Und die Menschenmasse auf dem Trammplatz jubelt und pfeift, reckt die Arme in die Höhe und schwenkt schwarz-rot-goldene Fahnen, dass es scheint, als hätte Deutschland schon die Fußball-WM gewonnen. Doch dies hier ist Public Viewing ohne Ball. Und dennoch ist Lena ein Volltreffer, das ist jetzt amtlich – und zwar europaweit.
Ein überglücklich strahlender Oberbürgermeister macht sich so ungefähr nach den zwölf Punkten für „Satellite“ aus Mazedonien schon mal vorsorglich auf den Weg von der Ratsstube, wo die Stadtprominenz auf Fernsehschirmen die Übertragung aus Oslo verfolgt hat, zur Bühne vorm Rathaus. Dort jubeln nach Auskunft der Stadt derweil rund 20.000 Lena-Fans, nach Angaben der Polizei „deutlich über 10 000“. Auf jeden Fall ist der Friedrichswall längst für den Autoverkehr gesperrt.
Es hieß, wenn Lena gewinnt, dann sagt der Oberbürgermeister ein paar Worte und lädt die Fans schon mal für den Folgetag zur nächsten großen öffentlichen Party vor der gleichen Bühne ein, nachdem die Siegerin in ihrer Heimatstadt angekommen ist. So ausgelassen, ja fast überdreht, wie die Stimmung ist, müsste Stephan Weil jetzt zwangsläufig die Krawatte lockern – wenn er denn überhaupt eine umgebunden hätte. Doch der OB hat es an diesem Sonnabendabend mit dem Modell Lena gehalten: locker und unkonventionell, mit freiem Halskragen. Und er spricht fast ein wenig Lenas Sprache: „Ich bin fix und foxi“, sagt er ins Mikrofon des NDR-Moderators, als er auf der Bühne steht. „Geil, ne?“ waren seine Worte, als er noch ohne Mikrofon vor der Nase am Rand gewartet hatte. Dem 96-Fan Weil fällt für die Stimmung auf dem Trammplatz nur ein Vergleich ein: „Zuletzt war es hier so bei der Feier zum Wiederaufstieg von Hannover 96 in die Bundesliga 2002.“
Der Platz tobt derweil weiter, und Cyril Krueger fasst sich an die Halsschlagader. „Mein Puls rast“, sagt der Frontmann der Band The Jetlags, der erst Konkurrent Lenas um die Eurovision-Teilnahme war und längst zu einem ihrer größten Unterstützer geworden ist. Als dann alle Punkte ausgezählt sind, meint er: „Ich habe es gewusst, ich habe von Anfang an geglaubt, dass sie es schafft.“ Sascha Pierro und Marco Heggen von Marquess, die 2008 im deutschen Vorentscheid mit ihrer Band an den dann beim Grand Prix grandios untergegangenen No Angels gescheitert waren, grinsen zufrieden. „Ich habe doch gesagt, dass Lena unter die ersten drei kommt“, meint Heggen. Und Pierro wagt den historischen Vergleich: „Das ist im Prinzip wie damals 1982 bei Nicole – eine nette, junge Frau und ein guter Song.“ Sicher, Zeiten und der Geschmack haben sich geändert, Raab statt Siegel heißt heute die Losung. Doch letztlich gab es so etwas wie in der Nacht zu Sonntag ja wirklich in den 28 Jahren seit Nicole nicht mehr.
NDR-Moderator Ludger Abeln will es derweil wissen. Er hatte schon am frühen Abend für Hannover den Ausdruck „Lena-City“ geprägt, und wiederholt ihn nun immer wieder gern: „Lena-City, ich will euch hören!“ Lena singt dazu auf den beiden großen Leinwänden zum wiederholten Mal ihr „Satellite“ und ist so in der Entscheidungsnacht wenigstens ein bisschen bei ihren Hannoveranern, bevor sie am Sonntag dann wirklich kommt. Der NDR hatte während der Eurovision-Party, die bereits um 18 Uhr mit dem Auftritt der Jetlags begonnen hatte, viermal von Hamburg, wo man in Verbindung mit Oslo stand, zum Public Viewing nach Hannover geschaltet. Das war leider alles, was es aus Lenas Heimatstadt im Fernsehen zu sehen gab. Der direkte Draht nach Norwegen blieb ohnehin den Hanseaten vorbehalten. „Ich möchte ja nicht wissen, wie es jetzt gerade in Hannover aussieht“, hatten die Moderatoren in Hamburg gesagt, als Lenas Sieg feststand. Das war zwar nicht wörtlich, sondern doppelsinnig gemeint, traf den Kern der Sache aber ganz gut.
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Kommentare
@ all Chris W. Stuart – 31.05.10
Public viewing ist ein Begriff für eine öffentliche Obduktion/Leichenschau.Ich wundere mich immer wenn ich lese dass das in Deutschland stattfindet :-))))
Public Viewing Fisch – 31.05.10
...neulich mal den Postboten gefragt, was "Public Viewing" sei. Er wusste es nicht.Für ein paar Wochen alle 4 Jahre wird man mit dem Begriff zugeschmissen; Das einfache Volk weiß aber garnicht, was das überhaupt ist. ...schon seltsam diese Medien.
Oh...das Captcha sagt wieder "tofu". Eines der 12 Wörter die es kennt.
setteleit kuhmannraab – 30.05.10
Verdammte AXT !!!! Geilll.Der Roderbruch steht headt !