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Winter 2010 in Hannover In der Kälte der hannoverschen Nacht
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16:30 05.02.2010
Von Felix Harbart
Üstra Mitarbeiter bei der Wartung der Oberleitung. Quelle: Uwe Dillenberg
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Ein Rundgang durch Hannovers kalte Nächte: 22:30 Uhr Es hätte schlimmer kommen können. Sechs Grad minus, das geht noch, sagen die, die an diesem Abend draußen arbeiten müssen. Sie kennen es auch ärger. Unter einer der Rolltreppen in der U-Bahn-Station am Kröpcke liegen drei Gestalten in Schlafsäcken, leere Bierflaschen neben sich. Es sei nicht viel los heute, sagen die Mitarbeiter von Protec, der Sicherheitsfirma der Üstra. Manchmal lägen da 30, 40 Menschen, wenn es so richtig kalt sei draußen.

Seit Jahren stellen Üstra und Protec Wohnungslosen in den Wintermonaten zwei Bereiche der Station zum Schlafen zur Verfügung, etwas abseits vom Publikumsbetrieb, für ein letztes bisschen Menschenwürde. Natürlich beschwerten sich manche Leute, etwa wenn die Obdachlosen in die Station pinkelten, sagt Sicherheitsmann Davide Cipolla. „Aber irgendwo muss man doch Mensch bleiben.“ Cipolla sitzt in der Protec-Zentrale in den Katakomben des Kröpcke, Ebene minus drei, dort, wo man viel von „unten“ und „oben“ spricht. „Wir haben lieber ein paar Beschwerden hier unten“, sagt er, „als einen erfrorenen Menschen da oben.“

23 Uhr: Murat Kul und seine Kollegen kennen die, die sich nachts in Hannovers Innenstadt bewegen. Wie den „Weihnachtsmann“. Warum man ihn hier so nennt, wissen sie nicht, wahrscheinlich wegen seines Barts, sagt Kul, der für Protec Streife durch die City läuft. Der „Weihnachtsmann“ hat sonst seinen festen Platz am Bahnhof, hinten bei den Automaten. Aber heute ist er nicht da. Wie man hört, geht es dem Weihnachtsmann ganz gut. Er hat sein eigenes Geld, und eine Wohnung hat er auch. Warum er dann immer wieder am Bahnhof „Platte macht“, wie sie hier sagen? „Ich glaube, ab und zu zieht ihn dieses Leben“, sagt Kul. Auf seinem Streifengang bleibt es heute ruhig. Kein Weihnachtsmann, kein nichts. Kul ist das recht.

0:30 Uhr:Im Warteraum der Notaufnahme der MHH herrscht resignierte Stille. Ein bisschen liegt dieses Krankenhauskribbeln in der Luft, das Notaufnahmen an sich haben, erst recht mitten in der Nacht. Im Warteraum sitzt eine Dame mit einem gebrochenen Handgelenk und einem Mann, der nicht recht weiß, was er Aufmunterndes sagen könnte. Diese Nacht sei ruhig, wird der diensthabende Arzt Stefan Hankemeier später sagen und unter anderem auf eine Ellbogenfraktur verweisen, die er just operativ versorgt hat. Insgesamt könne man sagen, dass es eben die „klassischen Sturzverletzungen“ seien, die einen dieser Tage durch die Nächte begleiteten. In dem Ellbogen von eben steckt jetzt eine kleine Prothese.

Als er das erklärt, kennt er die Krankengeschichte des mittelalten Herrn noch nicht, der irgendwann mitsamt einer eindrucksvollen Alkoholfahne auf einem der Stühle im Wartezimmer Platz genommen hat. Was ihm fehle? „Ich weiß jedenfalls, wovon ich zu viel habe“, sagt der Mann und macht eine Kippbewegung mit Daumen und kleinem Finger. Nein, im Ernst, er habe einen Nervenzusammenbruch kommen sehen und sich vorsichtshalber Hilfe gesucht. Im Bahnhof, hinter dem er irgendwo im Freien übernachtet. Wenn der Doktor nachher Zeit hat, hört er sich vielleicht die Knastgeschichten aus Wolfenbüttel an, von damals, als mancher Gefangene von Mithäftlingen schon mal an der heißen Heizung festgebunden worden sei. Oder die aus der Zeit in der JVA Hannover. Oder vom Alkoholentzug in den achtziger Jahren. Er hat nicht viel geholfen. „Es hilft alles nichts“, sagt der Mann.

2:10 Uhr: In der Star-Tankstelle an der Podbielskistraße steht ein einsamer Mitarbeiter und faltet liebevoll Käsescheiben auf frisch aufgebackene Brötchen. Der Weg von der Automatiktür zur Kasse ist mit alten Kartonteilen ausgelegt, so kommt man bei dem Schneematsch nicht ins Rutschen. So ab drei Uhr, sagt der Mitarbeiter, sei bei ihm wieder etwas los. Dann kämen die ersten Diskogänger bei ihm vorbei, holten sich das letzte Bier und das erste Brötchen. Ansonsten gehe Frostschutzmittel gut. „Das kaufen die Leute wie verrückt.“

2:30 Uhr: Draußen beginnt feiner Schnee auf die Podbielskistraße zu rieseln, aber Detlev Bilges und seinen Kollegen von der Fahrleitung der Üstra ist das herzlich egal. Sie haben sich dick angezogen, „lange Unterhosen, das volle Programm“. Sie warten die Oberleitungen der hannoverschen Stadtbahn, und die warten sich am besten nachts, wenn keine Bahnen fahren. Dann lassen sich auch die Leitungen entspannter enteisen. „Was eben so anfällt um die Jahreszeit.“

3 Uhr: In der Zentrale des Abfallwirtschaftsbetriebs aha hat Einsatzleiter Burkhard Heberlein per Bereitschaftsruf den Winterdienst zusammengetrommelt. Robert Müller ist „Kraftfahrer“, seine Chefs sind seine „Führung“ und die Menschen auf den Gehwegen die „Bürger“. Gegen zwei Uhr also hat die Führung den Piepser angehen lassen, was hieß, dass Müller eine Stunde früher ausrücken musste als ohnehin, um für den Bürger Salz zu streuen. „Man hat irgendwann einen Sinn dafür, wann das nötig ist“, sagt Heberlein. Und jetzt, da es wieder schneit, sieht er sich bestätigt.

Robert Müller ist 58, seit 1974 fährt er schwere Container von A nach B, und wenn es schneit, streut er Salz oder Splitt. „Ja, das ist schon wirklich viel Schnee dieses Jahr“, sagt er mit der Erfahrung vieler Winter. „Aber wirklich gefährlich ist er nicht.“ Robert Müller lächelt, wenn die Bürger sich darüber beschweren, dass es vor lauter Schnee keine Parklücken mehr gibt in der Innenstadt. „Wir müssen den Bürgersteig freimachen, der hat Priorität“, sagt er. „Und irgendwo muss der Schnee doch hin.“

Robert Müller hört im Radio gerne Nachrichten oder Kulturberichte, wenn er mit seinem Streuwagen durch die Stadt fährt, meist durch Ricklingen und Marienwerder, „seine Strecke“, wie die Führung sagt. Am Ricklinger Kreisel stellt Robert Müller den Streuteller ein. Es ist jetzt Donnerstagmorgen, immer noch minus sechs Grad. Heute streut er Salz, zehn Gramm auf den Quadratmeter, Ricklingen und Marienwerder. Seine Strecke.

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