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20 Jahre nach Nazi-Aufstand in Rostock

„Sie haben damals nichts begriffen“ 20 Jahre nach Nazi-Aufstand in Rostock

Verarbeitet und vergessen? Vor 20 Jahren griff ein Mob in Rostock-Lichtenhagen Ausländer an – unter dem Jubel Tausender Schaulustiger

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Blick auf das von über 100 Vietnamesen bewohnte Haus neben dem Asylbewerberheim, das am 24. August 1992 von Randalierern in Brand gesetzt wurde.

Quelle: dpa

Rostock. Er merkt es daran, dass er den Kopf fast automatisch wendet. Wenn Wolfgang Richter auf der Rostocker Stadtautobahn nach Norden fährt, ist es ihm unmöglich, nicht auf das große Haus hinterm Straßenrand zu schauen. Auch wenn er es sich vorgenommen hat. Er schaut auf eine freundlich gemeinte, mit einem Kachelmosaik versehene Fassade, drei riesige Sonnenblumenblüten auf kupferfarbenem Grund. Es ist die Stirnseite eines Neubaublocks in Rostock-Lichtenhagen. Sieben Aufgänge, elf Geschosse, ab dem sechsten ist die Ostsee zu sehen.

Richter schaut jedes Mal, und dann weiß er, es ist nicht vorbei. Er denkt an das, was sich in und vor diesem Haus vor 20 Jahren abgespielt hat. Er denkt an Mordlust und abgebrühte Politiker und Behördenchefs und die vielen Schritte zum Besseren seitdem. In der letzten Zeit ist noch ein Gedanke dazugekommen. Der, dass sich seine Stadt möglicherweise wieder auf dem Weg zurück befindet.

Lichtenhagen, Sonnenblumenhaus. Jenseits von Rostock, dort also, wo die Menschen diese beiden Worte nicht täglich im Munde führen, sind das keine Ortsangaben. Es sind Synonyme. Sie benennen einen Superlativ, ein im Nachkriegsdeutschland bis dahin unbekanntes Ausmaß an fremdenfeindlicher Gewalt. Sie stehen für das Bild vom hässlichen Ostdeutschen genauso wie für neue – je nach Sichtweise unmenschliche oder vernünftige – Asylgesetze.

Am Abend des 24. August 1992 führte Wolfgang Richter von hier aus mit der Feuerwehr folgendes Telefongespräch:

„Ja, passen Sie auf, ich erkläre es Ihnen ganz in Ruhe. Mecklenburger Allee 19, das Wohnheim der Vietnamesen, dort sind 150 Menschen drin, 150 Vietnamesen. Die Polizei hat sich zurückgezogen.“

„Ja.“

„Die Chaoten haben unten das Haus angesteckt.“

„Ja.“

„Die Gase kommen schon hoch, und sie kämpfen sich Stockwerk um Stockwerk hoch. Ich habe vor einer Dreiviertelstunde die Polizeiinspektion Lütten-Klein informiert.“

„Ja.“

„Es tut sich nichts.“

Es war der dritte Abend in Folge, an dem Tausende vor dem Wohnblock standen, „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ schrien und klatschten, an dem Dutzende Randalierer Steine von den nahen Bahngleisen holten und gegen das Haus schmissen. Im Aufgang Nummer 18 befand sich Mecklenburg-Vorpommerns zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber. Im Aufgang Nummer 19 lebten Vietnamesen. Wolfgang Richter war Rostocks Ausländerbeauftragter.

Das Asylbewerberheim war nach dem zweiten Angriff geräumt worden, es war leer. Die Polizei war auch weg, sie war gegen halb zehn abgezogen worden. Die ­Vietnamesen aber waren noch da. Ungeschützt. Diejenigen, die Richter damals Chaoten nannte, konnten unbehelligt und kanisterweise Benzin herbeischaffen, in Flaschen umfüllen, anzünden und durch die Fenster werfen.

Aus dem Funkverkehr der Feuerwehr, die zur Zeit von Richters Anruf schon ganz in der Nähe war: „Jugendliche dringen in das Gebäude ein, werfen Molotowcocktails auf Balkons. Ziehe mich zurück. Veranlassen Sie über Lagedienst, dass Polizeikräfte eingreifen.“ – „Haben Sie selbst schon Kontakt aufgenommen mit der Polizei?“ – „Bin ich noch nicht zu gekommen, weil hier auch kein Verantwortlicher weit und breit zu sehen ist.“ Zu sehen waren: Flammen, Hunderte Angreifer, Baseballschläger, Äxte.

