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„Eine Epidemie kannte keiner von uns“

EHEC „Eine Epidemie kannte keiner von uns“

Reinhard Brunkhorst, führender deutscher Nierenspezialist, im Interview über den Kampf gegen den EHEC-Erreger. Der Chefarzt der Nieren-Fachklinik im Klinikum Oststadt-Heidehaus behandelte zweitweise bis zu 25 HUS-Infizierte.

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Ist die EHEC-Krise ausgestanden?
Wir behandeln derzeit noch 13 Patientinnen auf unserer Station. Die letzte Patientin kam vor fünf Tagen zu uns. Ihre Infektion lag schon etwa drei Wochen zurück. Ich denke, wir haben die Epidemie weitgehend überstanden. Allerdings gibt es weiterhin schwer kranke HUS-Patienten in den Krankenhäusern.

Zeitweilig schien es, als wäre die Medizin ratlos. Ist das so?
Ich kann mich in meinen 30 Jahren als Arzt an nichts Vergleichbares erinnern. Ich kannte aus meiner Zeit an der Hochschule einzelne EHEC-Patienten mit HUS-Syndrom. Es waren ein bis zwei Patienten pro Jahr und überwiegend Kinder. Plötzlich hatten wir es vor drei Wochen mit Hunderten Patienten zu tun, die unter schweren neurologischen Ausfall­erscheinungen litten und lebensbedrohlich erkrankt waren. Niemand kannte bislang eine solche Epidemiesituation aus der klinischen Erfahrung.

Was ist mit der Schweinegrippe?
Die haben viele Kollegen nicht als so bedrohlich angesehen wie die Gesundheitsbehörden, weil die Daten aus Mexiko und Australien bereits vorlagen, als der Hype in Deutschland losging. Die Schweinegrippe war keine mit der EHEC-Epidemie vergleichbare Herausforderung für uns.

Worin bestand die aktuelle Herausforderung?
Vor allem die schweren klinischen Symptome waren völlig neu. Bereits zu Beginn kamen zu uns Patientinnen, die nicht mehr sprechen konnten, die komatös waren und Krampfanfälle hatten. Für die Patienten, die Angehörigen, aber auch für unser Personal war das außerordentlich belastend. Es waren viele Menschen im Alter von 20 bis 40 Jahren darunter, die zuvor bewusst gesund gelebt haben.

Sie haben daraufhin ein neues Medikament eingesetzt, das noch nicht zugelassen ist.
Alle Nephrologen waren unsicher, was die richtige Therapie ist. Als Deutsche Gesellschaft für Nephrologie haben wir früh Informationen ins Netz gestellt und uns ausgetauscht. Der Zufall wollte es, dass vor etwa vier Wochen eine der wichtigsten internationalen Fachzeitschriften über die Anwendung eines neuen Medikaments berichtet hat. Wir haben uns dann gemeinsam entschlossen, dieses Präparat einzusetzen.

Es hat gewirkt?
Wir haben es bei etwa 150 Patienten angewandt. Ich habe den Eindruck, dass das Mittel in vielen Fällen geholfen hat. Aber genau kann man das nicht sagen. Wir sind jetzt dabei, die Daten über diese Antikörpertherapie auszuwerten.

Ist es nicht ein ungewöhnliches Experiment, ein nicht zugelassenes Mittel auf diese Weise zu erproben?
Es handelt sich, das ist wichtig festzuhalten, um einen Heilversuch, und es ist tatsächlich ein ungewöhnliches Vorgehen. Aber wir waren in einer verzweifelten Situation. Die Firma, der wir sehr dankbar sind, möchte jetzt eine randomisierte kontrollierte Studie anschließen, die über mindestens acht Wochen andauert. Wir haben uns noch nicht entschieden. Man darf nicht vergessen, dass diese Therapie bei Patienten mit seltenen Erkrankungen, die lebenslang mit dem Antikörper behandelt werden müssen, mehrere 100.000 Euro pro Patient im Jahr kostet. Es soll die teuerste Behandlung überhaupt sein, die es gibt.

Teilen Sie die Kritik, dass zu viele Behörden in der EHEC-Krise mitgeredet haben?
Wir hatten in den vergangenen Wochen eine Ausnahmesituation. Ich bin der Meinung, es sollte in diesen Extremfällen nur eine und nicht drei Bundesbehörden geben, die sich um die Risikobewertung und die Gesundheitsüberwachung kümmert. Es kann auch nicht sein, dass in jedem einzelnen Fall erst die Gesundheitsbehörde des jeweiligen Landes noch gefragt werden muss.

Sie halten die föderale Struktur in diesem Fall für einen Fehler?
Ich habe mich immer gewundert, dass regelmäßig an einem Dienstag die Zahl der Neuerkrankungen stieg. Der Grund ist ganz einfach. Wir mussten mit einem Fax die Zahl an das Gesundheitsamt melden, das mit Verzögerung übers Wochenende diese Zahlen per Fax ans Robert-Koch-Institut weitermeldete. Das sind viel zu lange Wege.

Aber sind die lokalen Ämter nicht wichtig?
Für viele Aufgaben sind sie sehr wichtig, zum Beispiel wenn sie regelmäßig das Trinkwasser in den Kliniken überwachen. Für die Bekämpfung einer Epidemie brauchen wir aber in streng definierten Ausnahmefällen eine zentrale Behörde nach amerikanischem Vorbild.

Meinen Sie, dass die Politik etwas ändern wird?
Ich bin nicht sehr hoffnungsvoll. Ich verstehe nicht, warum Gesundheitsminister Daniel Bahr diese Strukturen vehement verteidigen muss. Er ist frisch im Amt und hat diese Strukturen nicht geschaffen. Aber der Föderalismus ist in Deutschland scheinbar eine heilige Kuh.

Der EHEC-Experte Helge Karch hat gesagt, es sei beunruhigend, dass dieses Monster von Erreger weiter in der Umwelt ist. Teilen Sie diese Sorge?
Das Beunruhigende ist die Aggressivität dieses Erregers, der sich aus zwei verschiedenen Stämmen entwickelt hat. Ob er vom Menschen oder vom Tier stammt, weiß derzeit niemand. Auch ist unbekannt, wo er sich zuerst entwickelt hat. Aber in der Sprossenkultur hat er anscheinend optimale Bedingungen gefunden. Dass überhaupt die Quelle der Infektion gefunden wurde, ist sehr, sehr erfreulich. Ich habe, wenn ich ehrlich bin, nicht damit gerechnet.

Kann man sich durch eine bessere Hygiene schützen?
Wenn jemand extrem unhygienisch ist, kann der Keim von Mensch zu Mensch durch die Nutzung einer gemeinsamen Toilette übertragen werden. Das gilt für viele Darminfektionen. Aber durch Händewaschen konnten Sie nicht wirklich verhindern, dass Sie an EHEC erkrankten. Der Keim ist übers Essen übertragen worden.

Der SPD-Politiker Lauterbach warnt, dass viele der Patienten demnächst ein Spenderorgan brauchen.
Die Organknappheit ist in Deutschland ein großes Problem. Mehr als 8000 Patienten warten bereits auf eine Niere. Die Wartezeit dauert bis zu sieben Jahre. Durch das HUS-Syndrom kommen neue Patienten hinzu. Ich bedauere es sehr, dass sich die Politik nicht an ein neues Transplantationsgesetz wagt.

Ob die Politik aus der Epidemie lernt, ist offen. Hat die Medizin etwas gelernt?
Wenn wir alles ausgewertet haben, ist die Medizin sicher besser gerüstet!

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