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"Shitstorms" sind Männerproblem

Beschimpfungen nach Freibad-Sprung "Shitstorms" sind Männerproblem

Nach "Shitstorms" gegen Angela Merkel, Til Schweiger und die Opfer des Freibadunglücks in Kulmbach diskutiert Deutschland wieder über schlechtes Benehmen im Netz. Medienwissenschaftler sprechen von einem ausgemachten Männerproblem. Doch manche Wutbürger-Welle soll auch ihr Gutes haben.

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Wieder in der Debatte: Shitstorms der Wutbürger.

Quelle: dpa (3), Youtube/NDR

Hannover. Wahrscheinlich war es Übermut. Wahrscheinlich war auch Alkohol im Spiel. Zumindest kamen zwei junge Männer in der Nacht zu Sonntag auf die Idee, sich einer Mutprobe zu unterziehen. Sie brachen in ein Freibad ein und sprangen von einem Turm in fünf Metern Höhe in ein leeres Becken, von dem sie offenbar nicht wussten, dass es vor Kurzem stillgelegt worden war. Der eine war sofort tot, sein Freund starb kurze Zeit später noch am Unfallort.

Im Netz ist das schwere Unglück von Kulmbach in den vergangenen Tagen Dauerthema. Das Verstörende dabei: Neben Mitgefühl und Beileidsbekundungen gibt es auf den Foren sämtlicher Medienunternehmen auch viele abfällige, gehässige Kommentare über das tragische Unglück. Auf den Plattformen von „Bild“ und „Mopo Dresden“ überschlugen sich die User zeitweise mit Häme. „Dummheit muss bestraft werden“, heißt es. Oder: „Wie kann man nur so hohl sein… Das haben sie nun davon! Kann ich echt nur drüber lachen.“ Oder: "Von Mir gibt es kein Mitleid. Wer sich strafbar macht und nachts in nem Freibad einbricht um illegal schwimmen zu gehen muss damit rechnen das das Konsequenzen mit sich bringt."

Das Ziel ist schlichte Provokation

Es scheint, als haben die Beleidigungen im Netz eine neue Qualität erreicht. Der Würzburger Medienwissenschaftler Prof. Frank Schwab spricht von einem "Männerproblem". Vor allem junge Männer ab der Pubertät und bis zu eigenen Kindern ließen sich im Netz zunehmend zum verbalen Schlagabtausch verleiten. Dabei müsse es gar nicht die tatsächliche Meinung sein, die die Pöbler kundtäten. "Einer fängt mit der Dummheit an, dann schaukelt sich das hoch und plötzlich bricht eine Welle der Geschmacklosigkeiten los." Das Ziel sei schlichte Provokation. Das ersetze quasi auch Prügeleien unter Halbstarken, sagt Schwab. "Allerdings gehe ich nicht davon aus, dass sich die Aggressionen auf diese Weise abbauen lassen – leider werden sie im Gegenteil durch die erlangte Aufmerksamkeit noch verstärkt."

Primitivität folgt psychologischen Mechanismen

Das zeigen auch mehrere "Shitstorms", die in jüngster Zeit duch die Medien gegangen sind. Auf Til Schweigers Facebookseite, die für eine Hilfsaktion für Flüchtlinge warb, wimmelte es plötzlich von rassistischen Kommentaren. Auch das Interview, das Ex-Sportmoderatorin Monica Lierhaus in der vergangenen Woche dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland" gegeben hatte, hatte teils scharfe Kritik zur Folge. Kontrovers debattiert wurde die Aussage, dass sie die lebensrettende Hirn-OP nicht wiederholen würde und ihr "tot möglicherweise viel erspart worden wäre". Die Empörung war groß: Viele User warfen ihr vor, behinderten Menschen einen Bärendienst erwiesen zu haben. Auch über Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Kabarettisten Dieter Nuhr war in den vergangenen Tagen ein Shitstorm hereingebrochen. Nuhr schrieb daraufhin in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Die Primitivität und Aggressivität, mit der Andersmeinende im Internet verfolgt werden, scheint mir denselben psychologischen Mechanismen zu folgen, die früher zu Lynchjustiz und Pogromen führten."

Teil der Demokratisierung?

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen brach dagegen in einem Interview mit der dpa eine Lanze für das Phänomen. "Ich halte die pauschale Shitstorm-Kritik der letzten Tage für falsch", sagte der Tübinger Professor. "Hier zeigt sich, bei aller berechtigten Empörung über eine ungehemmte Aggression, eben auch eine Publikumsverachtung, die nur die Fronten verhärtet." Zwar gebe es zweifellos böse Attacken, die nicht zu entschuldigen seien. Aber ein Shitstorm könne auch große gesellschaftliche Fragen spiegeln: "Man denke nur an die sogenannte Aufschrei-Debatte – hier ging es um den alltäglichen Sexismus gegenüber Frauen." Auch der Politologe Martin Emmer sagte, im Prinzip seien die Debatten Teil eines Demokratisierungsprozesses – jeder könne sich jetzt zu Wort melden und mitreden. Richtig sei aber auch: "Die digitalen Öffentlichkeiten sind sehr viel härter und direkter als all das, was früher in der massenmedialen Welt, abgepolstert und herausgefiltert durch journalistische Selektionsmechanismen, passiert ist."

Spürbare Konsequenzen für Wutbürger

Medienwissenschaftler Schwab erinnert auch an die positiven Seiten der Debatten: "Menschenrechtler, Umweltschützer, Tierliebhaber finden sich zusammen und helfen rund um den Globus - das muss man auch sehen." Für Wutbürger, die sich ungefiltert in Rage tippen, gibt es hin und wieder auch spürbare Konsequenzen. Erst vor ein paar Tagen hatte Autobauer Porsche einem Lehrling fristlos gekündigt, weil der einen Hass-Kommentar unter das Foto eines Flüchtlingsmädchens gepostet hatte.

Bereits 2012 war ein 18-jähriger wegen eines Aufrufs zur Lynchjustiz im Internet zu Jugendarrest verurteilt worden. Er hatte nach dem Mord an der elfjährigen Lena aus Emden dazu aufgerufen, die Polizeiwache zu stürmen und den Verdächtigen zu lynchen. Rund 50 wütende Menschen waren seinem Aufruf gefolgt. Der Verdächtige erwies sich später als unschuldig.

Von Sonja Fröhlich

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