Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 7 ° Regen

Navigation:
"Es waren zu viele zur gleichen Zeit"

Polizisten über die Silvesternacht von Köln "Es waren zu viele zur gleichen Zeit"

Berichte von Polizisten schildern die Ausschreitungen in der Silvesternacht von Köln – und deuten darauf hin, dass syrische Flüchtlinge an den Übergriffen auf Frauen am Hauptbahnhof beteiligt waren.

Voriger Artikel
Wie aus Julian Jessica wurde
Nächster Artikel
Zwei Männer von Autos überrollt und getötet

"Wurden immer wieder mit Feuerwerkskörpern beschossen und mit Flaschen beworfen": Szene aus der Silvesternacht vor dem Kölner Dom.

Quelle: Markus Böhm/dpa

Köln. Am Ende steht eine Kapitulationserklärung der Ordnungsmacht. Das Eingeständnis, dass die anderen einfach zu viele sind. Es ist Silvesterabend, kurz vor Mitternacht, der Platz vor dem Kölner Bahnhof ist voller junger Männer. Raketen und Böller explodieren in der Menge, Flaschen fliegen durch die Luft, es gibt Schlägereien. Frauen werden begrapscht und ausgeraubt. Und die Polizei?

Erschreckende Machtlosigkeit

"Die Einsatzkräfte", so schreibt ein Beamter nach jener Nacht, "konnten nicht aller Ereignisse, Übergriffe, Straftaten usw. Herr werden. Dafür waren es einfach zu viele zur gleichen Zeit." Mit anderen Worten: Die Polizei kann in jener Nacht phasenweise nur noch zusehen – schützen kann sie die Menschen nicht mehr. Die Polizei selbst bestätigt in ihrem Bericht die schlimmsten Befürchtungen.

Was in der Silvesternacht in Köln geschehen ist, darüber haben bisher Zeugen berichtet – Passanten und Partygänger, die die Ausschreitungen beobachteten, Frauen, die selbst misshandelt wurden. Das Bild blieb dennoch lückenhaft. Am Donnerstag ist jedoch der Einsatzbericht eines leitenden Beamten der Bundespolizei aufgetaucht. Er bietet den bislang genauesten Einblick in jene Nacht, beschreibt Chaos, Aggression, ungehemmte Ausschreitungen – und eine erschreckende Machtlosigkeit der Polizei.

In der Silvesternacht sind in Köln Dutzende Frauen am Hauptbahnhof sexuell belästigt und bestohlen worden. Die Kölner Polizei steht deshalb in der Kritik. Sie schilderte daraufhin, wie der Einsatz aus ihrer Sicht abgelaufen ist. Wir dokumentieren Auszüge aus der Mitteilung der Polizei.

Zur Bildergalerie

Weinende Kinder

Schon bei der Anfahrt zum Bahnhof seien er und seine Kollegen "von aufgeregten Bürgern mit weinenden und geschockten Kindern" über die Situation am Bahnhof informiert worden. Die Beamten hatten noch nicht mal ihre Fahrzeuge weggestellt, da flogen schon die ersten Böller auf sie – so schildert es der Polizist.

Nach seiner Darstellung befinden sich zu diesem Zeitpunkt auf der Domtreppe und dem Bahnhofsvorplatz "einige Tausend meist männliche Personen mit Migrationshintergrund, die Feuerwerkskörper und Flaschen wahllos in die Menschenmenge feuerten" – die Polizei hat bislang von rund 1000 Menschen gesprochen. Passanten berichten von Diebstählen, Schlägereien, sexuellen Übergriffen.

Mit Raketen beschossen

Das Auftauchen der Polizei scheint die Täter jedoch nicht im Geringsten zu beeindrucken: "Frauen mit Begleitung oder ohne durchliefen einen 'Spießrutenlauf' durch die stark alkoholisierten Männermassen, wie man es nicht beschreiben kann."

