Die Hitze bringt die Bahn in die Bredouille. Das Hitzechaos nach dem Ausfall der Klimaanlage in drei ICEs hat ein Nachspiel für die Deutsche Bahn. Wegen des Verdachts auf fahrlässiger Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung ermittelt die Bielefelder Staatsanwaltschaft gegen Bahn-Verantwortliche, außerdem schaltete sich am Montag Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) ein. Die Leiterin einer der betroffenen Schulen kündigte eine Schadensersatzforderung an.
Am Sonnabend war in drei ICEs die Klimaanlage komplett ausgefallen, weshalb zwei der Züge in Hannover und einer in Bielefeld geräumt werden mussten. In Bielefeld kamen neun Schülerinnen und Schüler von zwei verschiedenen Schulen dehydriert ins Krankenhaus, alle Verletzten konnten die Krankenhäuser aber wieder verlassen.
Wie ein Sprecher der Bundespolizei in Münster am Montag sagte, wurden Ermittlungen gegen namentlich noch nicht bekannte Bahn-Verantwortliche wegen des am Samstag in Bielefeld gestoppten ICE eingeleitet. Für diese Ermittlungen habe die Bundespolizei mit der Befragung von Zeugen begonnen. Außerdem müsse eine technische Untersuchung durch das Eisenbahnbundesamt (EBA) abgewartet werden.
Ein Sprecher des Eisenbahnbundesamtes sagte, es seien Untersuchungen eingeleitet worden, wie es zum Ausfall der Klimaanlage in mehreren Zügen kommen konnte. Dabei sollten sowohl die Fahrzeuge als auch die betrieblichen Abläufe untersucht werden.
Nach den Worten eines Bahn-Sprechers gab es über die drei Totalausfälle der Klimaanlage hinaus in weiteren Zügen in einzelnen Waggons einen Ausfall der Klimaanlage. Um wieviele weitere Züge es sich handle, könne er aber nicht sagen. Dem Sprecher zufolge erhielten die Zugchefs und Zugbegleiter inzwischen die verbindliche Anweisung, bei einem Totalausfall der Klimaanlage den Zug am nächstmöglichen Bahnhof zu stoppen. Bei einem Teilausfall liege es im Ermessen des Zugchefs, ob der Zug weiterfahren kann.
Nachdem sich Bahn-Chef Rüdiger Grube am Sonntag bereits telefonisch bei der Leiterin des betroffenen Sankt-Bernhard-Gymnasiums in Willich entschuldigt hatte, schickte er am Montag den Generalbevollmächtigten der Bahn in Nordrhein-Westfalen, Reiner Latsch, zu der Schule. In dem Gespräch sollte Latsch nach Angaben des Bahnsprechers auch anbieten, den Schülern als Entschädigung neben den ursprünglich genannten Freifahrten Geld zu zahlen. Vier Schüler des Gymnasiums mussten im Krankenhaus behandelt werden.
Wie die Leiterin der ebenfalls betroffenen Remscheider Sophie-Scholl-Gesamtschule, Brigitte Borgstedt sagte, meldete sich bei ihr bis zum frühen Montagnachmittag noch kein Bahn-Verantwortlicher. Von der Schule mussten fünf Schüler ins Krankenhaus. „Es ist ein starkes Stück, dass die sich nicht gemeldet haben“, sagte Borgstedt. Die Schule werde bei der Bahn Schadensersatz geltend machen. Außerdem rate sie den Eltern, für ihre Kinder Schmerzensgeld einzufordern.
Trotz Hitzekollaps mehrerer Schüler will der Schulträger eines betroffenen Gymnasiums in Willich nicht gegen die Bahn klagen. Das teilten die Malteser - Träger des St. Bernhard- Gymnasiums am Niederrhein - am Montag in Köln mit. Schüler der zehnten Klasse gehörten zu den insgesamt neun Jugendlichen, die in einem defekten ICE aus Berlin wegen großer Hitze am Wochenende zusammengebrochen waren. „Wir sehen uns eher in der Vermittlerrolle. Klage zu erheben ist in diesem Fall Sache der Eltern“, sagte ein Malteser-Sprecher.
Die Deutsche Bahn müsse nach ihren Versäumnissen aber ein „deutliches Zeichen“ setzen, forderte der Schulträger. Lehrer und Schulsanitäter im ICE hätten besonnen und umsichtig gehandelt. Alle Jugendlichen seien nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus „einigermaßen wohlauf“. Die Sophie-Scholl-Gesamtschule in Remscheid will dagegen Schadenersatz von der Bahn fordern.
