Der nordrheinische Polizei-Inspekteur Dieter Wehe neigt offenkundig nicht zu Gefühlsausbrüchen. Als der Polizeichef aber am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Düsseldorf die tödliche Massenpanik bei der Loveparade am Wochenende analysierte, gab es dann doch einen Moment, in dem ihm die Stimme brach. „Alles deutet darauf hin, dass die Todesopfer in der Menschenmenge erstickt sind“, verkündet Wehe unter Tränen – und für einen Augenblick ist zu erahnen, welch unvorstellbares Leid, welche Ängste und Todesqualen sich hinter seinen sachlichen Verlautbarungen verbergen.
Doch eigentlich sollte es eben nicht darum gehen, Emotionen aufzuwühlen, sondern in nüchterner Form Verantwortlichkeiten zu klären. Dabei war die Botschaft jenseits aller sicherheitstechnischen Details eindeutig: Die entscheidende Schuld für die tödliche Tragödie liegt aus Sicht der Polizei bei den Organisatoren des Techno-Spektakels. Schon zu Beginn der Pressekonferenz hatte Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) erklärt, es sei „unerträglich, dass die Verantwortlichkeiten vom Veranstalter und der Stadt abgewälzt werden“. Damit nahm der Minister den Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) unter Beschuss, der sich weiter hinter einer Mauer des Schweigens verbirgt und auch vom Stadtrat in Wagenburg-Manier weitgehend geschont wird.
Doch die Hauptkritik richtete sich an diesem Tage gegen den Loveparade-Organisator Rainer Schaller, genannt „McFit“. Nach den bisherigen Ermittlungen hat der Betreiber einer bundesweiten Fitnesscenter-Kette entscheidende Absprachen ignoriert. Statt wie vereinbart das Gelände am früheren Güterbahnhof spätestens um elf Uhr zu öffnen, habe er die ersten Besucher erst kurz nach zwölf auf den Festplatz gelassen, teilte Polizei-Inspekteur Wehe mit. Dadurch habe sich schon früh ein Stau vor dem Eingang gebildet, der im Laufe des Tages immer größer geworden sei. Anders als geplant habe Schaller keine „Pusher“ eingesetzt, die Besucher schnell auf das gesamte Gelände verteilen sollten.
Vor allem moniert die Polizei, dass der Veranstalter keine Kontrolle über seine eingesetzten Ordner hatte. Die nämlich sollten bereits um 15.46 Uhr angewiesen worden sein, den Zugang zum Tunnel zu sperren. Doch die Anordnung wurde nicht umgesetzt. „Warum ist nicht bekannt“, sagt Wehe. „Auf jeden Fall konnten so die Besucher weiter in Richtung Tunnel und Rampe strömen.“ Dabei klingen auch Zweifel daran, dass die Veranstalter tatsächlich wie vereinbart 1000 Ordner eingesetzt haben. „Festzustellen ist, dass die vorhandenen Ordner nicht ausreichten“, bilanziert der Polizei-Inspekteur kühl. Dadurch hätten acht von 24 geplanten Eingangsschleusen zum Gelände hin gar nicht geöffnet werden können. „Da waren schlicht keine Ordner.“
Für Innenminister Jäger ist das Fazit klar: „Der Veranstalter hat die Vorgaben des Sicherheitskonzepts nicht eingehalten und schließlich die Polizei um Hilfe gerufen.“ Angesichts der aufgeheizten Stimmung und des enormen Gedränges sei es aber zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich gewesen, die Katastrophe zu verhindern. So haben Raver nach dem Bericht einer Augenzeugin eine Polizeikette vor dem Tunnel einfach überrannt.
Bei aller Kritik an Loveparade-Organisator Schaller, der bundesweit Fitnesscenter betreibt, verschont der Innenminister aber auch die Stadt Duisburg nicht ganz. Die Stadt habe der Polizei erst am Sonnabendvormittag unmittelbar vor der Veranstaltung auf mehrfaches Drängen die Genehmigungspapiere ausgehändigt, lässt der Minister mitteilen. „Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Genehmigungsbehörde stelle ich mir anders vor“, kommentiert Jäger, der SPD-Vorsitzender in Duisburg ist.
Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland dürfte damit weiter unter Beschuss stehen. Die Mitglieder des Duisburger Stadtrates (SPD: 30, CDU: 25, Grüne: 6, Linke: 6, FDP: 3) dagegen halten sich mit Kritik an ihrem angeschlagenen Stadtoberhaupt nach wie vor zurück – auch die oppositionellen.
„Der OB hat das natürlich zu seinem Ding gemacht und sich in der Richtung sehr engagiert, ich kann aber nicht sehen, dass er Fehler gemacht hat“, sagt zum Beispiel Grünen-Ratsherr Michael Rich. Der Anwalt verweist darauf, dass sich der Oberbürgermeister ebenso wie die Ratsmitglieder auf das Urteil einer Sicherheitskommission verlassen haben. Und darin hätten neben städtischen Verwaltungsleuten auch Vertreter der Landes- und Bundespolizei gesessen. „Wenn unser OB zurücktreten würde, dann würde das zwar vielleicht etwas den Druck von der Stadt nehmen, aber auch die anderen von ihrer Verantwortung befreien.“ Zudem seien bei der Stadt neben Sauerland auch der Bau- und der Sicherheitsdezernent verantwortlich zu machen.
Ähnlich zurückhaltend äußert sich die örtliche SPD. „Wir werden keinesfalls vor der Trauerfeier eine Rücktrittsforderung erheben“, sagt der Geschäftsführer der SPD-Stadtratsfraktion, Uwe Linsen. Wie der Kollege von den Grünen betont der Sozialdemokrat, bei den Diskussionen im Rat sei es fast ausschließlich um die Frage der Finanzierbarkeit der Großveranstaltung gegangen. Und als der Bürgermeister dem Rat bei einer Sondersitzung im Februar versichert habe, dass die Megaparty mit Hilfe von Sponsoren für die Stadt kostenneutral abgewickelt werden könne, seien alle sehr zufrieden gewesen. Bei den Sicherheitsfragen habe man schlicht auf die Experten vertraut. „Wir waren uns einig, dass Duisburg das stemmen kann“, betont auch Grünen-Ratsherr Rich. Es gibt durchaus kritische Einzelstimmen: Hermann Dierkes von der Linken hält dem Bürgermeister vor, er habe den Rat „systematisch im Dunkeln gelassen“. Und SPD-Ratsfrau Elke Patz sagt, Sauerland habe Einwände niedergebügelt: „Wenn kritisch nachgefragt wurde zu dem Thema, hat er durch ironische Bemerkungen versucht, den Fragenden ins Lächerliche zu ziehen, um vom eigentlichen Thema abzulenken.“ Doch an bohrende Nachfragen in punkto Sicherheit kann sich kein Ratsmitglied erinnern.
16

Kommentare
Mal schön langsam jk – 29.07.10
So einfach wie die Mitschuld von Schaller als Veranstalter jedem klar sein dürfte - und diese wird nun umgehend nach weiter unten zu den einzelnen Ordnern durchgereicht werden - so einfach sollte auch die Verantwortung von Bürgermeister, Polizei und Landespolitik klar sein.Wirklich einzig und alleine verantwortlich gezeigt hat sich der Duisburger Baudezernatsleiter Jürgen Dressler, der aufgrund der ihm vorliegenden Informationen jede Verantwortung für diese Veranstaltung im Vorfeld ablehnte, weil er den Wahnsinn kommen sah und sich auch nicht unter Druck setzen ließ.
Wie es im Moment aber scheint, hat man sich auf seiten der Politk und der Polizei auf den Veranstalter Schaller eingeschossen. So wenig ich diesen mag, so einfach ist es eben nicht.
Ich, als Bürger, muß mich auf die Ordnungsbehörden dieses Staates oder/und einer Stadt verlassen können.
