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"Ich spüre eine unglaubliche Wut"

Interview mit Debra Milke "Ich spüre eine unglaubliche Wut"

23 Jahre saß Debra Milke im Todestrakt eines amerikanischen Gefängnisses. Unschuldig, wie sie sagt. Vor einem Jahr wurde das Verfahren gegen sie eingestellt. Mit 52 Jahren erobert sie sich das Leben zurück. Ein Interview von Nora Lysk.

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Ein Albtraum und ein nicht enden wollender Kampf um Gerechtigkeit: So beschreibt Debra Milke ihre Jahre in Haft.

Quelle: dpa

Frau Milke, vor einem Jahr wurden Sie endgültig freigesprochen und Ihr Fall wurde zu den Akten gelegt. Wie geht es Ihnen heute?
Es geht mir sehr gut. Ich erinnere mich genau an das Datum: Es war der 17. März, mein zweiter Geburtstag.

Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Eindrücke in Freiheit?
Oh ja, der Himmel war so weit, dass es fast unheimlich war. Anschließend fuhr ich mit meinem Anwalt in die Stadt. Phoenix erschien mir viel größer. Ich habe mich gefühlt, als würde ich durch Los Angeles fahren. Und dann waren da diese neuen Geräusche, das Klingeln der Smartphones, was mir vollkommen unbekannt war.

Am 12. Oktober 1990 wurden Sie wegen Mordes, Verschwörung zum Mord, Kindesmissbrauchs und Entführung schuldig gesprochen und wenig später zum Tode verurteilt. Was ging damals in Ihnen vor?
Ich konnte es erst gar nicht realisieren, da ich überhaupt nicht damit gerechnet hatte. Bis dahin wurde in Arizona noch nie eine Frau zum Tode verurteilt. Mein Anwalt bereitete mich zwar auf das Urteil vor, er sagte mir aber immer wieder: "Sie werden dich zu lebenslanger Haft verurteilen." Als die Richterin dann plötzlich vom Tod sprach, war das einfach nur surreal für mich. Es ist, als ob man neben sich stehen würde.  

Die ganze Geschichte: "Ein geraubtes Leben. 23 Jahre unschuldig in der Todeszelle – der Fall Debra Milke". Von Jana Bommersbach, Droemer HC, 416 Seiten.
19,99 Euro.

23 Jahre in der Todeszelle – wie hält man das aus?
Aufgeben war keine Option. Ich hatte das Gefühl, wenn ich aufgebe, würde ich auch meinen Sohn noch einmal im Stich lassen. Und ich wollte auf keinen Fall, dass die Leute, die mich dorthin gebracht hatten, am Ende gewinnen.

Sie saßen in Isolationshaft. Warum?
Weil Gefangene, die zum Tode verurteilt worden sind, keinen körperlichen Kontakt mit anderen Insassen haben dürfen. Von uns geht Gefahr aus, hieß es.

War es möglich, Freundschaften zu schließen?
Ja, das war es. Über die Jahre traf ich Hunderte von Frauen. Zu der Mehrheit dieser Leute konnte ich keine Beziehung aufbauen. Ich hatte keine Drogenvergangenheit, wurde nie sexuell missbraucht oder von Männern geschlagen. Ich hatte einen Schulabschluss. Ich hatte einen Vollzeitjob und ein Kind. Ich war dort völlig fehl am Platz. In den 23 Jahren lernte ich drei Leute kennen, mit denen ich immer noch in Kontakt bin. Zwei sitzen noch in Haft.

Können Sie den Alltag in der Todeszelle beschreiben?
Das Gefängnis ist ein lauter, unruhiger Ort. Man lernt dort eine Menge über menschliches Verhalten. Ich fand schnell heraus, dass der ruhigste Moment morgens gegen 4 Uhr ist. In dieser Zeit konnte ich lesen oder Briefe schreiben.

Welche Dinge haben Sie während der Zeit in Haft am meisten vermisst?
Natürlich meinen Sohn. Ich dachte, wenn dort ein Gott ist, warum segnet er mich erst mit einem Kind, um es mir dann wieder wegzunehmen. Und ich habe mein ganz normales Leben vermisst. Ich konnte nicht verstehen, warum ich es nicht weiterführen durfte. Es gab so unzählig viele Momente, in denen ich einfach nur dasaß und nicht glauben konnte, wo ich war.

