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Japan hat Tsunami-Gefahr unterschätzt

Atombehörde Japan hat Tsunami-Gefahr unterschätzt

Kritik und Lob für Japans Regierung von der Internationalen Atomenergiebehörde: Die Tsunami-Gefahr wurde unterschätzt, der Umgang mit der Atomkatastrophe sei beispielhaft. Greenpeace protestiert, und Japans Opposition will den Premier stürzen.

Japan hat nach Einschätzung der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) die Tsunami-Gefahr für das Küstengebiet am Atomkraftwerk Fukushima unterschätzt. Das geht aus dem Entwurf eines Berichts der IAEA zur Atomkrise hervor, den ein IAEA-Team am Mittwoch der japanischen Regierung in Tokio überreichte. Der 14 Meter hohe Tsunami nach dem Erdbeben vom 11. März sei ganz offensichtlich die direkte Ursache für die Katastrophe im AKW Fukushima, erklärte der Chef des IAEA-Teams, Michael Weightman. Sein 18-köpfiges Expertenteam hatte rund eine Woche in Japan die schlimmste Atomkatastrophe seit Tschernobyl untersucht.

In der Zusammenfassung lobte die IAEA den Umgang Japans mit der Krise als „beispielhaft“, mahnte aber zugleich die Unabhängigkeit der Atomaufsicht an. Japans Atomaufsichtsbehörde untersteht dem Industrieministerium, das sich für Atomenergie stark macht. Das nukleare Regulierungssystem müsse strukturell unabhängig sein, schreibt die IAEA.

„Wir sind hochbeeindruckt von der Hingabe der japanischen Arbeiter, die daran arbeiten, diesen beispiellosen Atomunfall zu überwinden“, sagte Weightman. Japans langfristig angelegte Rettungsaktion, einschließlich der Evakuierung der Gebiete um das AKW, sei ebenfalls „beeindruckend und gut organisiert“, urteilten die Experten aus zwölf Ländern.

Der Abschlussbericht des Experten-Teams soll bei der Ministerkonferenz zur Atomsicherheit am IAEA-Sitz in Wien vom 20. bis 24. Juni vorgelegt werden.

Scharfe Kritik an dem vorläufigen Bericht übte Greenpeace: „Dass die IAEA Kommission jetzt behauptet, der Tsunami sei an der Atomreaktorkatastrophe von Fukushima schuld, ist lange widerlegt und hat nur einen Grund: die wahren Ursachen, wie schlampige Wartung, unzulänglichen Katastrophenschutz und die fehlende Erdbebensicherheit der Atommeiler zu verschleiern“, sagte Greenpeace-Atomexperte Christoph von Lieven. Keines der weltweiten Atomkraftwerke sei für ein Erdbeben der Stärke 9 ausgelegt.

Zumindest in seismisch aktiven Gebieten müsse dies das sofortige Aus für Atomkraftwerke bedeuten. „Die IAEA macht sich mit ihrem Statement nicht nur unglaubwürdig, sondern zeigt, dass sie ungeeignet und nicht gewillt ist, die Sicherheit von AKWs realistisch zu beurteilen“, sagt von Lieven.

Anders als die IAEA zeigte sich auch Japans Opposition alles andere als beeindruckt vom Umgang der Regierung mit der Katastrophe. Sie will Premier Naoto Kan mit einem Misstrauensvotum stürzen, über das das Parlament voraussichtlich an diesem Donnerstag abgestimmen wird. Die Opposition hofft dabei auf die Unterstützung von Rebellen in Kans eigener Demokratischer Partei DPJ. Kan selbst ist zuversichtlich, die Abstimmung zu überstehen.

Unterdessen hat der Betreiber der Atomruine in Fukushima in Bodenproben vom AKW-Gelände radioaktive Substanzen gefunden, die sich in Knochen ansammeln. Man habe bis zu 480 Becquerel an Strontium-90 pro Kilogramm festgestellt, teilte der Energiekonzern Tepco am Mittwoch mit. Die Proben wurden an drei Stellen im Abstand von rund 500 Metern von zwei der Reaktoren genommen, berichtete der japanische Fernsehsender NHK. Sobald Menschen Strontium einatmen, sammelt es sich in den Knochen an und kann Krebs verursachen. Es hat eine Halbwertzeit von 29,1 Jahren. Tepco stellte außerdem 2800 Becquerel an Strontium-89 fest. Dessen Halbwertzeit beträgt 50,5 Tage.

Beide Strontium-Arten waren im März auch im Boden und in Pflanzen in der Stadt Namie sowie dem Dorf Iitate, rund 30 Kilometer von der Atomruine, festgestellt worden.

In Folge des Megabebens und Jahrhundert-Tsunamis wurden die Reaktoren des AKW in Fukushima schwer beschädigt. Seither tritt noch immer radioaktive Strahlung aus der Atomruine aus. Wann die Anlage unter Kontrolle gebracht werden kann, ist derzeit noch nicht absehbar. Ein immer größeres Problem für die Arbeiter stellen die enormen Wassermengen dar, mit denen die Reaktoren gekühlt werden. Die Arbeiter wissen kaum mehr, wohin mit der verstrahlten Brühe. Und jetzt beginnt auch noch die Regenzeit.

dpa

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