Wolfgang Richter, Jahrgang 1955, sagt: „Tja, die Bilder sind im Kopf. Die tauchen manchmal von selbst auf.“ Er sieht noch fast genauso aus wie damals. Mit sich überschlagender Stimme hat er in jener Nacht in die Kamera eines ZDF-Reporterteams, das wie er und die Vietnamesen vom Feuer im Sonnenblumenhaus eingeschlossen war, gesagt: „Die Polizeidirektion Lütten-Klein hat es nicht begriffen, sie haben es nicht begriffen, was hier vorgeht.“ Vorm Fernseher konnte man damals eine Ahnung davon bekommen, was Todesangst ist.

In Lichtenhagen hinterm Sonnenblumenhaus mähen ein paar Leute vom Gartenamt den Rasen. Daneben liegt ein Mann im Gras und sonnt sich. Aber Richter hört das Gras wachsen. Ausländerbeauftragter ist er nicht mehr, seit zweieinhalb Jahren leitet er eine Abteilung einer gemeinnützigen GmbH, die Psychiatrien und Kindergärten betreibt. Lichtenhagen ist irgendwie bei ihm geblieben.

Spürbar geworden ist das vor ein paar Tagen. Das Rostocker Stadtmagazin „Stadtgespräche“ hatte eine „Filmnacht Lichtenhagen“ veranstaltet, Dokumentarfilme über die Angriffe vom August 1992 wurden gezeigt, hinterher wurde darüber gesprochen. Richter war auch da und teilte mit, dass er wütend sei. Immer noch wütend über eine Geschichte, die schon mehr als ein Jahr zurückliegt. Es geht darin um ein paar Blumenbeete. Aber es geht darin auch um Ausgrenzung und Abgrenzung und Furcht vor Fremdem.

„Interkulturelle Gärten“ sollten es sein. Das war der Wunsch des Vereins Ökohaus Rostock, der das Ganze organisieren wollte. Interkulturelle Gärten. Der überambitionierte Name verleugnet ein wenig die Überschaubarkeit des Vorhabens. Im Kern ging es um 4000 Quadratmeter Wiese, die eingezäunt und parzelliert und mit Kräutern und Gemüse bepflanzt werden sollten, mit ausdrücklicher Einladung an Einheimische sowie Einwanderer, dabei mitzumachen. Die Menschen sollten übers Gärtnern miteinander ins Gespräch kommen. Dann würden sie schon merken, dass der Beetnachbar auch ein Mensch ist und keine Gefahr. Dass man Gemeinsamkeiten hat. Nach zwei Sitzungen des Ortsbeirats Rostock-Evershagen war die Idee erledigt.

Aus dem Protokoll der ersten Ortsbeiratssitzung: „2 Anwohnerinnen aus dem betreffenden Areal: Das geplante Projekt wird an dem geplanten Standort als ungünstig empfunden. Man befürchtet große Lärmbelästigung.“ Auch der Wohnungsgesellschaft lägen „E-Mails mit der Befürchtung zwecks Lärmbelästigung vor“.

Aus dem Protokoll der zweiten Sitzung: „Da bis jetzt schon massive Einwände der Anwohner und Anwohnerinnen bekannt sind, wird das Projekt im vorgesehenen Umfeld wohl nicht durchgeführt.“ „Von den Anwohnern und Anwohnerinnen der Willi-Bredel-Str. und des Kranichweges wurde eine Unterschriftsliste gegen das Projekt an den Ortsbeirat übergeben. Die anwesenden Bürger möchten solch ein Projekt in ganz Evershagen nicht.“

Menschen, die bei den Sitzungen dabei waren, berichten, dass eine der Anwohnerinnen deutlicher wurde. „Wollen Sie hier ein zweites Lichtenhagen?“, soll sie gesagt haben. Ob dies eine Drohung war oder eine Befürchtung, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Für Richter ist diese Unterscheidung zwischen „Ausländer raus“ und „Ausländer vorsichtshalber gar nicht erst her“ nebensächlich. Ihm geht es um den Beschluss der Ortsvertretung, der sei „ein Zurückweichen vor der Auseinandersetzung“. Da werde „zurückgewichen“, sagt Richter, „und dann wird dieser Raum eingenommen von rechten Ideen. Da fehlt jeder politische Instinkt.“

Es ist die Methode „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Vielleicht hätten die Ortsbeiräte vor ihrer Entscheidung einmal in die hübsche Rostocker Innenstadt gehen und Urlauber ansprechen sollen. Die aus westdeutschen Großstädten oder aus Berlin hätten ein bisschen davon erzählen können, was es für Folgen hat, und zwar für alle, sich Einwanderer vom Leib halten zu wollen. Wie toll es läuft in den Vierteln, in denen die sich dann konzentrieren, was für isolierte und ressentimentgeladene Milieus dort gedeihen.

