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Fastenzeit: Darum lohnt sich das Durchhalten

Neue Verhaltensweisen üben Fastenzeit: Darum lohnt sich das Durchhalten

Heute beginnt die Fastenzeit. Für viele heißt das, sich knapp sieben Wochen in Verzicht zu üben. Ob Süßigkeiten, Smartphone oder Alkohol – Wir verraten, warum sich das Durchhalten lohnt.

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Zwei Drittel der Fastenwilligen wollen laut einer aktuellen Umfrage der DAK zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag auf den Konsum von Zucker und Alkohol verzichten wollen.

Quelle: Uwe Zucchi/dpa

Hannover. Genuss und Unvernunft gehen oftmals Hand in Hand. Das allabendliche Gläschen Rotwein, die Kartoffelchips vorm Fernseher: Gaumenfreuden versüßen das Leben – können es, im Übermaß konsumiert, aber auch erheblich verkürzen. Kein Wunder also, dass rund zwei Drittel der Fastenwilligen laut einer aktuellen Umfrage der DAK zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag auf den Konsum von Zucker und Alkohol verzichten wollen.

"Einst fasteten die Menschen für Gott. Heute betrachten sie das Fasten zunehmend als Instrument der Persönlichkeitsentwicklung", sagt die Frankfurter Psychologin Heike Kaiser-Kehl. Entsprechend stünden nicht mehr Buße und Enthaltsamkeit im Fokus des Fastens, sondern vor allem das Wohlbefinden und der Selbstvervollkommnungsdrang der Fastenden. Unter derart hedonistischen Bedingungen falle das Verzichten natürlich leicht, merkt die Psychologin an: "Für die Aussicht auf einen knackigen Körper und entsprechenden Marktwert sind viele Menschen bereit, die Finger von Süßem und Fettigem zu lassen", erklärt Kaiser-Kehl.

Neue Verhaltensweisen brauchen Zeit

In der Psychologie wird dieser Mechanismus als Belohnungsaufschub bezeichnet. Dahinter steckt ein Konzept des US-Persönlichkeitsforschers Walter Mischel, der in den Sechzigerjahren herausfand, dass die meisten Kinder bereit sind, vom sofortigen Verzehr einer Süßigkeit abzusehen, wenn ihnen dafür die doppelte Ration zu einem späteren Zeitpunkt in Aussicht gestellt wird. Nichts anderes gelte für das Fasten, sagt Psychologin Kaiser-Kehl: "Sieben Wochen sind eine ideale Zeitspanne: hinreichend überschaubar, um die Motivation aufrecht zu erhalten – und lang genug, um die positiven Effekte der Fastenzeit in den Alltag hinüberretten zu können." Etwa vier bis sechs Wochen dauert es Neurowissenschaftlern zufolge, bis neue Verhaltensweisen weitgehend selbstverständlich ablaufen. "Was erklärt, warum sich die meisten Fastenden früher oder später mit Salat und Saftschorle ebenso wohl fühlen wie zuvor mit Bier und Burgern", berichtet Kaiser-Kehl.

Würden sich nach siebenwöchigem Technikverzicht, sieben Wochen ohne Smartphone, vergleichbare Lerneffekte einstellen? Die meisten Teilnehmer der DAK-Studie wollen es gar nicht wissen. Nur 21 Prozent der Befragten können sich vorstellen, die Datenautobahn in der Fastenzeit links liegen zu lassen, unter den 18- bis 29-Jährigen sind es sogar nur 12 Prozent. "Man könnte das Smartphone schon fast als einen Körperteil bezeichnen, so nah ist es vielen inzwischen", sagt Psychologin Kaiser-Kehl. Entsprechend beunruhigend sei die Aussicht, das Mobiltelefon einfach einmal abzuschalten: "Für viele bedeutet das schlichtweg, von ihrem sozialen Umfeld abgeschnitten und buchstäblich aus der Welt zu sein."

Smartphone gegen Handy ohne Internetanschluss

Daniela Klütsch hat die digitale Auszeit vor zwei Jahren dennoch gewagt. Als Betreiberin eines Marketingbüros, das sich unter anderem um die Internet- und Social-Media-Auftritte von nachhaltigen Unternehmen kümmert, kann sie sich eigentlich nicht einmal eine befristete Internetabstinenz leisten. "Ich habe es trotzdem drauf ankommen lassen – und mich schrittweise aus dem Netz gezogen", sagt Klütsch. Die Diplom-Designerin tauschte ihr Smartphone gegen ein Handy ohne Internetanschluss, dann hörte sie auf, ihr Notebook nach der Arbeit mit nach Hause zu nehmen, um nach Feierabend nicht doch noch mal eben schnell ihr E-Mail-Postfach zu checken. Schließlich beschränkte die 35-Jährige die Internetnutzung auf ein eng begrenztes Zeitfenster am Vormittag, in dem sie lediglich das geschäftlich Notwendige erledigte.

"Durch den weitgehenden Netzverzicht fiel mir wie Schuppen von den Augen, dass das Internet mein Leben beherrscht – und unglaublich viel Zeit frisst, die mit Gesprächen, Spaziergängen oder einem guten Buch sinnvoller ausgefüllt wäre", beschreibt Klütsch die Schlüsselerkenntnis ihrer etwas anderen Fastenerfahrung. Eine weitaus simplere, aber nicht minder wichtige Einsicht: "Es braucht nur einen Knopfdruck, um sich auszuklinken. Eigentlich verrückt, dass das nur so wenige hinbekommen."

"Fasten muss von Herzen kommen"

Herr Bedford-Strohm, die Fastenaktion "7 Wochen ohne" ruft zu Offenherzigkeit auf. Was hat das mit Verzicht zu tun?
Fasten ist ja kein starres Gesetz, das uns von außen auferlegt wäre. Es betrifft das Innerste – und muss aus tiefstem Herzen kommen. Im Gegensatz zu Fastentraditionen, die die Askese in den Mittelpunkt stellen, will die Aktion
"7 Wochen ohne" Menschen dazu ermuntern, auf ihr Herz zu hören und zu ergründen, was sie im Innersten berührt.

Ist das auch ein Appell, in der Flüchtlingskrise weitherzig zu sein?
Als wir das Thema 2015 festlegten, ließ sich dieser aktuelle Bezug nicht absehen. Dass das Motto jetzt buchstäblich wie gerufen kommt, zeigt nur, wie brisant die biblischen Themen bis heute sind.

Was können jene, die mit Misstrauen auf die Flüchtlinge reagieren, konkret tun?
Manches wäre gewonnen, wenn wir bei Nachrichten, die uns gegenüber Flüchtlingen verschließen, zunächst in uns gingen, anstatt uns von Emotionen übermannen zu lassen. Gewiss, Berichte über Gewalt in Flüchtlingsheimen oder die Übergriffe vor dem Kölner Hauptbahnhof erschüttern uns. Doch handelt es sich um die Verfehlungen Einzelner, nicht der Flüchtlinge im Allgemeinen. Unser Herz kann uns helfen, die Kraft der Unterscheidung zu wahren, um nicht ängstlich oder hasserfüllt zu werden.

Also will "7 Wochen ohne" eine Aktion von gesellschaftlicher Tragweite sein?
Durchaus. Dass Weitherzigkeit Grenzen überwinden und Berge versetzen kann, haben wir ja im Herbst erlebt, als Deutschland Tausende Neuankömmlinge mit bewundernswerter Empathie und Tatkraft willkommen geheißen hat.

Heinrich Bedford-Strohm ist Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland.

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