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Lena - Unser Grand-Prix-Star Leistungskurs Medien - Lena Meyer-Landrut auf allen Kanälen
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21:00 11.04.2010
Von Imre Grimm
Der Lena-Hype ist kaum noch steigerbar. Trotzdem scheuchen PRO7, die ARD, die Produktionsfirma Brainpool und die Plattenfirma Universal ihren Schützling durch eine erbarmungslose Medienmühle. Quelle: Martin Steiner

Manchmal lauert der Irrsinn da, wo man ihn gar nicht vermutet. Im Büro von Bernd Steinkamp zu Beispiel, dem Direktor der IGS Roderbruch in Hannover. Ganz ernsthaft erkundigten sich aufgeregte Medienvertreter per Telefon vor ein paar Tagen beim Schulleiter von Lena Meyer-Landrut, ob man die 18-Jährige in dieser Woche vielleicht dabei fotografieren dürfe, wie sie ihr Abitur schreibt. Das wäre doch ein nettes Foto: Deutschlands Grand-Prix-Hoffnung schwitzend auf der Schulbank. Erst Opiumkriege, dann Oslo. Oder so. Steinkamp lehnte ab. Wofür ihm von Herzen zu danken ist.


Nein, mit normalen Maßstäben ist nicht zu messen, was sich derzeit abspielt: In Europa ist die Lenamania ausgebrochen. Die Hannoveranerin gilt inzwischen als Favoritin für den Eurovision Song Contest (ESC) am 29. Mai in Oslo. Ihr Video ist bei YouTube der mit Abstand meistgeklickte Eurovisions-Song. Die Mehrheit der Buchmacher – seit 2000 ziemlich verlässlich mit ihren Vorhersagen – sieht sie mit „Satellite“ auf Platz 1 knapp vor der Sängerin Safura aus Aserbaidschan („Drip drop“). „Das letzte Mal, dass Deutschland mit derart guten Gefühlen zum ESC schauen konnte, war 1982, und da traf eine Saarländerin mit ,Ein bisschen Frieden’ den europäischen Nerv“, orakelt gar ESC-Experte Jan Feddersen in seinem NDR-Blog. Irrationale Siegesphantasien gehören von jeher zum Grand Prix, aber für Lena bedeuten sie vor allem: Der Druck auf ihre doch eher schmalen Schultern wächst.

Das Mediengeschehen entwickelt absurde Züge: Die „Bild“-Zeitung, krampfhaft auf der Suche nach einer Leiche im Keller des Stefan-Raab-Schützlings Lena, durchwühlt das Gästebuch ihrer neugestalteten Homepage (www.lena-meyer-landrut.de) nach Schmuddeleinträgen von Fußfetischisten und geifert wohlig schaudernd: „Ihr Unschulds-Image törnt Perverslinge an.“ „Bild am Sonntag“ fragt nicht minder scheinheilig „Wie heil ist Lenas Welt?“, findet dann aber doch nur den Frisör, der ihr einst die Haare schnitt. Paparazzi schleichen um Lenas Elternhaus, um die Schülerin „abzuschießen“. In diesen Tagen erscheint gar ein erstes Buch über sie, ein billiger Schnellschuss mit 64 Seiten.

Und da soll man in zwei Tagen die erste Abiturklausur schreiben (Sport)? Mit klarem Kopf? Und bitteschön frisch und fröhlich bleiben wie der junge Morgen?

Der Lena-Hype ist kaum noch steigerbar. Trotzdem scheuchen PRO7, die ARD, die Produktionsfirma Brainpool und die Plattenfirma Universal ihren Schützling durch eine erbarmungslose Medienmühle: die „Wok-WM“, „tv total“, Frühstücksfernsehen, „MTV Home“, „Viva Live“, und „Wetten, dass...?“ liegen hinter ihr, es folgen „60 Jahre ARD“ (17. April), die „NDR Talk Show“ (7. Mai), die ARD-Quizshow „Frag doch mal die Maus“ (8. Mai, Aufzeichnung), „Schlag den Raab“ (auch 8. Mai, live) – kaum ein Studio, in dem Lena nicht säße.