Sind Sie religiös?
Jahrelang wollte ich nichts über Religion hören. Und auch heute würde ich mich eher als spirituell bezeichnen. Ich glaube nicht an eine von Menschen gemachte Religion.

Dann kam der Tag, an dem man Ihre Hinrichtung probte.
Im Grunde war mir klar, dass es sich dabei zunächst nur um ein Prozedere handelte, was in Gang gesetzt wurde, weil ich meine Beschwerde gegen den Staat Arizona verloren hatte. Ich war sicher, dass das zuständige Bundesgericht das Ganze rechtzeitig stoppen würde.

Aber wie fühlten Sie sich?
Es traf mich sehr. Aber ich reagierte mit Galgenhumor. In Panik brach ich erst aus, als der Arzt meine Zelle betrat, um meine Venen zu prüfen. Selbst in diesem Moment machte ich noch einen Scherz und fragte, ob er nicht auch gleich noch meinen Blutdruck prüfen könnte. Erst als ich allein war, brach ich zusammen.

Und können Sie die Gefühle beschreiben, die Sie gegenüber den zwei Männern haben, die Ihren Sohn getötet haben sollen?
Ich spüre eine unglaubliche Wut. Ich weiß nicht, ob es einer von ihnen war oder ob beide meinen Sohn getötet haben. Sie sind beide noch in Haft und sie werden dort sterben.

Bereuen Sie etwas in Ihrem Leben?
Das Einzige, was ich wirklich bereue, ist, dass ich als Teenager besser auf meine Eltern hätte hören sollen, die immer gegen die Beziehung mit Mark Milke waren. Auf der anderen Seite wurde ich dadurch mit meinem wunderbaren Sohn Christopher gesegnet. Ich habe also nichts zu bereuen.

Was denken Sie über das US-amerikanische Rechtssystem?
Ich denke, es hat noch viel Arbeit vor sich. Es ist absolut nicht perfekt. Das Justizministerium stellt jetzt erst fest, dass die USA offenbar ein Problem damit haben, dass zu viele Menschen unschuldig in Haft sitzen. Ich bin die 151. freigesprochene Todeskandidatin.

Von Nora Lysk

Der Fall Milke

Der lange Weg in die Freiheit: 1964 wird Debra Sadeik als Tochter einer Deutschen und eines Amerikaners in Berlin geboren, sie wächst in den USA auf.

"Ich hätte auf meine Eltern hören sollen": Debra Milke mit Ehemann Mark und dem gemeinsamen Sohn Christopher.

Quelle: private Aufnahme

1984 heiratet sie gegen den Willen ihrer Eltern Mark Milke. Nur ein Jahr später wird der gemeinsame Sohn Christopher geboren. Bereits 1988 lässt sich Debra von ihrem Mann scheiden.

1989 wird der kleine Christopher umgebracht. Milkes damaliger Mitbewohner James Lynn Styers sowie dessen High-School-Freund Roger Mark Scott fahren mit dem vierjährigen Christopher in die Wüste, wo er erschossen wird. Die Justiz wirft Debra Milke vor, die Männer zu dem Mord angestiftet zu haben. Der leitende Mord-Ermittler Armando Saldate, von dem bekannt war, dass er bereits unter Eid gelogen hatte, sagt aus, Milke habe die Tat gestanden. Allerdings gibt es kein unterschriebenes Protokoll oder eine Tonbandaufnahme von dem Verhör.
1990 wird Milke schuldig gesprochen, die Todesstrafe wird angeordnet. Ohne direkte Beweise bleiben Zweifel an ihrer Schuld. Zudem wird Saldate nach dem Prozess mehrfach der Lüge in anderen Fällen überführt. 2013 soll der Prozess neu aufgerollt werden, Milke kommt gegen Kaution frei. 2015 erklärt ein US-Bundesgericht die Einstellung des Verfahrens.

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