Ramsauer erklärte, er habe bereits mit Grube über die Vorfälle ausführlich telefoniert. Die Ursachen der aktuellen Vorfälle müssten gründlich untersucht und beseitigt werden. Mit dem Thema Mängel an ICE-Zügen werde sich der Bahn-Aufsichtsrat bei seiner Sitzung beschäftigen. Gleichzeitig mahnte Ramsauer aber zur Mäßigung bei der Kritik. „Bei allem Ärger und Verständnis für die Betroffenen, darf man die Mängel allerdings nicht zu einer nationalen Tragödie hoch stilisieren.“
Der Fahrgastverband Pro Bahn bemängelte das Krisenmanagement. Auch am Montag gab es bundesweit Schwierigkeiten mit aufgeheizten Waggons. Ein Bahnsprecher sagte in Berlin, bei der nächtlichen Wartung der ICE in den Werkstätten würden die Klimaanlagen mit einem extra Blick genauer überprüft. Damit solle sichergestellt werden, dass kein Zug mit gestörter Kühlung auf die Gleise rolle. Zugbegleiter seien zudem nochmals sensibilisiert worden, auf Unregelmäßigkeiten zu achten. Es würden mehr Getränke mitgenommen, mit denen sich Reisende erfrischen können. Komplette Zugausfälle seien vorerst nicht bekanntgeworden. Am Wochenende hatte die Bahn drei überhitzte ICE stoppen müssen. Etliche Schüler waren in den Wagen zusammengebrochen.
Der Fahrgastverband Pro Bahn kritisierte, die Klimaanlagen-Defekte seien ein hausgemachtes Problem. „Es waren alles Züge des Typs ICE 2. Das sind Züge, die jetzt 15 Jahre alt sind“, sagte der Vorsitzende Karl-Peter Naumann. Eine Generalüberholung sei dringend nötig. Die Bahn hatte bereits zuvor eine Modernisierung der ICE-2-Flotte für rund 100 Millionen Euro angekündigt.
Fatal sei der Umgang mit Störungen, sagte Naumann. „Was die Bahn noch immer nicht gelernt hat, ist, mit Krisen umzugehen“, sagte Naumann. „Wenn es kritisch wird, muss man einen Zug auch mal anhalten und nicht nur, wenn er nicht weiterfahren kann, sondern auch, wenn im Inneren Dinge des Komforts nicht mehr stimmen.“ Das Eisenbahn-Bundesamt will Fahrzeuge und betriebliche Abläufe prüfen, wie ein Behördensprecher sagte. Untersucht werde auch, ob es früher bereits solche Vorfälle gegeben habe. Die Bundespolizei ermittelt in dem Zusammenhang wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung.
Gewitterfront legt Bahnverkehr im Westen lahm
Eine Gewitterfront hat den Bahnverkehr auf wichtigen Strecken in Nordrhein-Westfalen am Montag fast vollständig zum Erliegen gebracht. Von „massives Störungen“ wegen Blitzeinschlägen und Bäumen im Gleis berichtete ein Bahnsprecher in Düsseldorf. Betroffen seien der Fern- und Nahverkehr sowie alle S- Bahnlinien im Bereich Rhein-Ruhr.
Auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof standen die Reisenden am Nachmittag in dichten Trauben auf den Bahnsteigen und warteten auf Züge. Andere hatten sich auf Treppen gesetzt. Unter anderem waren die Hauptstrecken Köln-Düsseldorf und Köln-Aachen sowie die Verbindung Oberhausen-Altenessen-Gelsenkirchen betroffen. „Zur Dauer der Störungen können wir noch keine Angaben machen“, teilte die Bahn mit.
Sturmtief „Norina“ war mit teils orkanartigen Sturmböen über Nordrhein-Westfalen hinweggefegt. Dachziegel flogen durch die Luft, Bäume knickten um, Starkregen setzte Straßen unter Wasser. Allein in Aachen wurden acht Menschen leicht verletzt. In Mönchengladbach wurde eine Schulklasse während eines Ausflugs in einem Park von dem Unwetter überrascht. Vier Kinder wurden durch herabfallende Äste leicht verletzt.
dpa/afp
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Kommentare
Ramsauer jk – 14.07.10
Ramsauer muss sofort zurücktreten"Ramsauer erklärte, .... Die Ursachen der aktuellen Vorfälle müssten gründlich untersucht und beseitigt werden."
Hier gibt es überhaupt nichts zu untersuchen, denn Ramsauer sind die Ursachen - die Züge sind technisch nur bis 35 Grad ausgelegt und werden zu selten gewartet - genau bekannt.
Enak Ferlemann sagte, die Probleme sind "seit etwas längerem bekannt“.
Ramsauer lügt also - wie jeder andere Politiker auch - hier geht es jedoch direkt um Menschenleben.
Nach dieser Lüge versteigt sich dieser Schöngeist noch zu folgender Aussage: „Bei allem Ärger und Verständnis für die Betroffenen, darf man die Mängel allerdings nicht zu einer nationalen Tragödie hoch stilisieren.“
Was wäre denn passiert, wenn von den betroffenen Jugendlichen zehn, zwölf gestorben wären ?