Der Punkt ist: Sie müsste das nicht tun. Deutschland muss nicht mehr überzeugt werden. Und Europa krieg es eh nicht mit. Fast hat man den Eindruck, sie erfüllt einen vorgestanzten Plan, einen schon vor Monaten festgezurrten PR-Marathon, den zu absolvieren jeder die Pflicht haben würde, der „Unser Star für Oslo“ gewinnt. Da war noch gar nicht abzusehen, dass Lena ein Selbstläufer werden würde. Dass „Satellite“ ohnehin in jedem Club Europas in Heavy Rotation gespielt werden würde. Das man sie gar nicht aggressiv in die Köpfe hämmern muss, weil das Publikum sie ganz von selbst mit offenen Armen empfängt.

Am Sonnabend trat sie auch noch in der runderneuerten ARD-Show „Verstehen Sie Spaß?“ auf. Neu-Moderator Guido Cantz, Nachfolger von Frank Elster, führte mit zähem Karnevalshumor durch den Versuch des Ersten, angejahrte Fips-Asmussen-Fans und die Generation YouTube unter einen Hut zu bringen. Der Lohn: 5,15 Millionen Zuschauer (15,2 Prozent Marktanteil) Lena aber wirkte vor diesem Publikum so fremdartig wie Amy Macdonald einst im „ZDF-Fernsehgarten“.

Sie ist tapfer, sie sagt „dankeschööön!“, sie nimmt das Spontangeschenk einer kleinen Zuschauerin namens Stefanie entgegen und gibt auf dem Sofa eine Runde Schokolade aus. Sie plaudert munter mit Cantz („Lernst du fleißig fürs Abi?“ – „Wann denn??“) lässt sich von ihm als Assistentin für eine kleine Gedankenzauberei missbrauchen und staunt artig über das Ergebnis („Es ist der Waaahnsinn!“). Sie ist die forsche, fröhliche Lena, aber man kann sehen und hören, dass ihr das Abitur Bauchschmerzen bereitet. „Oslo – da verlasse ich mich drauf, dass das schon gutgehen wird“, sagt sie. „Beim Abitur geht das nicht so automatisch.“ Lieber Vierte in Oslo und ein Top-Abi als Erste in Oslo und kein Abi, sagt sie noch.

Esist schon ohne Abiturstress schwer genug, im Vorfeld eines ESC die Nerven im Zaum zu halten. Das sagt eine, die den Irrsinn kennt, der Lena in Oslo erwartet. „Alles um einen herum ist überdreht und hysterisch“, sagt Jane Comerford, die 2006 mit Texas Lightning („No, no never“) in Athen 15. wurde. „Davon lässt man sich leicht anstecken und aus der inneren Ruhe bringen. Man darf sich an seinem Song nicht satthören. Man muss einen Schlüssel finden, um die innere Schatzkammer wieder aufzuschließen.“

Aber ein Ende der Lenamania ist nicht abzusehen. Schon scharren auch die Werbetreibenden mit den Füßen, um den neuen deutschen Liebling für ihre Zwecke zu gewinnen. Das „Fräuleinwunder 2.0“ eigne sich als „Testimonial“ für alle Produkte, die „Lebensfreude“ ausstrahlen sollten, sagt Frank Dopheide von der Agentur Grey - „etwa Vespa, ein neues Getränk von Bionade oder Ahoj-Brause“. Ein norwegischer Schmuckhersteller bedient sich – ohne Absprache – bereits der Marke „Lena“. „Anders zu sein als alle anderen – das zeichnet nicht nur Lena aus, sondern auch unsere Kollektion“, heißt es keck in einer Werbemitteilung.
Es ist, wie Pur mal gesungen haben: „Lena, du hast es oft nicht leicht ...“

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