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Außenseiter schockt mit seiner Pyramiden-Theorie die Fachwelt

Hannoverscher Forscher Außenseiter schockt mit seiner Pyramiden-Theorie die Fachwelt

Ein hannoverscher Forscher hat das lange verlorene Wissen der ägyptischen Pyramiden-Baumeister wiederentdeckt. Das Ergebnis ist eine archäologische Sensation – von der die Fachwelt jedoch nichts wissen will.

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„Absoluter Schwachsinn“: Wer sich daran macht, den Bau der Pyramiden von Giseh zu erforschen, muss sich warm anziehen. Sogar Ägyptologen verlieren hier die Fassung.

Quelle: dpa

Die ägyptischen Pyramiden zählten zu den Weltwundern der Antike. Anlass zum Wundern geben die gigantischen Bauwerke im Wüstensand aber bis in die Gegenwart. Das jüngste Kapitel im Buch ihrer gewaltigen Historie spielt heute, und es spielt in Deutschland. Es handelt von einer großen Entdeckung und davon, dass niemand sie hören will. Es erzählt die unglaubliche Geschichte vom Hochmut der Spezialisten und einer neuen Variante des Pharaonen-Fluches: Schlimmer als alle Geister der Vergangenheit erscheint den heutigen Forschern die Fülle esoterischer Theorien.

Wie sonst ließe sich erklären, warum die Ägyptologie nahezu vollständig ignoriert, was Friedrich Wilhelm Korff herausgefunden hat? Der heute 73-jährige emeritierte Professor hat Philosophie an der hannoverschen Leibniz Universität gelehrt, als er Mitte der achtziger Jahre auf ein Thema stieß, das überhaupt nicht zu seinem Fachgebiet gehörte und das doch sein Lebensthema werden sollte: Wie haben die Ägypter ihre Pyramiden gebaut? Er studierte altgriechische Schriften und ägyptische Papyri, beugte sich über physikalische Formeln und geometrische Figuren. Auf einer Tischtennisplatte im Keller seines Hauses in Wennigsen fertigte er riesige Konstruktionspläne von Pyramiden an, deren theoretisch gewonnenen Maße er vor Ort in Ägypten kontrollierte. Das Ergebnis: Seine Formeln erschienen schlüssig. 2008 veröffentlichte er schließlich ein Buch, in dem er seine Erkenntnisse zusammenfasste. 324 Seiten voller Formeln und Maßangaben, Tabellen und Figuren. Das Buch ist extrem schwere Kost, aber es enthält nicht weniger als die mathematisch abgesicherte, seit Jahrhunderten gesuchte Antwort auf die Frage, nach welchem Bauprinzip die Pyramiden errichtet wurden. Eine Sensation, die in den Medien von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ bis zu den „Tagesthemen“ gewürdigt wurde; das Echo in der Fachwelt: fast keines.

Warum das so ist, erklärt sich zum Teil mit dem Titel des Buches: „Der Klang der Pyramiden“ hat Korff sein Opus Magnum genannt und zudem auch nicht den selbstbewussten Untertitel gespart: „Platon und die Cheopspyramide – das enträtselte Weltwunder“. Über die reine Anwendung von Arithmetik und Geometrie hinaus hatte der Philosoph einen Zusammenhang mit der antiken Musiktheorie hergestellt und konnte die Proportionen der Pyramiden so musikalischen Intervallen zuordnen. Die Pyramiden als Stein gewordener Klang: Auf so etwas reagieren nüchterne Fachforscher allergisch. „Es gibt einen Abwehrreflex bei vielen Ägyptologen, weil es sehr viele, sehr dubiose Theorien zu den Pyramiden gegeben hat“, erklärt Joachim Friedrich Quack, der Leiter des renommierten ägyptologischen Instituts der Heidelberger Universität, die Reaktionen vieler seiner Kollegen.

Wie drastisch die ausfallen können, kann man bei Christian Loeben erleben: Der Ägyptologe des hannoverschen Museums August Kestner, sonst ein besonnener Mann, gerät fast außer sich, sobald er den Namen Korff hört. Dessen Arbeit sei „absoluter Schwachsinn“, schimpft er, und „keine seriöse Wissenschaft“. Er ärgere sich noch immer, so Loeben, dass er Geld ausgegeben habe, um das Buch für die Museumbibliothek zu kaufen – tatsächlich scheint das eine wirkungslose Investition gewesen zu sein: Loeben selbst hat sich „nur oberflächlich“ mit Korffs Ausführungen befasst.

Während sich der hannoversche Ägyptologe trotzdem sicher ist, Korff hätte genauso gut von der Anzahl der Sandkörner auf die Neigungswinkel der Pyramiden schließen können, hält sein Heidelberger Kollege Quack Korffs Ansatz für erheblich belastbarer: „Die Basis seiner Untersuchung ist nachvollziehbar und überprüfbar“, sagt der Professor. Allerdings brauche man Spezialwissen auch außerhalb der Ägyptologie, um sie endgültig bewerten zu können.

Ein Ägyptologe immerhin hat das bereits unternommen: Rainer Stadelmann. Der 77-Jährige war einer der Nachfolger von Ludwig Borchardt als Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Kairo. Jahrzehntelang hat er die Ägyptologie geprägt, und noch immer leitet er Ausgrabungen in Ägypten, wo man ihn dieser Tage telefonisch erreicht. „Ich schätze die Arbeit von Herrn Korff außerordentlich“, sagt er. „Sie erklärt vieles und zeigt außerdem, dass wir das Wissen der Ägypter immer unterschätzt haben.“ Auch Stadelmanns Altersgenosse Jan Assmann, gerade mit dem Lübecker Thomas-Mann-Preis geehrt, bescheinigte Korff, dass seine Entdeckung „mit allem historischen Wissen und präziser Beobachtung“ in einer Weise abgesichert sei, „dass man nur staunend den Hut ziehen“ könne.

Doch außer den beiden großen, alten Männern der Ägyptologie tut das niemand. Im Gegenteil: Im Bemühen, seine Arbeit beim wichtigsten Forum der Zunft – der alljährlich tagenden Ständigen Ägyptologen-Konferenz – vorzustellen, erfuhr Korff nur die Herablassung der jüngeren Forscher: In Münster, wo der Kongress 2009 stattfand, bekam er auf seine Anfrage neben einer höhnischen Antwort den Verweis auf eine ablehnende Kritik eines Ägyptologen, der selbst ein Pyramiden-Buch veröffentlicht hat, dessen Thesen längst widerlegt sind. Aus Leipzig, wo die Wissenschaftler in der kommenden Woche tagen werden, kam sogar die Notiz einer Sekretärin, aus der zu entnehmen war, der zuständige Professor habe nicht die Zeit, Korffs Arbeit auch nur in Augenschein zu nehmen. Außenstehenden kann dieser despektierliche Umgang nur unglaublich erscheinen: Es gibt eine möglicherweise bahnbrechende Entdeckung, und die Wissenschaft schweigt sie tot. Für Stadelmann ist das sogar Grund genug, die ganze gegenwärtige Forschung infrage zu stellen. Die Ägyptologie sei bequem geworden und beschäftige sich heute im Wesentlichen mit kleineren Problemen, findet der leidenschaftliche Ausgräber. „Wenn dann jemand wie Korff kommt und eine wirklich große These aufstellt, dann erschrickt man“, sagt Stadelmann – und meint damit das Schweigen seiner Nachfolger. Dann fügt er noch einen schlichten, großen Satz an: „Das Buch von Korff wird bleiben.“

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