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Zwei Welten

Jörg Kallmeyer zur Jugend 2010 Zwei Welten

Ach ja, die Jugend von heute! Über nichts anderes schimpfen die über 50-Jähri­gen so gern und so häufig wie über junge Leute, haben Meinungsforscher herausgefunden. Inzwischen wissen wir, dass es dafür keinen Grund gibt.

In der neuen Shell-Studie präsentiert sich eine Vorzeige-Jugend: optimistisch mitten in der Krise, orientiert an inneren Werten in einer immer unübersichtlicheren Welt – und hochzufrieden mit ihren Eltern und deren Erziehungsmethoden. Was will man mehr?

Glück im Reihenhaus

Nach der „Generation Golf“ und der „Generation Kuschel“ kommt die „Generation Reihenhaus“, weil jetzt schon 15-Jährige von den eigenen vier Wänden träumen. Protest war gestern, heute ist Anpassung gefragt. Aus Überzeugung – oder vielleicht auch, weil man am Ende doch keine Wahl hat?

Die Forscher, die hinter das Bild einer ganz und gar heilen Jugend blicken, erkennen Risse. Manche sprechen von der „Generation Biedermeier“: Ihr Lebensentwurf mit Haus, Garten und Familie sei auch eine überspitzte Reaktion auf eine latente Überforderung. Diese Jugend kennt wie kaum eine andere in den vergangenen Jahrzehnten die Angst davor, den sozialen Anschluss zu verlieren. Sie zeigt sich auch deshalb flexibel und pflichtbewusst, um ja nicht abzustürzen.

Eine Gruppe von gut 15 Prozent der Jugendlichen scheint bereits resigniert zu haben. Diese jungen Leute erleben sich als die „Abgehängten“; sie haben kaum Aussicht auf einen ordentlichen Schulabschluss, verbringen viel Zeit mit Computerspielen und kümmern sich wenig um echte soziale Beziehungen. Seit der Pisa-Untersuchung weiß man, dass zehn bis 15 Prozent der Schüler ohne Chance das Bildungswesen durchlaufen, die Shell-Studie liefert nun das niederschmetternde Ergebnis: Die „Abgehängten“ sehen ihre Zukunft ganz im Gegensatz zu den Altersgenossen, die gut in der Schule sind, viele Freunde haben und ein Instrument erlernen, nur noch düster.

Wer wenig hat, der hat auch nur wenig Hoffnung – ein in höchstem Maß alarmierender Befund. Wenn eine ganze Gruppe von jungen Leuten nicht mehr an die Chance zum Aufstieg glaubt, dann schwinden die Bindungskräfte in der Gesellschaft rasant. Und die Probleme wachsen: Gestern wies der Bund der Kriminalbeamten darauf hin, dass der Anteil der Mehrfach- und Intensivtäter unter Jugendlichen auf zehn bis 15 Prozent angewachsen sei.

Man ist nur einmal jung

Die Politik steht dem Problem der „abgehängten“ Jugendlichen seit Jahren hilflos gegenüber. Familienministerin Kristina Schröder kündigte als Reaktion auf die Shell-Studie an, man werde künftig mehr in die frühkindliche Bildung investieren. Das ist schön, aber was hat ein 16-jähriger Hauptschüler davon, der längst den Eindruck hat, er bekomme Hartz IV von seinen Eltern vererbt? Für ihn kommt, wenn er aus einer Migrantenfamilie stammt, auch die Ankündigung zu spät, es werde künftig Sprachprogramme schon vor dem Kindergarten geben. Und was nutzt dem Hauptschüler die Perspektive, dass in ein paar Jahren Arbeitskräfte dringend benötigt werden? Im Hier und Jetzt bekommt er keine Lehrstelle. Was nutzt es ihm, dass die Schulform, die er jetzt besucht, in ein paar Jahren abgeschafft sein wird? Bislang hat man es nicht einmal geschafft, aus allen Hauptschulen vernünftige Ganztagsschulen zu machen.

Die Politik stellt bei der Lösung von Bildungsproblemen immer einen Scheck auf die Zukunft aus. Das aber befreit sie nicht davon, die Probleme der Generation zu lösen, die jetzt am Zug ist. Keine Gesellschaft der Welt kann es sich leisten, eine ganze Gruppe von Jugendlichen einfach abzuschreiben. Macht sie es dennoch, dann zeichnet die nächste Shell-Studie sicher nicht mehr das Bild einer friedlichen und angepassten Jugend.

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