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Warum immer wieder Belgien?

Terroranschläge in Brüssel Warum immer wieder Belgien?

Ein zerrissener Staat, eine starke islamistische Szene, hohe Symbolkraft: Warum in Brüssel eine Terrorhochburg entstanden ist. Eine Analyse von Detlef Drewes und Dirk Schmaler.

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Höchste Sicherheitsstufe: Im Brüsseler EU-Viertel patrouillieren Soldaten.

Quelle: Federico Gambarini/dpa

Brüssel. Das Bild ist so grausam, dass es nur schwer auszuhalten ist: Mitten in der gesprengten Abflughalle des Brüsseler Flughafens liegt ein Mann, die Bombe des Attentäters hat ihm beide Beine abgerissen. Er schreit, während Ersthelfer ihn zu versorgen versuchen.

"Irgendwann wurde das Schreien leiser und verstummte schließlich", erzählt einer der hilflosen Retter später. Mitten in den Straßen einer europäischen Millionenstadt kriechen verängstigte Menschen über den Gehweg, drücken sich an Hauswände, laufen um ihr Leben.

Die Hilflosigkeit der Behörden

Warum? Die Einwohner und Besucher, die Angehörigen und ihre Opfer haben an diesem 22. März 2016, der sich in die Köpfe und in die Stadtgeschichte einprägen wird, noch keine Zeit, dieser Frage nachzugehen. Rache ist der erste Gedanke. Eine Machtdemonstration jener Leute, die der erst wenige Tage zuvor verhaftete Paris-Attentäter Salah Abdeslam um sich geschart hat?

"Wir können noch nichts sagen", erklärt der leitende Generalstaatsanwalt Frédérick van Leeuw am späten Vormittag. Nur dass es sich um "Terrorakte" gehandelt habe, stehe für ihn fest. Es ist eine seltsame Hilflosigkeit, die die Brüsseler Behörden ausstrahlen – auch weil es nicht das erste Mal ist, dass Belgien Ziel von Anschlägen wurde.

Hort des islamistischen Terrorismus

Das Land hat nicht erst seit Dienstag ein Terrorismusproblem. Belgier sprechen schon spöttisch von "Belgistan". Denn wofür einst sinnbildlich die pakistanische Bergregion Waziristan im Nahen Osten stand, steht heute in Europa der Brüsseler Stadtteil Molenbeek: Er ist ein Hort des islamistischen Terrorismus.

Noch am vergangenen Freitag verhaftete die Polizei in einem Großeinsatz den gebürtigen Belgier Salah Abdeslam in dem Brüsseler Problemviertel. Der 26-Jährige ist einer der Hauptverdächtigen der Pariser Anschläge vom 13. November 2015 und war bis zu seiner Festnahme der meistgesuchte Mann Europas.

Jahrelang nur oberflächlich kontrolliert

Der mutmaßliche Organisator der Attentate in Paris, Abdelhamid Abaaoud, war ebenfalls Belgier – und hat in Molenbeek gewohnt. Bereits 2014 erschoss Mehdi Nemmouche vier Menschen bei einem Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel. Ebenfalls im vergangenen Jahr war Ayoub El-Khazzani in Brüssel in den Thalys-Zug gestiegen, wo er versuchte, Fahrgäste zu erschießen, bevor er von US-Soldaten überwältigt wurde.

Brüssel gilt als unsicheres Pflaster. Jahrelang wurde in den 19 Stadtgemeinden nur oberflächlich kontrolliert, wer wo wohnt. Nach den Pariser Anschlägen gingen in Molenbeek Polizisten von Haus zu Haus, um dies festzustellen. "Es gibt keine Bundes- oder Landespolizei, nur städtische Strukturen", schimpft der Europaabgeordnete Markus Ferber (CSU), der eigentlich an diesem Dienstagmorgen von München nach Brüssel fliegen sollte. Seine Maschine wäre wohl genau zu dem Zeitpunkt gelandet, als die Bomben in der Abflughalle hochgingen.

Brüssel, eine Kriminalitätshochburg

Die Hauptstadtregion Brüssel ist ein kompliziertes politisches Gebilde: Die wallonische und die flämische Sprachengemeinschaft treffen hier aufeinander. 19 Gemeinden, sechs Polizeidistrikte, ein Oberbürgermeister für alle. Ständig agieren Räte und Abgeordnetenvertretungen unterschiedlicher politischer Ebenen gegeneinander. Seit Jahren führt Brüssel die europäische Liste mit den meisten Einbrüchen, Überfällen und Eigentumsdelikten wie Raub an. Doch Reformen blieben stecken.

Womöglich haben diese unklaren Strukturen und schwachen Sicherheitsapparate den islamistischen Terror begünstigt. Fast 1000 Belgier sollen sich bereits dem "Islamischen Staat" angeschlossen haben – im Vergleich zu den nur elf Millionen Belgiern sind das mehr als in jedem anderen EU-Staat.

Immer wieder Auseinandersetzungen

Erst vor einigen Monaten wurde in Antwerpen der 46 Mann starken Gruppe Sharia4Belgium der Prozess gemacht. Ihre Mitglieder hatten junge Menschen fast schon professionell für den IS angeworben. Viele von ihnen gelten nach ihrer Rückkehr als mögliche "Schläfer". Doch warum ist das so? Warum ausgerechnet Belgien?

Zwischen der 400.000 Mitglieder zählenden muslimischen Gemeinde und dem Rest der Gesellschaft gab es immer wieder Auseinandersetzungen. 2011 führte Belgien ein Burka-Verbot ein. Vertreter der Muslime, die dagegen klagten, sprachen von einem "Frontalangriff auf die muslimische Welt". Offensichtlich konzentrieren sich die radikalisierten Gruppen in bestimmten Orten Belgiens, vor allem in dem Brüsseler Stadtteil Molenbeek.

Das Herz der EU

Dort wohnen viele Menschen mit ausländischen Wurzeln, ein Gutteil fühlt sich abgehängt und hat keine Aufstiegschancen. Es bildeten sich praktisch rechtsfreie Zonen und Parallelgesellschaften. Dass der mutmaßliche Attentäter der Terroranschläge von Paris, Salah Abdeslam, offenbar wochenlang unentdeckt in Molenbeek leben konnte, zeigt, wie wenig Einfluss der Staat in diesen Vierteln noch hat.

Aber auch logistisch ist Belgien attraktiv für Terroristen. Die zentrale Lage mitten in Europa ist nach Ansicht von Premierminister Charles Michel ein Grund dafür, dass viele Terroristen in dem elf Millionen Einwohner großen Land Unterschlupf suchen.

Brüssel ist zudem Sitz der Europäischen Union und der Nato. Wer also die EU und die westliche Welt treffen will, findet in Brüssel die für die Terroristen des "Islamischen Staats" immer notwendige Symbolik.

Von Detlef Drewes und Dirk Schmaler.

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Anschläge in Brüssel
Foto: Die Brüder Khalid und Brahim El Bakraoui (Mitte) haben nach Medienangaben das tödliche Attentat auf dem Flughafen der EU-Hauptstadt verübt.

Die Türkei will Belgien schon früh vor einem der Attentäter gewarnt haben. In Brüssel suchen die Ermittler nach weiteren Terorverdächtigen. Drei der Männer, die am Dienstag mit ihren Bomben 31 Menschen getötet haben, wurden mittlerweile identifiziert.

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