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Damit aus Phantasien keine Taten werden

Charité hilft Pädophilen Damit aus Phantasien keine Taten werden

Eine Therapie an der Berliner Charité schützt Kinder vor sexuellem Missbrauch – indem sie pädophilen Männern hilft, sich zu kontrollieren.

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Hände weg von Kindern: Das Charité-Projekt wirbt um Vertrauen bei potenziellen Tätern.

Quelle: Handout

Der Papst ringt um Worte. Die Politik bildet runde Tische. Janina Neutze hört zu. Sie hört Männern zu, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen. Sie hört zu, wenn sie von Phantasien erzählen, die von Missbrauch handeln. Manchmal hört sie dann, dass jemand sich bereits an Jungen oder Mädchen vergangen hat. Die 41-Jährige hört sich das alles an, um weitere Opfer zu verhindern. Die Psychologin und Sexualmedizinerin ist Koordinatorin eines weltweit einzigartigen Projekts an der Berliner Charité. „Kein Täter werden“ heißt es.

Janina Neutze ist ein rationaler Mensch. Über sexuelle Phantasien und Selbstbefriedigung spricht sie so souverän und sachlich wie andere Wissenschaftler über ihren Forschungsgegenstand. Ihr Büro liegt im Institut für Sexualmedizin an der Luisenstraße in Berlin-Mitte. Robert Koch hat in diesem Haus 1882 den Tuberkulose-Erreger entdeckt und dafür 1905 den Nobelpreis bekommen. Heute heißt die wissenschaftliche Herausforderung an diesem Ort Pädophilie.

Es gibt Kaffee. Den Becher für die Journalistin hat Janina Neutze bewusst gewählt. Sie reicht ihn mit einem Lächeln. „Lassen Sie uns über Sex sprechen“, steht darauf. Eine Provokation zur Auflockerung, bevor es hinabgeht in die Abgründe menschlicher Sexualität.

Kaum eine Tat ist so perfide wie der sexuelle Missbrauch von Kindern. Zeugen gibt es selten. Meist gibt es nur das Kind und den Erwachsenen, Opfer und Täter. Das Kind, das häufig gar nicht begreift, was mit ihm geschieht. Und den Erwachsenen, der seine Macht und das kindliche Vertrauen ausnutzt, um seinen sexuellen Willen durchzusetzen.

16 000 Fälle registriert die Polizei jährlich in Deutschland. Doch die Forscher sind überzeugt, dass Jahr um Jahr 60 000 weitere sexuelle Übergriffe an Kindern geschehen, von denen die Polizei nichts erfährt. Bei keinem anderen Verbrechen, das sich gegen die körperliche Integrität eines Menschen richtet, ist das sogenannte Dunkelfeld so groß. Missbrauch bleibt allzu oft das Geheimnis zwischen Kind und Täter.

Es ist dieses Dunkelfeld, mit dem sich Prof. Klaus M. Beier, Leiter des Projekts, Psychologin Janina Neutze und ihre Kollegen nicht abfinden wollen. Finanziell unterstützt werden sie dabei von der Bundesregierung und der Volkswagenstiftung. Um Kinder zu schützen, wollen sie Licht ins Dunkel bringen. Dazu muss das Schweigen überwunden werden. Entweder das der Kinder – oder eben das der Täter.

Seit fünf Jahren gelingt es in der Charité, pädophile Männer zum Reden zu bringen. So, wie nicht jeder Missbrauch von einem Pädophilen begangen wird, missbraucht auch nicht jeder Pädophile Kinder. Die Männer, die sich an die Charité wenden, fürchten jedoch, es zu tun.

„Ich habe ein Problem. Ich habe sexuelle Phantasien von Kindern, und ich habe große Angst, dass etwas passiert.“ Diese Worte hört Janina Neutze häufig. Die Männer, die sich an das Institut wenden, haben begriffen, dass ihre sexuelle Neigung Menschen gefährdet. „Doch nur weil jemand etwas phantasiert, ist er noch kein Täter“, sagt Neutze. „Er ist zuallererst jemand, der Hilfe braucht.“ 1034 Männer haben sich seit Projektbeginn im Jahr 2005 per E-Mail oder Telefon gemeldet. 499 haben sich im Institut ihrer Diagnose gestellt. 255-mal lautete sie: pädophil.

Nach Erkenntnis der Sexualwissenschaft fühlen sich etwa ein Prozent aller Männer zwischen 18 und 75 Jahren zu Kindern sexuell hingezogen. Das sind 200 000 Männer in Deutschland. Die Zahl pädophiler Frauen ist nach derzeitigem Kenntnisstand verschwindend gering. Die Ursache der Sexualstörung ist unbekannt.

Auf den ersten Blick unterscheidet pädophile Männer nichts von anderen. Diese Erfahrung hat auch die Psychologin gemacht. Aus dem gesamten Bundesgebiet kommen die Hilfesuchenden zu ihr. Zwölf der 255 stammen aus Niedersachsen. Die Männer sind zwischen 17 und 68 Jahre alt und kommen aus allen Gesellschaftsschichten. Die Hälfte von ihnen hat Abitur. 93 leben in einer Partnerschaft, nicht wenige haben Kinder. Erst die Antworten auf Fragen wie: „Wie alt sind Ihre Sexualpartner in Ihrer Phantasie?“ offenbaren das Problem. Rund 42 Prozent gaben an, sich sexuell zu Jungen hingezogen zu fühlen, 51 Prozent zu Mädchen, der Rest zu Jungen und Mädchen gleichermaßen.

