Die 43 Darbietungen des diesjährigen „Eurovision Song Contest“ (ESC) decken wie gewohnt die Bandbreite von schrill bis schrecklich ab. Da treten gestandene Musical-Stars mit Walt-Disney-Riesenaugenaufschlag gegen Folklore-Rocker mit Fliegerbrillen an, eine unkonventionelle, frische, ach so verrückte Lena-Kopie, die schon als Kind beim „Goldene Meerjungfrau“-Wettbewerb dreimal Erste wurde, trifft auf einen typischen Castingshow-Gewinner mit Schlafzimmerblick, der gleichzeitig auf die Gefahren von Aids als UN-Sonderbotschafter aufmerksam macht. Dazu kommen die ESC-typischen Schmachtschmonzettenschätzchen mit mächtig wenig Textil am Körper, Partypopper mit viel „oh, oh“ und „yeah, yeah“ in der Stimme und zum Glück auch diese musikalischen Entdeckungen, deren Klasse den grellen Konfettiregenreigen überhaupt erträglich machen. Der ESC-Jahrgang 2011 scheint so bunt wie nie. Am Dienstag überträgt Pro7 das erste Halbfinale ab 21 Uhr.
Insgesamt treten dabei 19 Künstler und Bands um die Gunst der Jury und der Zuschauer an. Die besten zehn Lieder qualifizieren sich für das Finale am Sonnabend, 14. Mai. Für Lena ist das Halbfinale eine gute Gelegenheit, um einen Blick auf die Konkurrenz zu werfen. Für die Zuschauer ist es eher ein Einlassen auf Qualität und Quatsch. Bei der ersten Durchlaufprobe am Montag lief nicht alles glatt. Bei den Isländern streikte die Technik, Moderatorin Anke Engelke verpasste einen Einsatz. Dafür gab es ausgerechnet im Länder-Image-Film für Portugal eine Überraschung für Hannoveraner: die Herrenhäuser Gärten in Großaufnahme.
Polen: Magdalena Tul
Magdalena Tul ist ein Profi. Mit zwölf sang sie im Kinderchor, gründete eine Band und begann, vor 20 Jahren in Danzig klassische Musik zu studieren. Nebenbei studierte sie ein wenig Psychologie und wurde mit Auftritten in „Miss Saigon“, „Grease“ und „Cats“ ein Musical-Star. Ihre Alben erreichten regelmäßig die Charts, sie Gewann Preise und setzte sich klar im polnischen Vorentscheid durch. Nur schade, dass man von all dieser Musikroutine, der Klasse einer klassischen Gesangsausbildung in ihrem Song „Jestem“ nicht viel bemerkt. Die stumpfe Tanznummer in knappen Glitzerkleidchen versandet. Startplatz Nummer eins? Sofort vergessen.
Norwegen: Stella Mwangi
In Skandinavien ist Stella Mwangi ein Star. Die 24-Jährige begann dort ihre Karriere, arbeitete schon mit Hip-Hop-Legende Busta Rhymes zusammen und spielte für Nelson Mandela. Und ihr Song „Haba Haba“ klingt wie eine Ermutigung genau diesen Weg zu gehen. Man kann alles werden, was man will. Man kann alles erreichen, was man will. Man darf nur nicht aufgeben. So lautet ihre simple, aber motivierende Botschaft. Nur wurde diese in gut-gelaunte Kling-Klang-Weltmusik verpackt, die vielleicht auf Volksfesten zum Mitklatschen animiert, mit Tiefeneindruck aber nur wenig zu tun hat. Da hilft auch kein schlechtes Englisch. Nicht aufgeben.
Albanien: Aurelia Gaçe
Das sind mal rote Haare! Und ja, beim ESC steht natürlich die Bühnenshow im Vordergrund. Und da hilft es mitunter aufzufallen. Gaçe tut es. Mit voller Wucht! Die 36-Jährige singt ihr Lied „Feel The Passion“ zur Luftgitarre und brüllt die Leidenschaft förmlich in die Düsseldorfer Arena. Das knallt. Die Sängerin hat einige Preise in Albanien gewonnen, zog für die Karriere in die USA, später kehrte sie zurück, um sich als Star in ihrer Heimat feiern zu lassen. Ob es für das Finale reicht, wird vermutlich der Lautstärkenregler am TV-Gerät entscheiden. Einige dürften erschreckt runterdrehen, andere wieder aufwachen. Rock 'n' Roll!
Armenien: Emmy
Emmy macht einen alten ESC-Grundsatz wahr: gute Musik braucht nicht zwingend einen guten Text. Und so werden am Dienstagabend Tausende in der Düsseldorfer Arena zu „Boom Boom / Chucka Chucka / You kisses like a lika a / Boom Boom / Chucka Chucka“ ausgelassen feiern. Der Partysong hat Hitpotenzial und geht trotz der dämlichen Zeilen ins Ohr. Preise hat die Sängerin schon einige gewonnen, drei Alben sind veröffentlicht, und sogar Lena kann sich für das Lied begeistern. „In unserem Bus drehen wir das immer voll auf“, sagt sie. Das Finale scheint sicher. Nur warum sitzt sie am Anfang der Show in einem Boxhandschuhstrandkorn?
