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Panorama Im Stil der Hippies
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20:09 06.04.2018
Miniröcke, Schlaghosen und Kunstfasern bestimmten die Mode der späten Sechzigerjahre. Hier das Fotomodell Beate Nicht bei einem Fotoshooting im Jahr 1968. Quelle: United Archives/Pilz

Mit den Studentenprotesten und der Hippie-Bewegung wurde auch die Mode revolutionär. Wie haben Sie das Ende der Sechzigerjahre erlebt?

Ich bin Jahrgang 1955. Meine Mutter war zwar liberal, aber doch geprägt von einem konservativen Kleidungsstil und galt für damalige Verhältnisse auch als nicht mehr so jung. Die 68er-Mode war aber eine betont jugendliche Mode, was auch mit dem damaligen demografischen Wandel zu tun hatte. Es war die Mode der Studenten, der Vietnamkriegs-Gegner, der kalifornischen Hippies. Diese jungen Menschen wollten sich deutlich abgrenzen von der aus ihrer Sicht biederen Elterngeneration.

Was waren denn die wichtigsten Abgrenzungsmerkmale?

Männer und Frauen näherten sich in ihrem Aussehen immer mehr an: Männer trugen lange Haare, Frauen Hosen. Das Androgyne wurde gepflegt. Man gab sich außerdem lässiger, unordentlicher, kaufte Sachen vom Flohmarkt, kombinierte angesagte Jeans mit Sachen aus dem Schrank der Großeltern und interessierte sich für die Kleidung fremder Kulturen: Indianische, indische oder afghanische Folklorekleidung war beliebt. Haute Couture aus Paris verlor dagegen an Relevanz. Was da von den Designern kam, galt als Mode älterer Damen. Jetzt entschied die Jugend selbst, was sie trug. Man wollte sich keinem Modediktat mehr unterwerfen.

Wie haben die Designer darauf reagiert?

Es war die große Stunde von jungen Modeschöpfern wie Mary Quant, der Erfinderin des modernen Minirocks, der das markanteste Kleidungsstück dieser Zeit ist. Unter den etablierten Designern war Yves Saint Laurent einer der ersten, der die Zeichen des Wandels erkannte und sich zunutze machte. Er war einer der Vorreiter der Prêt-à-porter-Mode. Er verarbeitete Elemente der Arbeiterkleidung: Er machte die Cabanjacke, die Jacke der Seeleute, sowie den Overall salonfähig. Auch der Smoking für die Frau war seine Erfindung. Obwohl gerade in Paris noch bis Anfang der Siebzigerjahre ein Hosenverbot für Frauen in eleganten Restaurants galt.

Bezog sich der modische Umbruch Ende der Sechzigerjahre vor allem auf die Damenmode?

Nein. Zwar waren Minirock und die Hose für die Frau schon sehr revolutionär. Bei den Männern aber hat sich auch durchaus einiges gewandelt. Statt klassischer Anzüge mit Hemd und Schlips wurden Cord- oder Samthosen mit Rollkragenpullover getragen. Auch war die Männermode plötzlich ebenso bunt wie die der Frauen. Als Mann Rosa zu tragen, war kein Tabu mehr.

Designerin Mary Quant (Vierte von links) machte den Minirock berühmt. Quelle: AP

Dieser modische Wandel vollzog sich ja nicht über Nacht. Woher kamen die Einflüsse?

Die ganze Make-love-not-war-Bewegung der kalifornischen Hippies hat sicherlich maßgebliche Akzente gesetzt. Das Musical “Hair“ hatte ebenfalls viel Einfluss. Zudem waren auch Prominente wie die Beatles modische Vorbilder. Auch der Einfluss Jackie Kennedys ist nicht zu unterschätzen.

Inwiefern? Galt ihr eleganter Stil nicht eher als konservativ?

Nein. So wie sie hatten sich Präsidentengattinnen vorher nicht gekleidet. Sie pflegte einen sehr minimalistischen Stil: gerade Schnitte, kaum Verzierungen, dezente Farben. Das galt als sehr modern und sehr jugendlich, mit kleinen Schleifen und großen Knöpfen nahezu mädchenhaft. Überhaupt war die Frauenmode der Sechziger und Siebzigerjahre eher eine Klein-Mädchen-Mode.

Und doch war diese Mode mit Minirock, hohen Stiefeln und transparenten Blusen auch sehr sexy. Wie passte das mit der aufkeimenden Feminismusdebatte zusammen?

Der Kleidungsstil hatte auch mit einem neuen Selbstbewusstsein der Frauen zu tun, mit sexueller Befreiung: Seht her, ich gehe ohne BH, weil ich mich so eben wohler fühle. Es war auch ein Ausdruck der Forderung nach Gleichberechtigung. Auf Festivals etwa sah man sowohl Männer als auch Frauen mit freiem Oberkörper. Seit der Einführung der Pille 1960 fühlten sich die jungen Frauen sexuell freier und zeigten das mit dem Minirock.

Textiler Protest gegen Prüderie und bürgerliche Strukturen: Körperbetontes war angesagt, auf den BH wurde verzichtet. Quelle: Polfoto

Hat sich der textile Protest gegen bürgerliche Strukturen auch in den Materialien niedergeschlagen, also war etwa Seide plötzlich ein No-Go?

Wenn sie zu einem indischen Sari verarbeitet war, eher nicht. Auch gegen Pelz hatte man nichts, solange er zottelig wie beim Afghanenmantel aussah. Generell entwickelte sich allmählich das Bewusstsein für Naturmaterialien. Gleichzeitig wurde Polyester als technische Errungenschaft gefeiert, weil es als besonders pflegeleicht galt.

Wie entscheidend haben die 68er unsere heutige Mode geprägt?

Sehr. Dass heute jeder tragen kann, was er will, und unterschiedliche Stile parallel laufen, hat mit der damaligen Ablehnung jeglichen Modediktats zu tun. Auch das Cross-Gender-Dressing, die geschlechterübergreifende Mode, ist ein Kind der 68er. Hinzu kommt beim Design die Einbeziehung auch anderer Kulturkreise als nur die westlichen.

Wie politisch ist heutige Mode?

Sie ist dabei, für sich selbst sehr politisch zu werden. Themen wie Nachhaltigkeit und faire Produktionsbedingungen werden wichtiger. Immer mehr Modemarken und sogar Discounter setzen sich zunehmend kritisch mit Fast Fashion auseinander. Die Politik sucht Wege, um der Ausbeutung von Arbeitskräften in der Modeindustrie entgegenzuwirken. Großbritannien hat da mit seinem Modern Slavery Act, der Unternehmen dazu verpflichtet, offenzulegen, wie sie gegen Zwangsarbeit vorgehen, einen entscheidenden Schritt getan. In Deutschland haben wir immerhin das Bündnis für nachhaltige Textilien. Doch es muss sich noch mehr tun. Und ich bin sicher, das wird es auch.

Elisabeth Hackspiel-Mikosch Quelle: privat

Zur Person: Elisabeth Hackspiel-Mikosch ist Professorin für Modetheorie mit Schwerpunkt Kulturgeschichte der Bekleidung an der AMD Akademie für Mode und Design, Standort Düsseldorf. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind die soziokulturelle und historische Bedeutung von Mode, Genderforschung, die Verschränkung von Technik und Design sowie Nachhaltigkeitsstrategien in der Mode.

Von Kerstin Hergt

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