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Panorama Willkommen auf den Krisn-Wiesn
Nachrichten Panorama Willkommen auf den Krisn-Wiesn
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11:28 16.09.2015
Zwei Gruppen, die sich nicht treffen sollen: Die bayerische Landeshauptstadt plant, Wiesn-Gäste und Flüchtlinge aneinander vorbei zu leiten. Quelle: dpa (2)
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München

Von „angespannter Ruhe“ spricht Oberbayerns Regierungspräsident. Von einer Ruhe, der er nicht traut. Deshalb schaut Christoph Hillenbrand auch am Dienstag am Münchner Hauptbahnhof vorbei. Es sind dann „nur“ rund 1850 Flüchtlinge, die den Zügen aus Österreich entsteigen. 1850 Menschen, die registriert, medizinisch versorgt, untergebracht werden müssen – eine leichte Übung für die Münchner. An den beiden vergangenen Wochenenden kamen jeweils 20.000 Flüchtlinge an. Aber Christoph Hillenbrand weiß: Binnen Stunden kann die Zahl wieder nach oben schießen. Und: Das Oktoberfest naht. Die größte Party der Welt hat im vergangenen Jahr 6,3 Millionen Besucher angezogen. 1,3 Millionen sind extra aus dem Ausland angereist.

München ist eine Stadt im Ausnahmezustand

Hunderte Freiwillige sind täglich zugange, die Münchner Hilfsbereitschaft und „Willkommenskultur“, wie seit einiger Zeit gesagt wird, haben es bis auf die Titelseite der „New York Times“ geschafft. Doch die Stadt ist – wie soll man es nennen? „Am Limit“, meint Christoph Hillenbrand. Dieses „am Limit“ hat der Regierungspräsident seit zehn Tagen unzählige Male gesagt. Jeden Tag hat München sozusagen eine Kleinstadt aufgenommen. Es ist eine beispiellose Logistik, die da ineinandergreift zwischen Polizei, Bahn, Hilfsorganisationen und den Freiwilligen. Da fehlen Biergartenbänke und -tische fürs Untersuchungszelt. Reiter ruft den Chef der Paulaner-Brauerei an. „Eine halbe Stunde später sind die Bänke da.“

Ab Sonnabend steigt in München das größte Volksfest der Welt. Gleichzeitig kommen täglich Tausende Flüchtlinge in der bayerischen Hauptstadt an. Impressionen aus zwei Welten.

Wie aber geht es weiter in dieser Stadt, die mehr als eine Woche lang irgendwo zwischen Euphorie und Chaos gependelt ist? An diesem Sonnabend um 12 Uhr öffnet das Oktoberfest. In den Tagen der Flüchtlingskrise will die Stadtverwaltung beruhigen: „Es wird eine ganz normale Wiesn sein“, sagt Wilfried Blume-Beyerle, der als Kreisverwaltungsreferent oberster Hüter von Recht und Ordnung ist. Drohen Totalverstopfungen, Aggressivität, Gewalt? Keine Spur. Meint Blume-Beyerle. 

Das Netz empört sich über die #Oktoberfestung

Andere, namentlich in der CSU, drängen darauf, dass Asylsuchende künftig ausschließlich in Sonderzügen nach Deutschland einreisen dürfen und diese während der Wiesn an München vorbeigeleitet werden, um ein Chaos am Hauptbahnhof zu vermeiden. „Insbesondere Asylsuchende aus muslimischen Ländern sind Begegnungen mit massiv alkoholisierten Menschen in der Öffentlichkeit nicht gewohnt“, sagte Innenminister Joachim Herrmann – und löste damit einen Shitstorm im Internet aus. Das Netz empörte sich über die „Oktoberfestung“.

Blume-Beyerle und der Münchner Vize-Polizeipräsident Werner Feiler haben eine andere These: Die Wege der Flüchtlinge, so meinen sie, und jene der erwarteten rund zwei Millionen Wiesn-Besucher, die per Bahn anreisen, müssten sich nicht kreuzen. Das Nadelöhr bleibt der Hauptbahnhof: Dort sind dieser Tage Stände mit Lederhosen und bunten Dirndln entstanden. Wenige Meter entfernt stehen die Zelte, in denen die Ankömmlinge nach wochenlanger Flucht medizinisch untersucht werden. Manche kommen erkältet, geschwächt oder mit Magen- Darmproblemen.

Nicht nur am Bahnhof selbst, sondern auch auf den Gleisen könnte es eng werden. 500 zusätzliche Züge fahren allein für Wiesngäste. Rund zwei Millionen kommen mit der Bahn – und fahren nach diversen Maß Bier damit auch heim. So sehen Hauptbahnhof und Züge dann auch aus. Gerade am Abend, wenn die Wiesnbesucher angetrunken den Heimweg antreten, werden es die Ordnungskräfte nicht leicht haben. „Da stellen wir intern Überlegungen an, wie wir regeln können, dass wir beide Lager ohne Störungen getrennt voneinander behandeln können“, sagt Feiler der Münchner „Abendzeitung“. Kann das funktionieren? „Es muss funktionieren.“

Toleranz auf Lebkuchenherzen

Besonders eng wird es am 4. Oktober. An diesem letzten Wiesn-Sonntag spielt in München auch noch Hauptrivale Borussia Dortmund gegen die Bayern. Dann werden auch noch gut 75.000 Fußballfans in der bayerischen Landeshauptstadt unterwegs sein.

Von der Richelstraße, wo es Plätze für auf Weiterleitung wartende Flüchtlinge gibt, bis zum Festgelände sind es knapp drei Kilometer. Vom Hauptbahnhof sind es eineinhalb. Doch Spekulationen, die Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, dem Nordirak und Afrika könnten in Scharen zur Wiesn ziehen, hält Blume-Beyerle für "lebensfremd". Hartnäckig hält sich auch das Gerücht: Die Bierzelte mit Tausenden Sitzplätze können nach dem Fest doch noch zu Notunterkünften werden. Bisher schütteln die Verantwortlichen den Kopf.

„Jeder Besucher kann sich auf dem Oktoberfest sicher fühlen“, versichert Feiler. Hat er in Zeiten von IS und islamistischem Terror ein besonderes Sicherheitskonzept? „Nein“, sagt der Polizeivize entschlossen. „Sie können nicht hergehen und jedes Jahr eine neue Sicherheitsmaßnahme draufschrauben. Dann sind wir in zehn Jahren so weit, dass wir eine große Mauer um die Wiesn bauen.“ Und das wollen die Münchner ganz bestimmt nicht.

Der Souvenirhändler Andreas Greipl hat schon mal den Ton fürs Fest gesetzt. Auf Lebkuchenherzen hat er mit weißem Zuckerguss „Toleranz“ schreiben lassen. Im Internet finden die Herzen für 6,90 Euro schon reißenden Absatz – und der gesamte Erlös geht an die Caritas, die alleinreisende Flüchtlingskinder versorgt.

Patrick Guyton/Sabine Dobel

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