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Zeit, dass sich die Mächte neu sortieren

Leitartikel Zeit, dass sich die Mächte neu sortieren

Es ist eine Eilmeldung, wie man sie jahrzehntelang gefürchtet hat: Luftwaffe eines Nato-Staats schießt russisches Kampfflugzeug ab. Die westliche Diplomatie muss sich beeilen, auf beide Seiten dämpfend einzuwirken. Ein Leitartikel von Matthias Koch.

Zum Glück ist der Kalte Krieg vorbei. Heute betonen beide Seiten, sie hätten, anders als unter Chruschtschow und Kennedy, einen gemeinsamen Gegner, den "Islamischen Staat". Es gibt jetzt keine Kettenreaktionen, die geradewegs in den Weltuntergang führen. Einen Vorteil allerdings hatte das frühere Cold-War-Szenario: Die Militärs mieden Experimente.

Heute dagegen werden schon mal Provokationen gewagt, auch kleine Gegenschläge. Mehrfach flog Russlands Luftwaffe in letzter Zeit über türkisches Gebiet, mal mit nachfolgender Entschuldigung, mal ohne, mal mit Flugzeugen, wohl auch mit Drohnen. Die türkische Seite reagierte frostig – und verblieb mit Moskau zuletzt so, dass man nun alles abschießen werde, was da kommt.

Waren die Russen jetzt in türkischem Luftraum? Dann wäre der Abschuss völkerrechtlich zu rechtfertigen. Ein politisch verstörendes Signal aber liegt in dem Vorfall so oder so. Warum stimmen sich Ankara und Moskau nicht viel enger ab, wenn es doch angeblich gegen einen gemeinsamen Feind geht?

Die Wahrheit ist: Türken und Russen wollen in Syrien nicht das Gleiche. Dieser Umstand wird durch den brennend zu Boden gegangenen russischen Su-24-Jet auf makabre Weise beleuchtet: Die Maschine stürzte auf ein syrisches Gebiet, das zum Ärger Ankaras mehrfach von Russland bombardiert wurde; dort siedeln Turkmenen, die den Türken nahestehen und sich gegen Syriens Diktator Assad erheben, aber nichts mit dem "Islamischen Staat" zu tun haben wollen. Moskau kann den Abschuss also auch als feindseligen Querschuss empfinden: aus einer Türkei, die unter Präsident Erdogan ihre Ellenbogen ebenso ausgefahren hat wie Russland unter Präsident Putin. Der Konflikt könnte, wenn nichts geschieht, weiter eskalieren.

Die westliche Diplomatie muss sich beeilen, auf beide Seiten dämpfend einzuwirken. Vor allem die USA sind jetzt gefordert. Frankreichs Präsident Hol­lande, der sich historisch herausgefordert wähnt nach den Pariser Anschlägen, sollte seine Kräfte nicht überschätzen. Es ist gut, dass er mit dem Briten Cameron gesprochen hat, dass er US-Präsident Obama trifft und auch Putin. Doch die Antwort auf den neuen islamistischen Terror erfordert mehr als Bombenabwürfe durch eine wiederbelebte Vier-Mächte-Formation aus dem 20. Jahrhundert.

Es ist Zeit, dass sich die Mächte neu sortieren. Eine intelligente neue SyrienPolitik kann drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: den Streit mit Russland beenden, den IS bekämpfen, geflohenen Syrern neue Perspektiven bieten. Dazu muss die Staatengemeinschaft zusammenrücken. Deutschland als ökonomische Führungsmacht der EU muss ebenso mitreden wie die Türkei, die im 21. Jahrhundert als Brücke zur islamischen Welt eine zentrale Rolle spielen wird.

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