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Tourist wird zwölf Tage für Flüchtling gehalten

Folge eines Missverständnisses Tourist wird zwölf Tage für Flüchtling gehalten

Ein chinesischer Tourist wollte in Baden-Württemberg einen Diebstahl melden und landete daraufhin in Nordrhein-Westfalen in einem Flüchtlingsheim – er sprach kein Deutsch und hatte unwissentlich einen Asylantrag gestellt. Erst nach knapp zwei Wochen wurde das Missverständnis aufgeklärt.

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Ein Rucksacktourist aus China wollte Deutschland, Frankreich und Italien bereisen, landete aus Versehen aber in einem Flüchtlingsheim (Symbolbild).

Quelle: Arne Dedert/dpa/Symbolbild

Dülmen. Irgendwie passte der Mann nicht hier. "Er war so anders als die anderen", berichtet Christoph Schlütermann, Kreisvorstand beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Dülmen. Die Hilfsorganisation betreibt in der Stadt im Münsterland ein Flüchtlingsheim. Etwa 70 Menschen aus verschiedenen Nationen leben dort. Trotzdem fiel der Mann auf.

Er habe "sehr, sehr hilflos" gewirkt, erzählt Schlütermann. Eine Verständigung sei aber kaum möglich gewesen, auch nicht mit Händen und Füßen – der Mann sprach weder Deutsch noch Englisch, nur Mandarin, wie sich herausstellen sollte. Also griff Schlütermann zu seinem Smartphone und zu einer Übersetzungsapp.

Die Programme arbeiten nicht perfekt, aber doch so gut, dass man meistens den Sinn eines Satzes verstehen kann. So war es auch in diesem Fall. "Ich möchte im Ausland spazieren gehen", habe die App zum Beispiel übersetzt, erzählt Schlütermann – und ihm wurde mit jedem Satz klarer, den der Mann in das Smartphone sprach: Vor ihm stand kein Flüchtling. Und der Mann wollte auch kein Asyl in Deutschland beantragen. Aber warum war er dann in einem Flüchtlingsheim gelandet?

Tourist unterzeichnete versehentlich Asylantrag

Die Geschichte klärte dann der Mitarbeiter eines China-Restaurants in Dülmen auf – er sprach ebenfalls Mandarin und übersetzte. Demnach stammte der 31-jährige Mann aus einer Provinz in Nordchina und reiste mit dem Rucksack durch Europa. In Stuttgart war ihm das Portemonnaie gestohlen worden. Er hatte deshalb zur Polizei gehen wollen, war aber bei einer anderen Behörde in Heidelberg gelandet. Dort wurde ihm zunächst ein Asylantrag vorgelegt, bevor er zu einer Erstaufnahmeeinrichtung in Dortmund gebracht wurde, wo man ihm Reisepass, Visum sowie die Fingerabdrücke abnahm.

"Er war auf einmal in unserem System drin und wurde dann behandelt wie jeder andere Asylbewerber auch", bestätigte ein Sprecher der zuständigen Bezirksregierung Arnsberg den Vorgang. Er wurde geröntgt, untersucht, bekam die Ankunftsdokumente und wurde Anfang Juli nach Dülmen gefahren – ohne sich zur Wehr zu setzen. "Da war wohl auch viel Obrigkeitsdenken dabei. Er hat einfach gemacht, was man ihm gesagt hat", sagte Schlütermann.

Visum des Mannes war zunächst nicht auffindbar

Zu rekonstruieren, was genau passiert war, dauerte zwölf Tage. "Meine Mitarbeiter haben tagelang verschiedene Konsulate angerufen – zuerst kannte ihn keiner", sagte Schlütermann. Erschwerend sei hinzugekommen, dass sein Visum bei der zuständigen Behörde falsch abgelegt und zunächst nicht auffindbar war. Erst als man ihm Ersatzdokumente besorgt habe, konnte der Chinese seine Reise fortsetzen.

Schlütermann ist davon überzeugt: Wenn sich seine Mitarbeiter nicht um den Touristen gekümmert hätten, wäre dieser immer noch in Dülmen. Bis sein Fall entschieden worden wäre, "wäre sicherlich ein halbes Jahr vergangen", sagt Schlütermann. "Das ist derzeit die ungefähre Dauer. So lange wäre er im Asyl-Dschungel gefangen gewesen."

Trotzdem soll der Mann der deutschen Bürokratie keine Vorwürfe gemacht haben. "Er hat sich sehr bei uns bedankt, dass wir uns gekümmert haben", erzählte Schlütermann der "Dülmener Zeitung". Der Mann habe sich Europa allerdings anders vorgestellt, wie er den Mitarbeitern des DRK erzählte – bevor er sich dann endlich wieder auf die Reise machen konnte.

dpa/RND/wer

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