Türkei: Yüsek Sadakat
Die Band mit dem schwierigen Namen sind Kenan Vural, Serkan Özgen, Kutlu Özmakinaci, Ugur Onatkut und Alpay Salt und repräsentieren seit 14 Jahren eine eigenwillige stilistische Mischung aus klassischem Rock und Folklore. Ihr Lied „Live It Up“ klingt ein wenig nach ZZ Top trifft Straßenmusikanten und dürfte fürs Rockradio taugen. Die Band hat im vergangenen Jahr allein an 14 türkischen Universitäten vor 400000 Menschen gespielt. Das Finale scheint für die Rocker sicher, der Sieg ziemlich unwahrscheinlich – da hilft auch kein Schmetterling im Metallkäfig.
Serbien: Nina
Nina ist Anfang 20, bietet unverwechselbare Interpretationen und konnte vor allem wegen ihres Charmes die Herzen der Zuschauer in Serbien gewinnen, heißt es im Programmheft über Nina. Schon mal gehört? Nina und Lena klingen vom Namen sogar ähnlich. Ihr Song „Caroban“ ist ein groovender Diskosong, der zwischen Staumeldungen und Wetterberichten nicht weiter negativ auffallen wird. Ein gut produzierter Diskosong der siebziger Jahre samt schönem Bläsersatzsolo, der nicht weiter stört. So gefällig könnte es sogar für das Finale reichen.
Russland: Alexej Vorobjov
Gut rasiert, gut frisiert, gut standardisiert. Der Russe Vorobjov wirkt wie der Prototyp eines Castingshow-Gewinners – und ist es auch. Er siegt bei „X-Factor“ und „Dancing with the Stars“ in Russland und hat mit 23 Jahren nun schon in 14 Filmen mitgespielt. Das klingt nach Casting-Starkarriere für untalentierte Sänger, aber sein „Get You“ ist ein treibender Popsong, der hängen bleibt. Der Gesang von Vorobjov klingt herrlich nach achtziger Jahre und das durchgängige Schlagzeug hämmert einem das Lied förmlich in den Kopf. Aber diese völlig überambitionierte Tanzerei geht leider gar nicht. „Do you feel my heartbeat, Düsseldorf?“, fragt er gleich zum Liedbeginn. Leider nein.
Schweiz: Anna Rossinelli
Hui. Die 23-jährige Anna Rossinelli kommt auf die Bühne und singt nur zu ein paar Ukulelezupfereien – und man ist hingerissen. Es entspannt sich ein federleichter Sommersong, der einfach nur Spaß macht. Da stört der Refrain „Na nananananananana...“ nicht mal. Nur schön. So hätte wohl „Bee“ von Lena beim ESC ausgesehen. „Ich bin weit davon entfernt ein Star zu sein“, sagt die Anna. Sie wolle nur Musik machen und abwarten, was die Zukunft bringt. So entspannt und charmant war der ESC lang nicht. Diese Frau muss ins Finale!!!
Georgien: Eldrine
Es wird wieder laut. Die zusammengewürfelte Band Eldrine setzt im Song „One More Day“ auf die ganze Gesangskraft von Frontfrau Sophio Toroshelidze. Sie schreit und yeahiyeaht nur so auf den Rockklängen der Band, wird nur von ihren Kollegen mit eigenartigen Rap-Einlagen unterbrochen. Leider wirkt der Song so krude wie die stilistische Mischung. Die alten ESC-Hörer werden dem nichts abgewinnen können, den neuen wird es zu bemüht sein. Zumindest rockt es etwas.
Finnland: Paradise Oskar
Der 20-Jährige Axel Ehnström aus Helsinki ist ein Phänomen der Einfachheit. Jahre lang hat er einfach für sich Musik gemacht, sich dabei den Astrid-Lindgren-Namen Oskar zugelegt und in einem Anflug von Entschlossenheit ein kleines Lied für den großen „Eurovision Song Contest“ aufgenommen. Herausgekommen ist ein textlich so wunderbares, sarkastisches Märchen über einen kleinen Jungen, der die Welt retten möchte, aber keiner scheint ihm dabei helfen zu wollen. Nicht einmal gehört wird er. Und so kümmert er sich eben selbst. Dieses Lied geht zu Herzen und ist so herrlich unaufgeregt, dass es direkt im Finale ganz vorne landen sollte. Hoffentlich verstehen genügend Zuschauer die englische Sprache.
