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22:39 07.05.2012
Von Jens Heitmann
Erinnerungen an den Krieg:  Eine Sturmflut hat den Bunker an der dänischen Küste wieder freigelegt. Quelle: Heller
Ringkøbing

Noch einmal Kaffee im Bunker. Wecken war wie üblich um 6 Uhr, seine Wolldecke packt Gerhard Saalfeld jetzt in den Rucksack. Für die Bedienung des 3. Geschützes der Heeresküstenartillerie in Kryle ist es der letzte Morgen in ihrem Stützpunkt. Am 4. Mai 1945 haben auch die deutschen Truppen in Dänemark kapituliert – heute, vier Tage später, beginnt der weite Weg in die Gefangenschaft. „Genießt das letzte Frühstück“, sagt Kamerad Didi. „Künftig wird euch das fehlen.“

Saalfeld sieht sich nochmal um in diesem dunklen Bau aus 356 Kubikmetern Eisenbeton, der in den letzten 100 Tagen des „tausendjährigen Reiches“ sein Zuhause war, dann schultert er die klapprige Flinte, deren Rost jeder Reinigung getrotzt hat, lässt Stahlhelm und Gasmaske zurück. Und auch seine alte Bürste zum Eincremen der Stiefel bleibt liegen, fast alle Borsten fehlen, sie würde den Rucksack unnötig schwerer machen.

67 Jahre und eine Sturmflut später aber wird sie ihren Besitzer „weltberühmt in Dänemark“ machen, wie sie hier oben sagen. Das Fernsehen sendet Interviews, Zeitungen drucken mehrseitige Porträts – in den Überschriften wird Saalfeld als „der gute Deutsche“ tituliert. Das Museum Ringkøbing hat ihn zum Mittelpunkt einer Sonderausstellung gemacht.

Im Eschweger Wohnzimmer des Soldaten von damals ist der ganze Trubel weit weg. Nur zwei Puppen sehen zu, wenn der heute 85-Jährige in seinen Ordnern blättert, alte Zeichnungen betrachtet und die DVDs seiner TV-Auftritte sortiert. Seine Frau hat die Figuren noch so auf den Rand der Couch gesetzt, das Bild mit dem Trauerflor zeigt sie an einem dänischen Strand. „Der gute Deutsche, na ja“, schmunzelt Saalfeld. „Ich finde das übertrieben – ich war doch nur ein einfacher Soldat und kein Offizier.“

Ein bisschen peinlich ist ihm die Freundlichkeit dieser Dänen; schon damals war das so, als er mit seiner kleinen Kolonne im nassen Schnee nach Norden stapft. In einem Dorf treten plötzlich zwei Frauen aus einem Haus und füllen ihnen – den Besatzern – dampfenden Tee in die Feldbecher, einfach so, weil sie sehen, wie durchgefroren diese jungen Burschen waren. Und das am 30. Januar 1945, als alle schon wissen, dass es nicht mehr lange dauern kann mit diesem Krieg.

Erinnerungen an den Krieg: Eine Sturmflut hat den Bunker an der dänischen Küste wieder freigelegt, in dem Gerhard Saalfeld 1945 seinen Dienst als Wehrmachtssoldat leistete.

In seiner letzten Rundfunkansprache beschwört Adolf Hitler an diesem Tag noch einmal den „Endsieg“. Zum zwölften und letzten Mal jährt sich die „Machtergreifung“ – im Osten stehen die Russen an der Oder, Amerikaner und Briten nähern sich dem Rhein. Dem damals 18-jährigen Gerhard Saalfeld aber kommt es nicht komisch vor, dass er im winterlichen Dänemark eine Invasion abwehren soll, die im Sommer zuvor in der Normandie längst stattgefunden hat. „Wir waren doch völlig indoktriniert“, sagt er heute. „Natürlich habe ich an die Wunderwaffe geglaubt.“

