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Cannes: Wahnsinn mit Methode

Stress beim Filmfestival Cannes: Wahnsinn mit Methode

In Cannes ist das Filmfestival gestartet – doch das bedeutet vor allem Stress vor dem Kino 
und auf dem roten Teppich. Einblicke in eine Maschinerie der besonderen Art.

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Stammgast: Julia Roberts am Donnerstag vor der Pressekonferenz zu „Money Monster“.

Quelle: Julien Warnand

Cannes. Morgens um 8 Uhr sind in Cannes Leute einer ganz besonderen Art unterwegs: Menschen mit Zetteln in der Hand harren geduldig am Straßenrand aus. „Une Invitation“, eine Einladung, haben sie auf die Zettel gekritzelt, manche auch „Money Monster“ oder „The BFG“. Die Frühaufsteher hoffen in Cannes auf ein Kinoticket, am besten für die neuen Filme von Jodie Foster oder Steven Spielberg, die beim Filmfestival Premiere haben.

Eintrittskarten für Normalsterbliche sind in Cannes, anders als etwa bei der Berlinale, nur schwer zu ergattern. Beachtet werden die Karten-Bettler kaum. Der stete Strom von akkreditierten Festivalgängern mit Plastikkärtchen um den Hals strebt einem offenbar magischen Ort entgegen.

Vor dem Filmpalais patrouilliert in diesem Jahr besonders viel Polizei. Die Angst vor einem Terrorangriff ist auch an der Côte d’Azur präsent.

Quelle: Alberto Pizzoli

Je näher die Eilenden ihrem Ziel an der Strandpromenade Croisette kommen, desto schneller wird ihr Schritt. Die ersten Vorstellungen im Festivalpalais beginnen um 
8.30 Uhr. Und man weiß nie so genau, wann die strengen Wächter die Türen tatsächlich schließen.

Der Zugang zum Kino ist in Cannes schärfer reglementiert als der für Kassenpatienten zum Facharzt. Fünf Hierarchiestufen umfasst das Akkreditierungssystem allein für Pressevertreter, die Demokratie hört vorm Eingang auf. Wem die Festivalleitung ein gelbes oder blaues Kärtchen zuteilt, der kann gleich wieder nach Hause fahren.

Jodie Foster (von links), George Clooney und die irische Schauspielerin Caitriona Balfe sind noch zu Scherzen aufgelegt.

Quelle: Ian Langsdon

Eine rosa Karte ist nicht schlecht, rosa mit einem gelben Punkt in der Ecke bietet beste Chancen, auch bei einer Pressekonferenz mit George Clooney, Julia Roberts und Regisseurin Jodie Foster zugelassen zu werden. Gestern hat das Star-Trio seinen Thriller „Money Monster“ präsentiert.

Das Nonplusultra aber ist die Carte Blanche. Wer sie sein Eigen nennt, darf in Galavorstellungen. Meistens jedenfalls. Im Vorjahr leistete sich die Festivalleitung den sogenannten High-Heels-Skandal, als Frauen mit flachen Absätzen draußen bleiben mussten.

In Cannes hat der Wahnsinn nun mal Methode: Ausgerechnet der Luxusgüterkonzern Kering – zu dessen Marken Gucci, Saint Laurent und Brioni gehören – hat das Förderprogramm „Women in Motion“ aufgelegt, um Frauen in der Kinoindustrie zu fördern.

Alle auf eine: Die Fotografen konkurrieren vor der Premiere um das schönste Bild.

Quelle: Sebastien Nogier

Dabei sind Frauen nach allgemeiner Auffassung in Cannes nur dazu da, um auf der berühmten Festivaltreppe von Hunderten von schreienden Fotografen mit ihren Kameras „vernascht“ zu werden. Oder wie eine junge deutsche Regisseurin in einem satirischen Selbstversuch titelte: „Männer zeigen Filme und Frauen ihre Brüste.“

Und dann ist man immer noch nicht drin im dunklen Saal. Der Blick in die Taschen ist bei jeder Vorführung wieder obligatorisch, ebenso ein Check mit Metalldetektoren wie am Flughafen. Früher wurden die Regularien eher symbolisch gehandhabt, doch das ist seit den tödlichen Anschlägen in Paris vorbei. Die ersten Kontrollen finden schon weit vor dem Eingang zum Hauptkino Lumière statt.

Für die Sicherheit der rund 200 000 Gäste setzt die Polizei verstärkt auf Undercover-Beamte. So schaut man nun nach jedem auffälligen unauffälligen Mann, der in der Gegend herumsteht. Hunderte von zusätzlichen Kameras sind installiert worden. Cannes’ Bürgermeister David Lisnard hat einen ehemaligen israelischen Terrorspezialisten engagiert.

Nervöser Schatten über Glanz und Glamour

Auf den Treppenstufen des Palais wurde Ende April mit viel Pyrotechnik ein Überfall durchgespielt, der Bruce Willis gewiss gefallen hätte. Jeden Morgen nehmen Sprengstoffexperten das Gebäude unter die Lupe. Die Sicherheitskräfte haben sich ebenso auf mögliche Attacken von Meeresseite vorbereitet. Angeblich werden auch Liegestühle auf versteckte Bomben überprüft.

Die Koordination zwischen Polizei und den Leibwächtern der Stars soll deutlich verbessert worden sein. Steven Spielberg, Juliette Binoche, Kristen Stewart, Russell Crowe, Ryan Gosling dürfte das beruhigen: Sie alle sind am kommenden Pfingstwochenende in Cannes. Weniger prominente US-Gäste haben Buchungen gecancelt, heißt es bei Hoteliers.

Die Security vor dem Majestic an der Croisette hat sich durch Hunde verstärkt. „Suchen Sie Drogen?“, fragte ein Gast irritiert. „Nein, Bomben.“ Über Glanz und Glamour in Cannes hat sich ein nervöser Schatten gelegt.

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