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Besuch in einer verwundeten Stadt

Brüssel nach den Anschlägen Besuch in einer verwundeten Stadt

Am Tag nach den Anschlägen bemüht sich Brüssel um eine neue Haltung: Trotz. Einigen Menschen wird aber erst jetzt klar, dass sie Glück hatten. Andere wissen nichts mehr mit sich anzufangen. Eine Reportage von Thorsten Fuchs.

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"Ik ben Brussel": Hunderte Menschen legen am Place de la Bourse im Zentrum Brüssels Blumen ab. Karim Ziani (oben rechts) aus Molenbeek ist sicher: "Er hatte Komplizen." Unten links: Christophe mit Belgien-Flagge: "Ich bin bei der Arbeit nutzlos."

Quelle: dpa/Fuchs

Brüssel. Es muss alles ganz leicht gewesen sein, fürchterlich leicht. Sie sitzen hier ja alle vollkommen schutzlos, arglos. Der Afrikaner mit der Plastiktüte, der ganz vertieft scheint in das Buch auf seinen Knien, die Bibel, ein zerlesenes Exemplar mit schmutzschwarzen Rändern. Oder die junge Frau mit dem Rucksack, Fotografin auf dem Weg zur Arbeit, Sandrine heißt sie. Der Mann mit dem dunklen Bart, Stephane Sadruddin, der abwechselnd in sein Schokocroissant beißt und dann Kakao mit dem Strohhalm aus der kleinen Tüte saugt. 32 Sitz- und 108 Stehplätze gibt es in diesem U-Bahn-Waggon. Am Tag zuvor müssen fast alle besetzt gewesen sein.

Es ist Mittwochmorgen, kurz nach neun, quietschend rollt die U-Bahn der Linie 1 in die Station Schuman. Genau 24 Stunden zuvor war der Zug noch einmal weitergefahren. Er kam bis zur nächsten Station, Maelbeek. Dort explodierte die Bombe, um 9.11 Uhr. Sie zerfetzte den Waggon, tötete 20 Menschen und verletzte mehr als 100. Deshalb ist bei Schuman nun Schluss, aber man kann von hier die Lichter von Maelbeek sehen, der Zug steht noch im Gleis.

"Es war einfach Glück"

Wie es ist, nun wieder mit dieser Linie zu fahren, am Tag danach? Unheimlich, natürlich, sagt Sandrine, sie hätte ja selbst in jenem Zug sitzen können, sie hatte frei, "es war einfach Glück". Sie wäre heute lieber nicht mit der Metro gefahren, aber was soll sie machen, die Parkplätze in Brüssel sind zu teuer für sie, und sie muss zur Arbeit. Und Stephane Sadruddin, Angestellter ausgerechnet bei einer Sicherheitsfirma, rechnet vor, dass es ja statistisch unwahrscheinlich sei, dass es zwei Anschläge an aufeinanderfolgenden Tagen gebe.

Terroranschläge in Brüssel: Eine Zusammenfassung der Ereignisse finden Sie hier.

Auch Deutsche unter den Verletzten: Was dazu bisher bekannt ist, finden Sie hier.

Der Held vom Brüsseler Flughafen: Wie Alphonse Youla sieben Menschen rettete.

Mann überlebt zum zweiten Mal Terroranschlag:  Mason Wells Geschichte finden Sie hier.

Es ist nicht klar, ob er selbst an solche Berechnungen glaubt, aber sein Job ist es, Menschen Alarmanlagen zu verkaufen, und er weiß, dass Sicherheit auch eine Frage der Psychologie ist. "Am besten ist es, wenn wir weitermachen, als habe es diese Taten nie gegeben", sagt er. Es ist der Ton des Trotzes, um den sich jetzt eine ganze Stadt bemüht.

Jede Metro eine Demonstration

Am Tag nach den Bomben versucht sich Brüssel an einer neuen Haltung. 31 Menschen sind bei den Anschlägen auf den Flughafen und die Metro getötet worden, aber die belgische Hauptstadt will sich nicht lähmen lassen, nicht schon wieder.

Im November noch, nach den Anschlägen von Paris, als klar war, dass viele der Attentäter Verbindungen nach Brüssel hatten, stand Brüssel eine Woche lang still. Schulen hatten geschlossen, Busse und U-Bahnen fuhren nicht, Geschäfte waren geschlossen. Jetzt, nachdem geschehen ist, was hier viele schon so lange befürchteten, fahren zumindest einige Bahnen, die Schulen sind offen.

Symbol für Europas Macht

Jeder Bus, jede Metro ist eine Demonstration. Es ist nur nicht klar, wie weit sie trägt. Als Stephane Sadruddin die Absperrung aus schwer bewaffneten Soldaten am Metro-Ausgang passiert hat, muss er erkennen, dass kein Bus ihn heute weiterbringt. Er beschließt, nach Hause zu gehen, nicht zur Arbeit. "Es hat wohl einfach keinen Sinn heute."