Malte: Glen Vella
Glen Vella gilt in Malta als bester Sänger. Er hat dort Preise gewonnen, gut besuchte Konzert gegeben und sich dementsprechend für den „Eurovision Song Contest“ qualifiziert. Nun stellt er in Düsseldorf sein Lied „One Life“ vor – und es ist so langweilig, wie man Dance-Pop vorstellen kann. Da hilft auch keine Tanzchoreographie, keine bunte Klamotten. Im Song heißt es, man solle zeigen, was man im Herzen fühlt. Bei diesem Lied leider nicht viel
San Marino: Senit
Die Sängerin Senit kennt man in Deutschland schon. Sie singt im Musical „König der Löwen“ mit. In Italien ist sie längst ein Superstar. Dort veröffentlichte sie mehrere Alben und trat sogar mit Gianna Nannini auf. Nun kommt sie nach Düsseldorf und präsentiert beim Lied „Stand By“ eine glasklare Stimme auf einem schmusigen Popmusikbett. Mh. Die gefühlige Nummer ist eine typische ESC-Ballade mit mächtig viel Gefühl. Schade, dass die tolle Stimme nicht mehr gefordert wird.
Kroatien: Daria
Oha. Der Song „Celebrate“ ist eine textliche Bankrotterklärung. Man solle tanzen, die Welt hinter sich lassen, eine gute Zeit haben, in Bewegung bleiben, sich zum Rhythmus bewegen. Kernbotschaft: „Scheine wie ein Komet!“ Na ja. Daria heißt eigentlich Daria Kinzer und ist Aschaffenburg geboren, 22 Jahre alt und hat in einigen Musicals mitgesungen. Nun präsentiert sie einen typischen Popsong, der leider nicht über den Text hinaus Akzente setzt.
Island: Sjonni's Friends
Die Geschichte des Liedes „Coming Home“ ist so anrührend, persönlich und außergewöhnlich, dass man den Musikern den Sieg des gesamten Wettbewerbs wünscht. Der Sänger Sigurjon „Sjonni“ Brink stand im Januar diesen Jahres im Finale des isländischen ESC-Vorentscheids – und starb völlig unerwartet. Seine besten Freunde und musikalischen Wegbegleiter haben sich daraufhin entschieden, Sjonni ein Denkmal zu setzen und singen nun den Song für ihn. Ein Lied, bei dem man zu Jazzklängen und eingängigem Gesang weinen möchte und doch ein wenig tanzen muss. Herrlich.
Ungarn: Kati Wolf
Kati Wolf war schon als Siebenjährige so etwas wie berühmt. Sie sang damals den Titelsong zur ungarischen Zeichentrickserie „Vuk“. Später nahm sie Klavierunterricht und setzte sich bei der Castingshow „X-Faktor“ durch und träumt nun davon mit Michael Bublé aufzutreten. In Düsseldorf singt sie „What About My Dream“ - eine schmissige Rockpop-Nummer mit viel Kraft und „Uhhuhuhu“ am Ende. Das ist stilistisch nicht neu, aber zwingt zum Aufwachen. Nur warum ist ihr blauer Ring am Finger so groß wie eine ganze Mango?
Portugal: Homens Da Luta
Dieses Ensemble sorgt für Aufsehen. Das Kollektiv, das in etwa Männer des Kampfes heißt, setzt auf politische Folklore. Mit Megaphon und Rudi-Dutschke-Kostümen spielen sie eine Art Straßendemo auf der Bühne und skandieren „Luta É Algeria“ (Kampf ist Freude!) . Es geht um das Erbe der portugiesischen Nelkenrevolution und den politischen Kampf. Das wirkt schrill und ambitioniert, dürfte aber außerhalb Portugals kaum jemand verstehen.
Litauen: Evelina Sasenko
Mit Evelina Sasenko wird es wieder sehr gefühlig im Wettbewerb. Mit Pathos und großem Orchesterklang präsentiert sie das Lied „C'est Ma Vie“ - ein gewaltiger Disney-Soundtrack. Die Sängerin hat schon mit dem Staatssymphonieorchester zusammengearbeitet und unzählige Musikwettbewerbe in ihrer Heimat gewonnen. In Düsseldorf kombiniert sie nun englischen mit französischen Textanteilen. Leicht wird das nicht.
Aserbaidschan: Ell und Nikki
Der Trend unter prominenten Damen geht zum jüngeren Partner. Das gilt zumindest in diesem Jahr für den musikalischen Beitrag aus Aserbaidschan. Nigar Jamal, genannt Nikki, ist 30 Jahre alt und singt mit dem 21-Jährigen Eldar Gasimov das Lied „Running Scared“, ein netter Popsong, mit schöner Gesangsmelodie. Beide Sänger verfolgen den Wettbewerb seit Jahren und haben nach eigener Aussage immer von einer Teilnahme geträumt. Zumindest dieser Traum wird nun wahr, eine hohe Platzierung im Finale scheint ausgeschlossen.
Griechenland: Loucas Yiorkas feat. Stereo Mike
Loucas Yiorkas studiert eigentlich Biologie, aber sein Traum war es immer als Sänger berühmt zu werden. Also bewarb er sich bei der Castingshow „X-Factor“ und gewann. Nun vertritt er Griechenland beim „Eurovision Song Contest“ mit einem schwerfälligen Popsong, der nicht so recht in die musikalischen Gänge und die Gehörtgänge der Zuschauer kommen will. Begleitet wird er von Stereo Mike, der ein wenig für Hip-Hop-Atmosphäre sorgt. Aber den Auftritt nicht retten wird.
Jan Sedelies
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