sie nicht arbeiten dürfen und ihre Akten zwischen europäischen Schreibtischen hin- und hergeschoben werden.

Erfreulich an der Szenerie ist allein, mit welchem Gleichmut die Nachbarschaft das Camp der Verzweifelten zur Kenntnis nimmt. Den Gastronomen ringsum seien die Sudanesen sogar lieber als lärmendes Partyvolk, sagt der Bezirksbürgermeister. Das größte Problem hat der Entsorger aha, der nicht weiß, von wem er bummelige 41 Euro im Monat für die Bereitstellung eines Containers eintreiben soll. Szenen einer Stadt, in der rechtsextreme Parteien seit Jahren kein Bein auf die Erde bekommen – was auch daran liegt, dass niemand sie kleinredet.

Das alles heißt aber nicht, dass die Unterbringung von Flüchtlingen nicht auch in und um Hannover zu Diskussionen führt. Diese Diskussionen werden in den kommenden Monaten verstärkt geführt werden, weil die Kommunen der Region aufgrund der zahlreichen weltweiten Krisen eine größere Zahl von Flüchtlingen unterbringen müssen. Am Kronsberg, Groß-Buchholz und anderswo schauen Anwohner sehr kritisch darauf, wenn die Stadt in ihrer Nachbarschaft ein Flüchtlingsheim plant. In Ronnenberg diskutieren Anwohner mit ihrer Kommune zurzeit darüber, warum die neue Unterkunft ausgerechnet auf dem Bolzplatz ihrer Kinder errichtet werden soll. Gleichzeitig wird die Yoga-Gruppe eines nahen Sportvereins vermutlich auf eine städtische Wohnung als Übungsort verzichten müssen, weil nun stattdessen Asylbewerber dort einziehen sollen. An diesen Stellen trifft wohlfeile Rhetorik, nach der Flüchtlingen natürlich geholfen werden muss, auf unsere eigene Lebensrealität mit ihren kleinen und großen Problemen. Und dabei gilt es, sorgfältig abzuwägen.

Wichtig wird sein, nicht jeden, der Einwände gegen ein Flüchtlingsheim an einem bestimmten Ort hat, pauschal zu kritisieren. Es hat nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun, wenn man anmahnt, dass ein viel genutzter Bolzplatz eine Einrichtung ist, die man erhalten sollte. Im Umkehrschluss darf die Rücksicht auf Althergebrachtes nicht dazu führen, dass Kommunen Hilfesuchende standardmäßig in Containern auf der Wiese unterbringen. Erstaunlich viele Menschen in Stadt und Umland haben in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht, dass es sie bereichert, Flüchtlingen zu helfen. Sie geben Deutschunterricht, richten Fahrräder her und bringen den Empfängern gleich noch das Fahrradfahren bei. Beide Seiten haben etwas davon, wenn die Neuankömmlinge auch wirklich in der Stadt ankommen, statt nur an ihrem Rand abgesetzt zu werden.

Bleibt die Frage, was aus Yassin Abbas wird. Fürs Erste ist seine Abschiebung gescheitert. Sein Unterstützerkreis ist groß, und er wird versuchen, den Tag der Abreise weiter hinauszuzögern. Ob Abbas das am Ende etwas bringt, wird an einem Behördenschreibtisch entschieden.

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Nordstadt

Rund 150 Demonstranten haben in der Nacht zu Donnerstag die Abschiebung eines Sudanesen aus Hannover verhindert. Sie blockierten das Treppenhaus eines Gebäudes in der Nordstadt und damit den Zugang zur Wohnung des betroffenen Flüchtlings.

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