Gegen 23.30 Uhr – zu diesem Zeitpunkt sind die Beamten seit einer Dreiviertelstunde vor Ort – beginnt die Polizei, den Platz zu räumen. Die Polizisten stoßen jedoch auf erheblichen Widerstand: Sie werden mit Flaschen beworfen, mit Raketen beschossen, viele der jungen Männer wehren sich – ohnehin sind die meisten laut dem Bericht alkoholisiert oder auch bekifft.

Frauen rufen um Hilfe

"Im Einsatzverlauf erschienen zahlreiche weinende und schockierte Frauen/Mädchen und schilderten sex. Übergriffe durch mehrere männliche Migrantengruppen", schreibt der Verfasser weiter. Die Täter festzunehmen oder auch nur zu identifizieren, gelingt den Beamten jedoch nicht – weil sie "durch Massenbildung daran gehindert werden, an die Betreffenden (Geschädigte/Zeugen/Täter) zu gelangen". Frauen, so geht aus dem Bericht hervor, rufen um Hilfe – doch die Polizei dringt nicht zu ihnen vor.

"Zu Spitzenzeiten", räumt der Bericht ein, "war es nicht möglich, Strafanzeigen aufzunehmen." Eine Situation, die auch für die Polizisten schwer erträglich war: Da man "nicht jedem Opfer einer Straftat helfen und den Täter dingfest machen konnte, kamen die Beamten an die Grenze zur Frustration".

16 Verdächtige ermittelt

Wer aber waren die Täter? War die Situation so chaotisch, dass die Polizisten tatsächlich keine Personalien aufnehmen oder Männer in Gewahrsam nehmen konnten? Dazu lässt der Bericht viele Fragen offen. 121 Anzeigen aus der Silvesternacht lagen der Kölner Polizei gestern vor, die meisten wegen sexueller Belästigung, zwei wegen Vergewaltigung. 16 Verdächtige hat die Polizei nach eigenen Angaben ermittelt, die meisten anhand von Foto- oder Videoaufnahmen.

Zeugen hatten die Täter als nordafrikanischer oder arabischer Herkunft beschrieben. In dem Bericht ist von "Männern mit Migrationshintergrund" die Rede. Einige Schilderungen deuten jedoch stark darauf hin, dass es sich tatsächlich um Flüchtlinge handeln könnte, die erst seit kurzer Zeit hier sind. So hätten Männer Aufenthaltspapiere zerrissen "mit einem Grinsen im Gesicht und der Aussage: Ihr könnt mir nix, hole mir morgen einen neuen". Ein Mann habe ihnen erklärt: "Ich bin Syrer, ihr müsst mich freundlich behandeln! Frau Merkel hat mich eingeladen."

Waren Flüchtlinge dabei?

Dass sich in der Nacht vor dem Bahnhof viele Flüchtlinge aus Syrien befanden, ergaben auch Recherchen der "Welt am Sonntag". Nach Angaben der Zeitung haben mehrere von ihr befragte Beamte der Darstellung der Kölner Polizeispitze widersprochen. Demnach wurden in der Nacht sehr wohl etwa 100 Menschen kontrolliert und einige auch vorübergehend festgenommen. "Die meisten waren frisch eingereiste Asylbewerber", sagt demnach ein Polizist. Der Großteil von ihnen stamme aus Syrien.

So sind die Berichte der eingesetzten Beamten in Teilen durchaus widersprüchlich. Gemeinsam ist ihnen dagegen die Kritik an der Führung der Kölner Polizei. Auch der interne Polizeibericht beklagt unter anderem einen "viel zu geringen Kräfteansatz".

Pfeiffer: Ein Integrationsproblem

Unterstützung erhält die Polizei dagegen von Christian Pfeiffer, früher Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Die Ausschreitungen in Köln seien "nicht primär ein Polizeiproblem", sondern ein Integrationsproblem. Vorfälle wie in Köln habe es in dieser Intensität noch nie gegeben – eine Einschätzung, die der Einsatzbericht bestätigt. "In 29 Dienstjahren", schreibt der Verfasser, "habe ich eine solche Respektlosigkeit noch nicht erlebt."

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Panorama
Familiendrama mit sechs Toten in Österreich

Ein Familiendrama erschüttert Österreich. Eine Frau soll mehrere Angehörige erschossen haben.