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Der Mann, der seine Lieder malte

Chris Cornell tot Der Mann, der seine Lieder malte

Das Internet zeigt einem beim Cornell-Googlen Hunderte Fotografien eines gutaussehenden, meist nachdenklichen Mannes. Uns ist das nicht genug. Wir hätten gern noch Jahrzehnte voller Songs gehabt, voller schöner und trauriger Gemälde und Aquarelle von Chris Cornells Musikstaffelei.

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Chris Cornell auf einem Archivfoto aus dem Jahr 2008: Der Sänger war Frontmann der Bands Soundgarden und Audioslave.
 

Quelle: AP

Detroit. „Ich schreibe keine Texte, um bloß irgendwelche Statements abzugeben“, sagte Chris Cornell einmal in einem Interview. „Was mir stattdessen am Liederschreiben gefällt, ist es, Bilder mit Worten zu malen.“ An seiner Pop-Staffelei war er dabei manchmal unglaublich schnell. Den größten Hit seiner Band Soundgarden, „Black Hole Sun“ schrieb Cornell in nur einer Viertelstunde. Er malte darin eine dystopische Traumlandschaft, die perfekt zu der niedergeschmetterten Stimmung nur einen Monat nach dem Selbstmord der Grunge-Ikone Kurt Cobain passte. Mit den psychedelischen Schlieren dieser schleppenden Hymne, diesem Heavy-Metal-Beatles-Sound, schuf Chris Cornell einen Klassiker der Neunzigerjahre und katapultierte die Band aus Seattle in die Charts der Welt.

Da flog keine bunte Lucy am Himmel mit Diamanten - Cornells Firmament war zappenduster, unheimlich, leer. Jeder Rockfan erinnert sich an düstere Video mit dem alten Mann, der eine Barbiepuppe grillte, mit den schrillen Menschen, die von einem schwarzen Loch aufgesaugt wurden. Der Clip wurde damals von MTV gefühlt stündlich gesendet.

Chris Cornell ist tot, der „Architekt des Grunge“, gestorben im Alter von nur 52 Jahren. Nur wenige Stunden vor seinem Tod in der Nacht zum 18. Mai hatte er noch mit Soundgarden im Fox Theatre von Detroit auf der Bühne gestanden und mit seiner unglaublichen Vieroktavenstimme Klassiker wie „Jesus Christ Pose“, „Spoonman“, „The Day I tried to live“ und „Rusty Cage“ gesungen. „Endlich wieder zurück in der Rock City!“ hatte Cornell zum Detroit-Auftritt getwittert. Parallel zu der US-Tour arbeiteten Soundgarden an ihrem ersten neuen Album nach fünf Jahren. Die geschockte Ehefrau Vicky ließ mitteilen, der unerwartete Tod ihres Mannes werde ärztlicherseits untersucht und bat ansonsten um Privatsphäre. Die Polizei ermittelte gestern in der Suite des MGM Hotels auch, ob möglicherweise ein Selbstmord vorliegt.

Und Twitter trug sogleich Trauer: Aerosmith-Gitarrist Joe Perry schrieb:„ Ein trauriger Verlust eines großartigen Talents für die Welt, seine Freunde und Familie. Ruhe in Frieden.“ „Ein weiterer Schlag!“ ließ Billy Idol vermelden. Und Led-Zeppelin-Gitarrist Jimmy Page twitterte: „Unglaublich talentiert, unglaublich jung, unglaublich vermisst.“

1984 waren Soundgarden aus den Trümmern der Gruppe The Shemps hervorgegangen und in der ersten Zeit hatte Cornell noch gesungen, während er zugleich Schlagzeug spielte. Songwriter hatte er immer werden wollen, wie der Musiker dem Style Weekly verriet: „Ich wollte nicht eines Tages Coverversionen von Police im Hinterzimmer eines Chinesischen Restaurants spielen müssen.“ Ab 1985 konzentrierte er sich auf den Job des Frontmanns und wurde schnell für exzessive Bühnenshows bekannt. Das Debütalbum „Ultramega OK“ erschien 1988 und war mit seinen Soundleihnahmen bei Black Sabbath und Led Zeppelin wie ein 20-Jahre-Sprung zurück in die Zeit, als Rock noch jung, wild und gefährlich war. Der Durchbruch erfolgte dann 1991 mit dem Album „Badmotorfinger“.

Es war das Königsjahr des Grungerock, jenes Cocktails aus Punk, Metal und verzerrter Gitarre, das Jahr, in dem auch Nirvana mit „Nevermind“ und Pearl Jam mit „Ten“ durchstarteten. Der kraftvolle und zugleich schwermütige Sound aus dem amerikanischen Nordwesten war das Ding der Stunde, ließ Bands wie Guns N Roses, die soeben noch neben dem Hair Metal von Mötley Crüe und Poison authentisch gewirkt hatten, wie Liebediener des Mainstreams aussehen. Der berühmte Radiodiscjockey Jonathan Poneman aus Seattle brachte es auf den Punkt: „Ich sah diese Band, und sie war all das, was Rockmusik sein sollte.“ Die Band zerbrach 1997 am Gefühl der Isoliertheit, am Fluchtimpuls vor dem Ruhm und am Alkohol. „Ich bin irisch“, sagte Cornell einmal, „wenn ich den Deckel abkriege, trink ich's auch aus.“ 2010 fanden Soundgarden wieder zusammen, nachdem Cornell einige Jahre mit drei Rage-Against-The-Machine-Mitgliedern unter dem Namen Audioslave gemeinsame Sache gemacht und auch eine Solokarriere gestartet hatte.

Im März veröffentlichte Cornell seinen letzten Song

Mit „You Know My Name“, dem Song zu Daniel Craigs James-Bond-Debüt „Casino Royale“ hatte Cornell 2006 seinen größten Solohit. Und erst im März dieses Jahres veröffentlichte er einen neuen Song, das Titellied zu Terry Georges Historiendrama „The Promise“ mit Christian Bale über den Genozid an den Armeniern (Deutschlandstart am 17. August). „Hätte ich nichts als Fotografien von dir, die vor den Flammen gerettet wurden,“ singt Cornell da, „sie wären alles, was ich bräuchte, sodass ich lesen kann, was auf deinem Gesicht geschrieben steht.“ Das Internet zeigt einem beim Cornell-Googlen Hunderte Fotografien eines gutaussehenden, meist nachdenklichen Mannes. Uns ist das nicht genug. Wir hätten gern noch Jahrzehnte voller Songs gehabt, voller schöner und trauriger Gemälde und Aquarelle von Chris Cornells Musikstaffelei.

Von Matthias Halbig/RND

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