Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -5 ° wolkig

Navigation:
Der Haiflüsterer

Jean Marie Ghislain im Interview Der Haiflüsterer

Sein Leben lang fürchtete er sich vor den gefährlichen Raubtieren der Weltmeere. Dann stellte sich Jean Marie Ghislain seiner Angst und entdeckte, wie sanft und anmutig die Jäger der Tiefe in Wahrheit sind, und kämpft seitdem für den Schutz der bedrohten Meeresbewohner.

Voriger Artikel
Dutzende Tote bei Luftangriff auf Hochzeit
Nächster Artikel
Paul Walkers Tochter verklagt Porsche

Beeindruckende Aufnahme: Jean Marie Ghislain fotografiert den berüchtigten Weißen Hai.

Quelle: Privat

Herr Ghislain, weltweit ist die Zahl der Haiattacken gestiegen. Sind Haie aggressiver geworden?

Nein, sind sie nicht. Aber es gibt deutlich mehr Kontakte zwischen Mensch und Hai. Immer mehr Menschen schwimmen im Meer. Viele tragen Neoprenanzüge und bleiben länger im Wasser. Sie surfen, tauchen und dringen in Hai-Reviere vor. An Land ist das anders. Da spazieren wir nicht einfach so durch Löwengebiete – das ist auch viel gefährlicher. Die Wahrscheinlickeit, von einem Hai angegriffen zu werden, ist dagegen eins zu einer Million. Da ist es wahrscheinlicher, von einer Kuh gebissen zu werden.

Der Biss einer Kuh endet aber selten tödlich.

Ja, aber das ist bei Haiangriffen ähnlich. Im vergangenen Jahr gab es 118 unprovozierte Attacken – zehn davon waren tödlich. Diese Menschen starben, weil sie verbluteten. Ein Hai beißt bloß einmal zu und merkt, dass es ihm nicht schmeckt. Wir stehen definitiv nicht auf seiner Speisekarte.

Warum greifen Haie uns dann überhaupt an?

Weil ein Missverständnis vorliegt. Wenn Menschen schnell paddeln oder auf einem Brett stehen, denken Haie, es wäre eine Robbe oder eine Riesenschildkröte – also gutes Futter. Dann greifen sie überraschend an. Bei anderen Begegnungen untersuchen sie den Fremdkörper zunächst. Wenn sie den Hai also sehen, haben sie noch Glück – und können reagieren.

Wie reagiert man am besten beim Weißen Hai?

Man darf ihn nicht erschrecken. In der Gruppe schließt man sich dicht zusammen und schwimmt dann sehr langsam und leise davon. Wenn Sie allein im Wasser sind, schauen Sie ihn an und schwimmen in seine Richtung. Auch ein Hai hat Respekt vor dem Unbekannten. Lässt er sich nicht beirren, halten sie ihm etwas Hartes entgegen, die Kamera, das Brett oder ihren Ellenbogen. Er wird ihn mit der Nase berühren und befinden, dass das nichts für ihn ist.

Haben Sie selbst deshalb immer eine Kamera dabei?

Die Kamera hilft mir. Es gibt immer wieder Situationen, in denen ich Haie damit zurückdränge, wenn sie zu aufdringlich werden.

Seelenloser Killer oder bewegende Schönheit? Weltweit steigt die Zahl von Haiangriffen. Doch Haiflüsterer Jean Marie Ghislain kämpft für ihre Lobby - auch mit spektakulären Aufnahmen.

Zur Bildergalerie

Sind Sie ein Adrenalin-Junkie?

Keineswegs. Ich hatte früher sehr große Angst vor Haien, so große, dass ich im Meer nicht schwimmen wollte. Aber ich wollte meine Phobie überwinden und habe einen befreundeten Taucher gefagt, ob er mich mitnimmt. Als ich mich den Haien gestellt habe, war die Angst weg.

Wie war ihre erste Begegnung?

Sie war von erstaunlicher Ruhe und Gelassenheit geprägt. Dabei war es ein Bullenhai, also jener Vertreter, dem die meisten tödlichen Unfälle zugeschrieben werden. Aber es war ein einzigartiger Augenblick. Während eines einzigen Tauchgangs verwandelte sich meine Angst vor Haien in totale, irrationale Begeisterung.

Sie kommen den Tieren so nah wie kaum ein anderer. Wie machen Sie das?

Das kommt auf die Haiart an. Riffhaie umgeben einen immer, wenn man am richtigen Spot ist. Ozean-Haien zufällig zu begegnen, ist aber sehr unwahrscheinlich. Deshalb muss man Köder auslegen. Dafür bringe ich frischen Fisch in einer Box mit und warte einige Stunden. Ich darf mich aber nicht dort aufhalten, wo der Strom den Fischgeruch hinträgt. Um ihnen wirklich nahe zu kommen, halte ich mich gleich neben der Box auf. Ich fotografiere nie mit Blitz, deshalb kann ich ihnen so nah kommen, dass ich sie berühren kann.

... ohne sich in Gefahr zu begeben?

