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Kinder an Bord? Zigarette aus!

Vorstoß der Bundesdrogenbeauftragten Kinder an Bord? Zigarette aus!

Die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler macht sich für ein Nikotinverbot in Autos stark – und erntet dafür heftige Kritik, aber auch Kopfschütteln. Denn wer sollte ein Zigaretten-Verbot kontrollieren?

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Ein Mann raucht während der Fahrt auf der Autobahn: Das wäre künftig verboten, wenn Kinder im Auto sind – jedenfalls wenn es nach Marlene Mortler geht.

Quelle: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Berlin. In Deutschlands Gaststätten darf nicht mehr geraucht werden. Ebenso wenig in öffentlichen Gebäuden, Flughäfen, Bahnhöfen. Jetzt aber nimmt die Bundesdrogenbeauftragte sozusagen eine heilige Kuh ins Visier: Rauchverbot im Auto! Im privatesten aller Privaträume, der letzten Freiheitsbastion des Bürgers. Entmündigung, zürnt die Zigarettenindustrie. Nicht durchsetzbar, erklärt die Poizeigewerkschaft. Was also hat sich Marlene Mortler (CSU) bloß bei ihrem Vorstoß gedacht?

"Ich würde die Prüfung eines solchen Verbots innerhalb des Kinder- und Jugendschutzes sehr begrüßen", hat die Drogenbeauftragte der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" gesagt. Tatsächlich geht es darum, dass mitfahrende Minderjährige vor den schädlichen Folgen des Passivrauchens im vollgequalmten Auto geschützt werden sollen. "Oft wird ja argumentiert, man greife zu tief in die Freiheitsrechte der Eltern ein", sagte Mortler. Es gehe aber darum, dass Kinder "dauerhaft geschädigt" würden, weil die Rauchkonzentration im Auto um ein Vielfaches höher sei als im Freien.

"Nicht Aufgabe der Polizei"

Ganz neu ist die Idee nicht. Immer wieder mal wurde in den vergangenen Jahren über eine entsprechende Gesetzesregelung diskutiert. Bislang konnten sich die Befürworter eines solchen Rauchverbots aber nicht durchsetzen. Einfach umzusetzen wäre es auch nicht: Nichtraucherschutz ist zunächst mal Ländersache, sinnvoll wäre indes nur eine bundesweite Regelung. Und selbst wenn die käme, wer sollte ihre Einahltung kontrollieren?

"Das ist jedenfalls nicht Aufgabe der Polizei, wir sind für die öffentliche Sicherheit und nicht für Gesundheit zuständig", sagt Arnold Plickert, stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei. Sollte die Bundesregierung erwägen, das Rauchen im Auto zu  verbieten, müsse nach technischen Mitteln gesucht werden, um dies durchzusetzen – analog etwa zum Rauchmelder, der beim heimlichen Schmöken auf der Flugzeugtoilette losgeht. Plickert würde aber ohnehin lieber auf die Vernunft der Bürger setzen: "Kinder vor schädlichem Rauch zu schützen ist auf jeden Fall richtig – aber dafür muss man in die Köpfe der Leute hinein und nicht einfach ein weiteres Verbot aussprechen."

Gefährliches Passivrauchen

An überzeugenden Fakten mangelt es nicht: Krebsexperten warnen seit Langem vor den Gefahren des Passivrauchens speziell für Kinder. Junge Menschen seien besonders gefährdet, weil sie schneller atmen und ein weniger entwickeltes Immunsystem haben. Passivrauchen schädigt bei Kindern Experten zufolge die sich entwickelnde Lunge. Zudem hätten Kinder, die Tabakrauch ausgesetzt sind, ein erhöhtes Risiko für Atemwegsbeschwerden und -erkrankungen, eine beeinträchtigte Lungenfunktion und Mittelohrentzündungen. Bei Säuglingen erhöht Passivrauchen die Gefahr des plötzlichen Kindstods.

Tabakrauch enthält unter anderem krebserzeugende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) sowie andere giftige und krebserregende Substanzen wie Benzol. Die schädlichen Substanzen lagern sich ab und sind auch dann noch im Auto vorhanden, wenn im Fahrzeug nicht geraucht wird. "Bereits beim Rauchen einer Zigarette steigt die Konzentration der Tabakrauchpartikel im Fahrzeuginneren rapide an und erreicht selbst bei geöffnetem Fenster Werte wie in einer Raucherkneipe", heißt es in einer aktuellen Analyse des Deutschen Krebsforschungszentrums (dkfz) Heidelberg.

So regeln es andere Länder

Wer raucht, zahlt Strafe: Während Deutschland noch diskutiert, bis die Köpfe rauchen, sind andere Länder längst weiter. In Großbritannien etwa gilt vom 1. Oktober an ein Rauchverbot in Autos, in denen Minderjährige sitzen. Wer dagegen verstößt, zahlt 60 Pfund (rund 85 Euro) Strafe. Ausnahmen gelten nur in Cabrios – mit heruntergelassenem Verdeck, versteht sich. Wer in einem normalen Auto nur das Fenster herunterkurbelt und meint, dann ungestraft rauchen zu können, der irrt. Denn durch ein geöffnetes Fenster oder Schiebedach reduziert sich die Schadstoffkonzentration im Innenraum des Autos nur unwesentlich.

In Frankreich wurde vor Kurzem ebenfalls ein Rauchverbot in Autos mit minderjährigen Passagieren an Bord verhängt. Ähnliche Regeln gelten etwa in Südafrika , in Teilen Kanadas und der USA sowie in mehreren Territorien Australiens . Selbst in Griechenland , einst das europäische Land mit der höchsten Raucherquote, darf seit 2010 in Gegenwart von unter Zwölfjährigen weder in Autos noch in Bussen oder Bahnen geraucht werden. Bei Zuwiderhandlung drohen empfindliche Geldbußen zwischen 1500 und 3000 Euro. Allerdings ist das wohl ein eher theoretischer Wert, denn das Rauchverbot in Gaststätten und öffentlichen Gebäuden hat die griechische Polizei auch nie richtig durchsetzen können. Was die Ordnungshüter nicht schafften, erledigt jetzt die Krise: Der Sparzwang hat den Zigarettenkonsum der Griechen drastisch sinken lassen.

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