Gerade sind die Ergebnisse einer Telefonumfrage unter Türken in Deutschland veröffentlicht worden. Fast ein Fünftel der Interviewten empfindet Juden als „minderwertige Menschen“, und zwar wörtlich. Ein Viertel denkt so über Atheisten. Die Hälfte hält Homosexualität für eine Krankheit.

Richter sagt, die Gartensache „wäre vor zehn Jahren hier nicht passiert. Da hatten wir Brisanteres hier, ein neues Asylheim zum Beispiel. Wohin damit, war die Frage, und die Antwort der Stadt darauf war: mitten rein, in ein Wohngebiet.“ Er sagt diese Sätze unter einigen Schmerzen, er möchte seiner Nachfolgerin im Amt der Ausländerbeauftragten keine Noten ausstellen, sagt er, und er wolle sich auch nicht im Glanz eigener  Erfolge sonnen, es entspräche auch nicht den Tatsachen.

Aber es ist nun mal er, der gefragt wird. Er war damals im Sonnenblumenhaus, er ist die historische Figur. Richter weiß das und nimmt es hin. Er weiß auch, dass ihm wohl die Bestürzung über die Lichtenhagener Gewalt damals ungewöhnliche Möglichkeiten eröffnete. Jedenfalls hatte der eigentlich machtlose Ausländerbeauftragte der doch recht kleinen Stadt Rostock – Arbeitsplatzbeschreibung bis dato: zuhören, mahnen, bitten – nach dem August 1992 Zugang zu Ministerbüros und zu Staatssekretären. Die Politiker hörten ihm nun zu. Richter konnte ihre Entscheidungen beeinflussen. Kollegen aus anderen Städten beneideten ihn um seine guten Kontakte zum natürlichen Gegenspieler eines Ausländerbeauftragten, der örtlichen Ausländerbehörde.

Kollegen bescheinigten ihm aber auch eine außergewöhnliche Tatkraft. Und feine Antennen. Die Sache mit den Beeten ist mittlerweile ausgestanden, zehn Deutsche und 60 Menschen von anderswo bewirtschaften nun 1500 Quadratmeter in der Südstadt. Sie haben sich gerade einen Backofen gebaut, zum Fladenbrotmachen. Eine Japanerin, die an der Universität arbeitet, ist jeden Abend da und ganz beseelt. Ein Mann aus Mauretanien kümmert sich zur vollsten Zufriedenheit der anderen um alles Organisatorische. Es gibt keine Klagen, alles ist gut im Moment. Worüber also genau ärgert sich Richter?

Es schleicht sich etwas ein, meint er. Vielleicht ist es die wachsende Entfernung zum Jahr 1992, vielleicht ist es auch etwas anderes. Der anfängliche Ärger mit den Gärten ist dafür nur ein Beispiel. Richter erwähnt andere Beispiele, viele sind für sich genommen unbedeutend. Er hat aber festgestellt, dass sie alle etwas Verbindendes haben. Man weicht, er hat es schon ein paar Mal gesagt, wieder zurück in Rostock. Mal vor dem Argwohn einiger Alteingesessener harkenden Ausländern gegenüber, mal vor der Erinnerung an 1992 und vor den Antworten auf die Frage, wer damals woran schuld gewesen ist. Richter jedenfalls stellt fest, immer würden die anderen für etwas in Haftung genommen, aber „mit dieser Haltung, es waren die anderen, verbaue ich mir doch die Möglichkeit, hier, bei mir was zu ändern“.

Dann holt er einen Handzettel aus dem Schrank. Er ist angefertigt von Mitarbeitern der Initiative „Lichtenhagen bewegt sich – Gemeinsam füreinander“. Die Veranstaltungen zum 20. Jahrestag sind darauf gedruckt, eine kurze Geschichte des Stadtteils, die Ereignisse vom August 1992. Vorn drauf steht „Rostock für Vielfalt und Toleranz“, und daneben steht der Satz: „Die Ausschreitungen wurden durch Rechtsextremisten aus ganz Norddeutschland angefacht, durch Jugendliche des Stadtteils unterstützt und von Anwohnern beklatscht.“

Vor ein paar Wochen hatte man Richter darum gebeten, einmal einen Blick auf den Zettel zu werfen, ob man den so verteilen könne. Richter las, und Richter änderte etwas. Nun steht dort: „Die Ausschreitungen wurden durch Jugendliche, aber auch Erwachsene aus Rostock angefacht, durch Rechtsextremisten aus ganz Deutschland unterstützt und von tausenden Anwohnern beklatscht.“ Es sind kleine Veränderungen. Aber sie erzählen eine andere Geschichte.

Torsten Hampel

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