Ab wieviel Todesopfer ist es bei Ramsauer eine nationale Tragödie ?
Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen müsste, wenn ich diese Menschverachtung lese.
@Bahnfahrer MP – 13.07.10
Es gibt sehr wohl einen Vertrag zwischen Schule und Bahn, denn im Allgemeinen läuft der Kauf der Fahrkarten bei Klassenfahrten über die Schule.Und die Bahn wiederum hat nicht nur die Verpflichtung Züge von einem Ort um anderen fahren zu lassen, sondern ist auch verpflichtet, alles in ihrer Macht stehende dafür zu tun, dass die Fahrgäste in den Zügen lebendig und unbeschadet am Ziel ankommen.
Nach Ihrer Argument wäre auch jemand der in einem Supermarkt von einer schlecht angebrachten Deckenverkleidung erschlagen wird, selbst für seinen Tod verantwortlich, weil er zum Einkaufen keinen Bauhelm mitgenommen hat.
Ein bißchen Fürsorgepflicht gegenüber dem Kunden hat ein Unternehmen schon, wenn es Leistungen verkauft oder verkaufen will.
@ Leser Rubber Duck – 12.07.10
Wenn Dir "Das Gerase und Gedrängele zu stressig" ist solltest Du eben nicht von Hannover bis Berlin durchgehend mit Tempo 80 auf der Mittelspur fahren. Die plötzlichen Staus, die Links- und Mittelspurfahrer verursachen, sind es auch die die meisten Auffahrunfälle zur Folge haben.Und was heißt "Eine ausgefallene Klimaanlage ist natürlich unschön, aber bei der Hitze nicht ungewöhnlich." Für welches Wetter sind Klimaanlagen denn wohl gemacht?
Alternative? Leser – 12.07.10
Ich fahre häufig von Hannover nach Berlin, manchmal mit ICE, manchmal mit IC. Aber nur sehr, sehr ungerne mit dem Auto. Das Gerase und Gedrängele ist mir zu stressig.Eine ausgefallene Klimaanlage ist natürlich unschön, aber bei der Hitze nicht ungewöhnlich. Ich will hier nichts schönreden - aber ist jemand gestorben? Nein. Im Gegensatz zur A2, da passieren doch wöchentlich schwere Unfälle mit Schwerverletzten und Toten.
Und ich sitze lieber im ICE oder im Bahnhof sinnlos herum, als im Auto im Stau auf der Autobahn... zumal ich keine Klima im Auto habe, die kaputt gehen könnte.
Alle reden vom Wetter Rubber Duck – 12.07.10
Die Bahn scheitert daran.keine Züge ausgefallen? Bahnfahrer – 12.07.10
Die Feststellung, heute seien keine Züge wegen defekter Klimaanlagen ausgefallen, ist nicht richtig.Zumindest der IC140 Berlin-Amsterdam hat es heute Abend nur bis Hannover geschaft, dann wurde er aus den Verkehr gezogen. Klimaanlage defekt. Und heute Abend standen mehrere ICE Züge im Abstellbahnhof Nordstadt. Scheinen auch Ausfälle zu sein.
Typisch Lehrer Bahnfahrer – 12.07.10
Das die Bahn defekte und schlecht gewartete Züge auf die Strecke lässt ist bekannt. Dies ist nicht tolerierbar und muss geändert werden.Was Schulleiter und Lehrer daraus machen ist allerdings das übliche Possenspiel. Dies zeichnet sich wieder besonders dadurch aus, dass die Damen und Herren Lehrer keine Ahnung von der Materie haben und wieder einmal vergessen sich an die eigene Nase zu fassen.
Man lese: "kamen neun Schülerinnen und Schüler von zwei verschiedenen Schulen dehydriert ins Krankenhaus".
Die Kids haben auf deutsch also in der Situation zu wenig getrunken. Wer ist dafür verantwortlich? Die Bahn? Oder vielmehr die Schüler selbst oder ihre Aufsichtspersonen = die Lehrer?
Man liest weiter: "Die Schule werde bei der Bahn Schadensersatz geltend machen".
Aha, nur wo ist denn der Vertrag oder gesetzliche Anspruch zwischen Schule und Bahn und gegen welchen Vertragsbestandteil wurde verstoßen? Und welcher Schaden ist der Schule entstanden?
Das wird dann eher ein Schuß in den Ofen.
Die gute Frau sollte versuchen den Kindern etwas Sinnvolles beizubringen statt solche Dümmlichkeiten von sich zu geben.
Schuster bleib bei deinen Leisten!
Und um die Leisten der Lehrer siehts es, wie PISA zeigt, eher schlecht aus.
Das hat die neunmalklugen Herrschaften aber noch nie gestört, wenn sie über andere herziehen konnten.
Der Trost: Es sind nicht alle Lehrer so und es gibt eine Vielzahl, die sich über ihre Berufskollegen ärgern.