Von den 255 Männern, denen Janina Neutze und ihre Kollegen eine Therapie angeboten haben, haben 84 tatsächlich eine begonnen. Einige haben sie schon abgeschlossen, andere sind noch mittendrin. Das heißt, sie reisen einmal die Woche nach Berlin zur Gruppentherapie, viele mehr als 100 Kilometer weit. Drei Stunden dauert eine Sitzung, eineinhalb Jahre die ganze Therapie. Für die meisten beginnt sie mit einer schockierenden Nachricht: „Pädophilie ist nicht heilbar.“

Die Wissenschaft geht davon aus, dass die sexuelle Präferenz von der Pubertät an unveränderbar ist. Pädophile werden sich also ihr Leben lang zu Kindern hingezogen fühlen. Das heißt auch, sie werden niemals ein erfülltes Sexualleben, niemals eine erhoffte Partnerschaft erleben. Erfüllen sie sich ihre Wünsche, begehen sie ein Verbrechen. Manche Männer brechen zusammen, wenn sie die Dimension ihres Problems begreifen.

Das Charité-Projekt versucht, ihnen mit Psychotherapie und Medikamenten zu helfen. Die Männer müssen lernen, ihr Verhalten ihr Leben lang unter Kontrolle zu halten. Sie könnten zwar nichts für ihre Neigung, „aber für ihr Verhalten sind sie voll verantwortlich“. Das macht Janina Neutze ihnen sehr deutlich.

Es ist eine mühsame Arbeit. Denn auch Männer, die Angst haben, übergriffig zu werden, sagen Sätze wie: „Kinder haben doch auch ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung“, „Bei den alten Griechen hat es das doch auch gegeben“ oder „Kinderpornografie ist doch nicht so schlimm wie Kindesmissbrauch“.

„Das ist natürlich Unsinn“, sagt Neutze. In der Therapie wählt sie andere Worte. Dann erklärt sie, dass Kinder nicht über sexuelle Reife verfügen, auch bei den alten Griechen sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern grundsätzlich unter Strafe standen und hinter jedem kinderpornografischen Bild realer Missbrauch steckt. Wissensvermittlung ist Teil der Therapie. Die Patienten sollen lernen, problematische Einstellungen zu hinterfragen und riskantes Verhalten zu erkennen.

„Ich merke, dass ich in letzter Zeit auf Umwegen zur Arbeit laufe, immer an der Grundschule vorbei“, erzählt ein Patient in der Gruppentherapie. Ein anderer schildert, dass er sich gerne auf Spielplätzen aufhält. Solche Orte zu meiden klingt einfacher, als es für diese Männer ist. Die Therapeuten dringen deshalb darauf, dass der Patient sein engstes Umfeld über seine Neigung informiert. Schon weil es die soziale Kontrolle erhöht.

Die Gesellschaft muss akzeptieren, dass es diese Menschen gibt. Es gibt sie unter Priestern und auch unter Schulleitern. Es gibt sie allerorten. Geschlossene Institutionen, in denen mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet wird, wirkten besonders anziehend auf pädophile Männer, sagt Neutze. Und sie vermutet, dass die katholische Kirche eine ganz besondere Anziehungskraft auf Männer hat, die unter ihrer sexuellen Neigung leiden.

„Ich gehe in den Zölibat, entledige mich meiner als problematisch erkannten Sexualität per Dekret und erfahre durch den Priesterstatus besondere Anerkennung“, schildert sie einen möglichen Gedankengang. Wie sich zeigt, ist es eine Illusion, dass der strenge katholische Rahmen und tiefer Glaube genügend Verhaltenskontrolle bietet, damit aus sexuellen Phantasien niemals Taten werden.

Die Therapie ist ein langwieriger Prozess. Doch eine Alternative gibt es nicht. Wird ein verurteilter pädophiler Sexualstraftäter nicht professionell behandelt, begeht er wieder sexuelle Übergriffe auf Kinder. Das zeigt die Statistik. Dasselbe dürfte auch für pädophile Männer gelten, die noch in keiner Statistik auftauchen. „Wenn wir diese Menschen unbehandelt lassen, dann haben wir wirklich ein Problem“, sagt Neutze. Aber sie sagt auch: „In den Gruppen habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich Missbrauchssituationen im Vorfeld ankündigen, sodass wir sie therapeutisch abfangen können und es zu keinem Übergriff kommt.“ Dies zeige ganz deutlich, wie wertvoll ihre Arbeit sei.

Derzeit haben Betroffene kaum die Chance, außerhalb des Projekts einen Psychologen zu finden, der sie therapiert. „Es ist fast ausgeschlossen“, sagt Neutze. Der Hauptgrund ist fehlende Ausbildung. Aber auch Berührungsangst der Therapeuten. Dabei gibt es Pädophile, die sich helfen lassen wollen.

Helfen wollte Prof. Beier auch, als er Benedikt XVI. einen Brief schickte. Seine klinischen Erfahrungen, so schrieb der Sexualmediziner dem Papst, könnten „betroffenen Geistlichen besonders zugutekommen“. Und er erhielt Antwort. „Im hohen Auftrag danke ich Ihnen für Ihre Mitsorge um das Wohl der Kinder und um geeignete Hilfestellungen für die Betroffenen“, hieß es da. Sein Angebot würde „sorgfältig zur Kenntnis genommen und an die zuständigen Stellen weitergeleitet“. Das war im Herbst 2008. Und danach? „Wir warten.“

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