Dazu gehört eben auch, dass das Ordnungsamt einer Stadt eine solche Veranstaltung, welche vom Veranstalter nachweislich vollkommen unverantwortlich geplant wurde, eben NICHT genehmigt.
Als letzte Instanz sehe ich die Polizei und den Polizeipräsidenten, welcher aufgrund seiner Position ebenso eine solche Veranstaltung ebenfalls verhindern kann.
All dies ist nicht geschehen.
Diese Amtsträger - Stadt und Polizei - sind für die Sicherheit der Bürger VERANTWORTLICH und haben kraft ihres Amtes dafür zu sorgen, dass wenn ein privater Veranstalter, welcher aufgrund Geldgeilheit oder Unfähigkeit den Überblick verloren hat, dass den Bürgern dennoch kein Schaden entsteht.
Da hilft auch kein Herausgerede, wer für welches Areal in Duisburg verantwortlich war.
Wer erst am Samstagmorgen die Genehmigung für eine am gleichen Tag stattfindende Großveranstaltung mit erwartet 1,4 Millionen Menschen unterschreibt, hatte selber den Wahnsinn vor Augen, nahm eventuelle Todesopfer in Kauf und unterschrieb trotzdem.
Selbst die Gründe, Umstände oder andere Ursachen für eine solche Unterschrift sind vollkommen egal.
Die Unterschrift wurde geleistet und muß nun verantwortet werden. Sie verursachte bis heute 21 tote Menschen und 511 teils Schwerverletzte.
Alle vier Herren der damaligen Pressekonferenz sind vor diesem Hintergrund knastreif, da sie - aus welchen Gründen auch immer - aufgrund der Umstände zu erwartende Todesopfer billigend in Kauf genommen haben.
Ein weiterer Umstand taucht überhaupt nicht mehr in der Presse auf: Die Bundespolizei lies am nächsten Tag sämtliche Unterlagen (Einsatzpläne, Karten, EMails) von ihren Computern verschwinden - Quelle Spiegel !
Warum hören wir davon nichts mehr ?
Ich warte auf den Moment, wo festgestellt wird, dass der Veranstalter ein bis drei gehbehinderte Rentner an den falschen Zugangstoren postiert hatte und diese drei armen Rentner nach Durchlass eines Rettungswagens dieses Tor nicht mehr rechtzeitig schliessen konnten.
Damit ist dann die Politik und die Polizei raus, der Veranstalter gibt die Schadensersatzforderungen an die axa oder an die Rentner weiter und selbige scheiden alsbald aus dem Leben, damit auch die letzte Schuld-Adresse im Sande verläuft.
Eine solche Entwicklung würde mich keinesfalls überraschen.
Vergessen wir übrigens nicht die jetzt allzu schlaue Frau Hannelore Kraft am 25.01.2010 zu zitieren:
"Essen (ots) – NRW-SPD-Chefin Hannelore Kraft fordert von der Landesregierung schnelle und unbürokratische Hilfe, damit die in Duisburg geplante Loveparade 2010 nicht platzt. "Die Loveparade ist ein Stück Jugendkultur, die ins Jahr der Kulturhauptstadt gehört", sagte Kraft im Gespräch mit den Zeitungen der WAZ-Mediengruppe (Montag-Ausgaben). Eine zusätzliche Hilfe könne sein, als Land Sponsoren für die große Techno-Party einzuwerben. "Oberstes Ziel für NRW ist: Die Loveparade 2010 gehört ins Ruhrgebiet", so die SPD-Chefin. Dem Spektakel droht nach 2009 zum zweiten Mal eine Absage, weil die Stadt Duisburg wegen hoher Verschuldung für eine Spaßveranstaltung kein Geld ausgeben darf. Das NRW-Innenministerium prüft derzeit, ob für den Liebesaufmarsch eine Ausnahme ermöglicht werden kann."
Auch die jetzt so schlau daherredende Frau Kraft hat diesen tödlichen Druck mit aufgebaut, der dazu führte, jegliche Bedenken in den Wind zu schlagen.
Sie wäre eine der ersten Personen, welche den Mund halten sollten...