Es gibt immer mal wieder brenzlige Situationen, aber ich weiß, damit umzugehen. Wenn die Körpersprache des Hais sich verändert, er nicht mehr entspannt wirkt und scharfe Kurven schwimmt weiß ich, dass es Zeit ist, etwas Abstand zu nehmen. Bei unseren Tauchgängen mit Weißen Haien haben wir stets einen Käfig in Reichweite, in den wir uns flüchten können, wenn sich der Hai allzu territorial verhält. Aber manchmal sind Blutergüsse unvermeidbar – auch wenn wir Kettenanzüge tragen.

Haie gelten dem Menschen als Symbol kollektiver Angst. Sie Ist es nicht schwer, sich für sie einzusetzen?

Das ist die Herausforderung. Ich verstehe mich als Botschafter und will den Menschen erklären, dass Haie eben nicht die seelenlosen Killer des Meeres sind, wie sie in den Filmen und Medien dargestellt werden. Auch Jacques Cousteau versuchte das, doch seine Bilder zeigten den Hai dennoch als stigmatisierter Bösewicht. Dabei brauchen wir dringend mehr Verantwortung für sie, in den vergangenen Jahrzehnten hat sich ihre Population dramatisch reduziert.

Was ist der Hauptgrund dafür?

Das ist das sogenannte Finning: Fischer schneiden ihnen bei lebendigem Leib die Rückenflosse ab, die vor allem in Asien als Delikatesse gilt. Dann wird der Hai ins Meer geworfen und verendet qualvoll. Es gibt zwar Gesetze dagegen, aber die werden in internationalen Gewässern nicht überwacht. Bis zu 70 Millionen Haie sterben jedes Jahr auf diese Weise. In einigen Weltmeeren sind die Populationen um bis zu 90 Prozent geschrumpft.

Das klingt sehr viel.

Es ist unglaublich traurig und ein Desaster für die Ozeane: Haie sind die Meerespolizei und stehen am oberen Ende der Nahrungskette. Kleinere Raubfische oder Meeresschildkörten, die zuvor von Haien gefressen wurden, können sich dann schnell vermehren. Die wiederum fressen Bestände von Muscheln, Korallen oder Seegras, das große Mengen an Kohlendioxid speichert. Wenn das so weitergeht, werden unsere Riffe in zehn Jahren kollabieren. Am Ende befördert dies auch den Klimawandel.

Dennoch rüsten die Badeorte verstärkt gegen Haie auf. Im Norden Australiens hat man gerade mit ihrem Abschuss begonnen, um die Badegäste zu schützen.

Ja, aber dort gibt es gerade auch massive Proteste. Die Menschen wollen das nicht. Man muss bedenken, dass Haie viele Jahre brauchen, um geschlechtsreif zu werden. Bei massiver Verfolgung sinkt ihre Anzahl rapide.

Andere Länder spannen Hainetze.

In denen sich Haie und andere Meeresbewohner verfangen und sterben.

In Südafrika versucht man, mit elektromagnetischen Feldern Haie fernzuhalten.

Das ist eine gute Idee. Haie haben eine überdurchschnittliche Sensorik und reagieren sehr empfindlich darauf.

Wenn der Hai nicht aggressiv ist, wie ist er dann?

Es gibt mehr als 500 Arten von Haien und viele unterschiedliche Persönlichkeiten. Ich habe über Tausend Stunden mit ihnen im Wasser verbracht. Viele sind ausgesprochen neugierig und kontaktfreudig, sie sind schnittig und anmutig, sensibel und frech. Und sie sind sehr niedlich. Nehmen wir die Hammerhaidame, die aus der Dunkelheit angeschwommen kommt, einmal keck in die Kamera grinst und dann kurz vor dem Objektiv wieder abdreht. Oder der Breitnasen-Siebenkiemer-Hai, der mit seinem leicht nach oben gezogenem Maul und dem schelmischen Blick an Ernie aus der Sesamstraße erinnert. Jeder, der die Chance hat, sollte das erleben.

Interview: Sonja Fröhlich

Jean Marie Ghislain gilt als der berühmteste Haiflüsterer der Welt. 1955 in Belgien geboren, arbeitete er nach dem Studium zunächst für kurze Zeit als Fotograf und wechselte dann in den Bereich der Umwelttechnologie. Vor acht Jahren beschloss er, seinen Ängsten vor dem Wasser auf den Grund zu gehen und begab sich 2009 auf eine „Initiationsreise“, auf der er lernte, mit Haien zu tauchen und zu kommunizieren.
Seither widmet er sich der Fotografie und dem Schutz dieser Tiere und der bedrohten Unterwasserwelt. Der Fotograf und Autor hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt erschien der Bildband „Berührende Schönheit“ im Elisabeth Sandmann Verlag. Derzeit befindet sich der Belgier mit seiner Frau, eine Freitaucherin, und seiner neun Monate alten Tochter auf Weltreise, um an einem Dokumentarfilm zu arbeiten.
Im Film „Little Star“ geht es um die Interaktionen zwischen Meeresbewohnern und Säuglingen, beziehungsweise Frauen in der Schwangerschaft – allerdings weniger mit Haien.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Panorama
Familiendrama mit sechs Toten in Österreich

Ein Familiendrama erschüttert Österreich. Eine Frau soll mehrere Angehörige erschossen haben.