Die Stadt und die Anschläge, das ist ja auch die Geschichte eines eigenartigen Gegensatzes. Brüssel, das ist ja auch ein Synonym für Macht. Welche Glühbirnen wir in die Lampen drehen dürfen, mit welchem Geld wir zahlen, wie groß unsere Tomaten zu sein haben, alles schreibt angeblich Brüssel vor, und das Symbol sind die wuchtigen Bauten von Rat und Kommission nahe dem Platz, an dem Stephane Sadruddin ratlos aus der U-Bahn steigt.

Fast ständig in Alarmbereitschaft

Und dann ist da, andererseits, diese Erfahrung kompletter Machtlosigkeit. Die Erkenntnis, dass ein paar Männer diese Stadt so empfindlich treffen können. Brüssel war ja gewarnt. Seit November war die Stadt fast ständig in Alarmbereitschaft. Verhindert haben all die Terrorwarnstufen nichts.

Kaum jemand verkörpert diese Erfahrung der Ohnmacht so sehr wie ein junger Mann, der, in eine Belgien-Flagge gehüllt, an diesem Tag durch die Straßen des Zentrums läuft. Er ist viel zu dünn angezogen, er zittert, er weiß nicht, wohin mit sich. Christophe, so heißt er, ist Gewerkschaftsmitarbeiter, aber sein Büro ist wegen der Anschläge geschlossen. Er hat seine Freundin zur Arbeit begleitet, er wollte ihr nah sein, falls wieder etwas passiert, aber jetzt kann er nur warten. "Ich bin zu Hause nutzlos, ich bin bei der Arbeit nutzlos, also irre ich hier rum", sagt er und geht weiter.

Eine zerrissene Stadt

Man kann an diesem Tag in Brüssel sehr unterschiedliche Formen der Trauer und Verstörung beobachten. Zum Beispiel die am Platz der Börse in der Altstadt. Der Platz ist voller Kerzen, Blumen, auf einem Transparent steht "Je suis Bruxelles" und "Ik ben Brussel", die Solidaritätslosung. Sie erinnert an die Transparente, die es schon nach den Anschlägen in Paris im vergangenen Jahr gab. Damals stand da "Je suis Charlie" und, im November, "Je suis Paris". Europa entwickelt Routine im Trauern, man muss gleichsam nur noch den Namen der Stadt oder des Opfers einsetzen.

Vor allem aber spiegelt das Plakat auf dem Place de la Bourse die Zerrissenheit der Stadt wieder, die auch die Trauer nicht eint. Brüssel, das ist ja im Grunde nur eine Ansammlung von 19 Bezirken, die mehr an sich selbst als an einem Miteinander interessiert sind. Die Uneinigkeit der EU, könnte man sagen, ist auch Spiegel der Stadt, in der sie beheimatet ist. Diese Uneinigkeit hat den Terror nicht hervorgebracht. Aber sie hat ihn begünstigt.

Trauer aus Pflichtgefühl

Molenbeek liegt nur ein paar hundert Meter von der Altstadt entfernt, aber es ist eine eigene Welt. Nordafrikanische Fleischereien, Cafés, Bäckereien reihen sich hier aneinander, an vielen Häusern bröckelt Putz. Für 12 Uhr hat die Bezirksbürgermeisterin Françoise Schepmanns zu einer Schweigeminute auf den zentralen Place Communale eingeladen. Als Schepmanns um zwölf mit Schärpe in den Nationalfarben auf die Stufen des Rathauses tritt, steht sie rund 150 Menschen gegenüber. Viele sind Stadtangestellte, einige Journalisten. Die öffentliche Trauer fällt in Molenbeek an diesem Tag eher pflichtschuldig aus.

Molenbeek, das ist ein Symbol für die Probleme Brüssels. Hohe Arbeitslosigkeit, viele Einwanderer, radikale Prediger – und eine Verwaltung, die Toleranz lange Zeit mit Nachlässigkeit verwechselte. Salah Abdeslam, Organisator der Attentate von Paris, ist am Place Communale in Molenbeek aufgewachsen. Ein Zufall ist das nicht.

"Es gibt hier so viel Hass"

Der Fotograf Karim Ziani, 36, marokkanische Wurzeln, ist in Molenbeek aufgewachsen. Er wohnt gleich um die Ecke der Rue des Quatre Vents 79, jenem Haus, in dem sich der mutmaßliche Terror-Organisator Salah Abdeslam nach den Anschlägen von Paris bis zu seiner Festnahme vergangene Woche versteckte. Überrascht hat Ziani die Festnahme nicht. "Er hatte eben Komplizen", sagt Ziani. "Es gibt hier in diesem Viertel so viel Hass. Auf den Staat, auf Journalisten, auf die Polizei."

In einem aber haben die Verteidiger Molenbeeks wohl recht. Molenbeek war diesmal nicht der alleinige Quell des Terrors. In Schaerbeek, einem anderen Bezirk der Stadt, hat die Polizei in einer Wohnung einen weiteren Sprengsatz und eine IS-Flagge gefunden. Eine beruhigende Nachricht ist das nicht. Schaerbeek, das ist auch der Stadtteil, in dem zwei der Paris-Attentäter begraben sind. Anonym, vorerst ohne Grabstein. Die Spuren des Terrors, sie durchziehen längst viel mehr als nur einen Stadtteil.

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