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Darum ist der Loveparade-Prozess gescheitert

Fragen und Antworten Darum ist der Loveparade-Prozess gescheitert

Die Loveparade-Katastrophe mit 21 Toten bleibt womöglich ohne strafrechtliche Folgen, das Landgericht Duisburg will keinen Prozess eröffnen. Warum ist die Verhandlung gescheitert? Wie reagieren Betroffene? Und war es das jetzt mit der Aufarbeitung vor Gericht? Antworten gibt es hier.

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Polizisten am Unglücksort

Quelle: dpa/Archiv

Duisburg. Am 24. Juli 2010 starben bei der Loveparade in Duisburg 21 Menschen. Mindestens 652 erlitten Verletzungen. Die Staatsanwaltschaft Duisburg hatte nach jahrelangen Ermittlungen am 10. Februar 2014 Anklage gegen zehn Beteiligte erhoben. Das Landgericht Duisburg ließ die Klage nun nicht zu. Mit einer Beschwerde gegen diesen Beschluss ist zu rechnen. Bestätigt das Oberlandesgericht die Entscheidung, gibt es keinen Strafprozess.

Wie viele Menschen waren mit den Ermittlungen befasst?

Mehr als 100. Gut dreieinhalb Jahre dauerten die Ermittlungen. 96 Polizeibeamte des Polizeipräsidiums vernahmen 3409 Zeugen und sichteten Videomaterial in einer Gesamtlänge von 963 Stunden. Fünf Staatsanwälte und ein Abteilungsleiter waren mit dem Fall befasst.

Es sollte eine ausgelassene Party werden, doch sie endete in einer Tragödie: Die Loveparade 2010 in Duisburg.

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Wer war angeklagt und warum?

Sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg und vier Mitarbeiter des Veranstalters Lopavent, einer Tochtergesellschaft des Fitnessketten-Unternehmers Rainer Schaller ("McFit"), die einige Jahre zuvor die Rechte an der Loveparade erworben hatte. Allen zehn warf die Staatsanwaltschaft fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vor.

Welche Fehler sollen die zehn gemacht haben?

Die vier damals leitenden Beschäftigten des Unternehmens sollen ein ungeeignetes Zu- und Abgangssystem für die Veranstaltung geplant haben, die auf dem Gelände des ehemaligen Duisburger Güterbahnhofs stattfand. Die Besucher sollten vor allem über diese Rampe auf das Gelände - und über die gleiche Rampe auch wieder runter. Diese Rampe soll zu eng gewesen sein. Alle vier sind mittlerweile nicht mehr bei Lopavent beschäftigt. Drei Sachbearbeiter des Bauamtes sollen die Genehmigung für bauliche Maßnahmen wie etwa die Einzäunung erteilt haben, ohne dass die formellen und inhaltlichen Voraussetzungen dafür vorlagen. Drei Vorgesetzte sollen wiederum das Baugenehmigungsverfahren nicht ordnungsgemäß beaufsichtigt haben.

Warum wurde kein Polizist angeklagt?

Ein Sachverständiger hatte festgestellt, dass Polizeimaßnahmen nicht die Ursache für das Unglück waren. Auch hatten nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft die leitenden Beamten keine Maßnahmen unterlassen, mit denen der tödliche Ausgang des Geschehens noch hätte abgewendet werden können. "Die drohende Gefahr von Todesfällen (...) war nicht bereits am frühen Nachmittag, sondern erst zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt erkennbar, als es ausweislich der Feststellungen des Sachverständigen nicht mehr möglich war, das weitere Geschehen aufzuhalten", hieß es in einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft zur Anklageerhebung von 2014.

Warum wurden der damalige Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland und Lopavent-Besitzer Rainer Schaller als Veranstalter nicht angeklagt?

Auch das hat die Staatsanwaltschaft damals beantwortet: Es lagen ihr keine Anhaltspunkte dafür vor, dass die beiden selbst Einfluss auf die fehlerhafte Planung oder die Erteilung der rechtswidrigen Genehmigung genommen haben. "Sie durften auch darauf vertrauen, dass die für die Planung und Genehmigung Verantwortlichen das Vorhaben aufgrund ihrer Fachkenntnisse ordnungsgemäß prüfen würden."

