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Wie wären wir 
ohne die Fremden?

Analyse zu den Geschehnissen in Heidenau Wie wären wir 
ohne die Fremden?

Heidenau? Ein Ort in Sachsen, wo ein Pack brutaler Neonazis vor einer Flüchtlingsunterkunft aufmarschierte und Polizisten sowie Flüchtlinge attackierte. Heidenau, ein Ort, in dem Vizekanzler Sigmar Gabriel gestern das nackte Elend zu sehen bekam. Eine Analyse von Michael B. Berger.

Es sei leider noch nicht gelungen, das Mitgefühl so zu lenken, dass das Fremde als Bereicherung empfunden werde. Das hat der Bürgermeister von Heidenau, ein CDU-Politiker, gestern gesagt. Heidenau? Ein Ort in Sachsen, wo ein Pack brutaler Neonazis vor einer Flüchtlingsunterkunft aufmarschierte und Polizisten sowie Flüchtlinge attackierte. Heidenau, ein Ort, in dem Vizekanzler Sigmar Gabriel gestern das nackte Elend zu sehen bekam. Im Baumarkt, einer deutschen Flüchtlingsunterkunft: Viele Menschen, wenige Toiletten – und gewaltige Angst.

Die Fremden als Bereicherung? Der Gedanke scheint für viele tatsächlich absurd in diesen Tagen. Und doch muss er nicht nur erlaubt, sondern gar aktiv behauptet werden – gegen die nackte Not in Heidenau und anderswo, die auch bei vielen Deutschen diffuse Ängste wachruft. Auch deshalb die Abwehr, bei manchen sogar Hass.

Niedersachsen scheint hier fast eine Insel der Seligen zu sein

Niedersachsen scheint hier fast eine Insel der Seligen zu sein. Hier, das hat die jüngste Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts herausgefunden, ist jeder siebte Bürger fremdenfeindlich. Man könnte sagen: nur. Die Daten der gestern veröffentlichten großen Repräsentativumfrage sind zwar im letzten Jahr erhoben worden, als das Ausmaß der Völkerwanderung nur den wenigsten bewusst war, aber zu ähnlichen Befunden, so sagen die Forscher, würde man wohl auch aktuell kommen. Eine Mehrheit der Deutschen, so das ZDF-Politbarometer vergangene Woche, hält die Bewältigung der Flüchtlingsunterbringung für machbar. Es wäre ja auch ein Treppenwitz, wenn dieser gut organisierte Staat daran scheitern sollte.

Aber das setzt viel voraus: mehr Vorbereitung (der Kommunen), wesentlich mehr Improvisationsgabe und schlankere Gesetze (für den Bau neuer Flüchtlingsunterkünfte). Und vor allem eines: Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation.

Die Zuwanderung kann ein Segen sein

Denn es stimmt eben doch: Die Zuwanderung, die manche derzeit wie einen Fluch erleben, kann zum Segen dieses Landes reichen. Langfristig. Und mit großen Mühen, keine Frage. Denjenigen, die jetzt am liebsten alle Grenzen dicht machen wollen, mangelt es an Fantasie, wie sich ein Land entwickeln würde, in dem es viele, viele Rentner gibt, aber nur noch wenig Menschen, die in heißen Küchen, an anstrengenden Montagebändern oder auf stressigen Pflegestationen arbeiten wollen. Die Ängstlichen haben keine Vorstellung davon, welchen Weg ein solches Land nehmen kann, das keine Arbeitsplätze mehr besetzen kann. Es wäre am Ende ein Weg in jene Armut, aus der jetzt die Menschen zu uns kommen.

Dass die „große“ Politik erst langsam aufwacht, dass sie sogar noch Mühe hat, Worte zu finden für die Verwerfungen, die diese Völkerwanderung mit sich bringt – das wird immer mehr zum Skandal. Zumal Konzepte fehlen, die klarmachen: Die Arbeit hat begonnen.

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