Warum lässt das Landgericht die Anklagen jetzt nicht zu?

Das Gericht sagt, dass die Vorwürfe der Anklage mit dem Gutachten des britischen Panikforschers Keith Still nicht bewiesen werden können. Auf dieses Gutachten stützt sich jedoch die ganze Anklage.

Wer ist Keith Still?

Keith Still zählt zu den bekanntesten Panikexperten. An der Manchester Metropolitan University ist der Brite Professor für Massensicherheit und Risikoanalysen. Seit mehr als 25 Jahren entwickelt er Konzepte für Großveranstaltungen. Er berät Polizei, Veranstaltungsplaner oder Behörden. Er hat an Sicherheitskonzepten für Olympische Spiele, Straßenfestivals und große Bauwerke mitgewirkt. Ein Jahr nach dem Loveparade-Unglück beauftragte die Staatsanwaltschaft Duisburg den Briten mit dem Gutachten zu Ablauf und Verantwortlichkeiten bei dem Technofestival und der Massenpanik.

Was sagt das Landgericht zu seinem Gutachten?

Das Landgericht Duisburg stellt Still ein vernichtendes Zeugnis aus. Es hält das Gutachten für nicht verwertbar und spricht von gravierenden Mängeln. Unter anderem heißt es, Still habe Fehler in Planung, Genehmigung und Durchführung der Veranstaltung als sicher unterstellt, ohne alternative Unglücksursachen in Betracht zu ziehen.

Wie reagieren Kläger und Angehörige?

Opferanwalt Julius Reiter, der rund 100 Betroffene vertritt, bezeichnete die Entscheidung als "Justizskandal". Seine Kanzlei wäge weitere juristische Schritte ab. Auch viele Hinterbliebene sowie Opfer, die das Gedränge überlebt haben, äußerten sich entsetzt.

"Momentan stürzt alles ein. Die Angehörigen, die Betroffenen - wir sind fassungslos", sagte Jörn Teich, der bei dem Unglück schwer verletzt wurde.

"Ich fühle mich retraumatisiert, das wirft mich einfach wieder auf den Stand der Dinge von 2010 zurück", sagte Manfred Reißaus, der bei dem Unglück seine Tochter verlor. "Es hat uns aufgebaut, dass wir gewartet haben als Eltern, dass mal eine Verhandlung stattfindet." Sein Anwalt sagte, die Opfer des Unglücks würden durch die Entscheidung des Gerichts erneut zu Opfern.

Und was sagen Angeklagte?

Der Verteidiger eines Angeschuldigten unterstützte die Nichtzulassung des Verfahrens und kritisierte die Ankläger: "Wir brauchen nicht auch noch Angeschuldigte, die zu Opfern einer aus dem Ruder gelaufenen Staatsanwaltschaft werden", teilte Rechtsanwalt Volker Römermann mit.

War es das jetzt mit der gerichtlichen Aufarbeitung der Loveparade-Katastrophe?

Nein. Trotz der Absage an ein Strafverfahren wird sich das Landgericht Duisburg in mehreren Zivilprozessen weiter mit dem Loveparade-Unglück beschäftigen. Die Zivilverfahren, bei denen Opfer den Festivalveranstalter, die Stadt Duisburg und das Land Nordrhein-Westfalen auf Schadenersatz verklagen, laufen unabhängig von einer strafrechtlichen Aufarbeitung. Anders als in einem Strafverfahren geht es nicht darum, die Ereignisse am 24. Juli 2010 umfangreich aufzuklären. Den Richtern gehe es lediglich um die Fakten, die für die konkrete Schmerzensgeldentscheidung nötig seien.

Wie viele Zivilverfahren laufen noch?

Insgesamt sind beim Landgericht Duisburg noch 12 Zivilverfahren anhängig, in denen es um das Loveparade-Unglück geht. Bereits am 11. Mai stehen die nächsten Verfahren an. Geklagt haben eine 48-Jährige aus Essen und eine 30-Jährige aus Melle bei Osnabrück. Beide waren in dem Gedränge bei dem Technofestival verletzt worden.

dpa/zys

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