Als die Nazis 1933 an die Macht kommen, wird Saalfeld gerade eingeschult. Im Jahr darauf stirbt sein Vater; schnell wird das Geld knapp, der älteste der vier Brüder muss das Gymnasium verlassen. Gerhard geht zur „Marine-HJ“ auf der Werra, weil die Boote locken. Als später ein Bonze alle Jungen des Jahrgangs 1927 zum Eintritt in die NSDAP drängt, redet er sich raus. Zuvor sind bei einem Bombenangriff auf Kassel 23 Mitschüler als Flakhelfer umgekommen. „Die Beerdigungsfeier sehe ich heute noch vor mir“, sagt Saalfeld.

Vor der Partei kann man sich drücken, vor dem Krieg nicht. Nur wer sich freiwillig meldet, weiß, wo er landet. „Ich wollte auf keinen Fall zur Waffen-SS“, sagt Saalfeld. Von deren Gräueltaten ahnt er damals nichts, der Truppe eilt aber der Ruf als „Schleifer“ voraus. Lieber will der junge Rekrut zur „richtigen“ Marine und landet in Emden.

Dort sickert Ende Januar 1945 durch, dass sie an Land „ins Feld“ müssen – alle fürchten die Ostfront, auch Saalfeld, „denn das war gleichbedeutend mit dem Tod“. Sein ältester Bruder hat ein Trommelfeuer der Russen beschrieben, gefallen ist er später in Frankreich. Als sich Saalfeld und drei Stubenkameraden in einem D-Zug wiederfinden, der nach Norden rollt und nicht gen Osten, wächst mit jedem Kilometer die Erleichterung. Die Fahrt endet im bitterkalten Dänemark.

Über das kleine Königreich weiß Saalfeld damals wenig: „Ein Agrarland – und kein Feindesland.“ Die neue Heimat ist ein Bunker neben einer Kanone, zehn Mann auf 20 Quadratmetern, „halb so groß wie das Wohnzimmer hier“. Einer muss morgens Kaffee holen, ein anderer frische Luft hereinkurbeln. Tagsüber passiert wenig: Exerzieren und Geschützputzen – am Abend aber lockt der kleine Kanonenofen. Während halb Europa hungert, brutzeln hier Bratkartoffeln, Koteletts und Schnitzel, Saalfeld schlürft auch gern gerührtes Ei mit Zucker. „Alle zehn Tage bekamen wir 25 Kronen Wehrsold – eine Flasche Sahne kostete 25 Øre.“ Dann ist es plötzlich aus: Hitler erschießt sich in seinem Berliner Bunker, und in britischer Gefangenschaft wird die Suppe dünn.

Doch Saalfeld muss sie nicht lange löffeln: Im Juli 1945 wird er nach Hause entlassen. Er macht sich als Werbefachmann selbstständig, heiratet, bekommt einen Sohn – und doch lässt ihn die Erinnerung an Dänemark nicht los. Er fährt wieder nach Kryle, dieses Mal mit der Familie. 20 Jahre nach Kriegsende ist die alte Stellung noch gut zu erkennen, auch wenn die Bunker nun wie zufällig an den Strand gewürfelt daliegen. Einige hat das Meer unterspült, andere der Sand verschluckt. Saalfeld sucht und stochert in den Dünen, wieder und wieder über viele Jahre – aber sein Bunker scheint verschwunden.

Die Dänen werden erst auf ihn aufmerksam, als er bei einer Führung des Touristenbüros durch Bunker und Dünen häufiger den Kopf schüttelt. „Ich erinnere das anders“, gesteht Saalfeld der verdutzten Fremdenführerin. „Ich habe hier Dienst getan.“

Bent Anthonisen hatte auf so einen Moment immer gehofft. Er sei ein „Bunker-Nerd“, sagt der ehemalige Zahnarzt.  Gleich sechs dieser Betonklötze liegen auf dem Grundstück seines Ferienhauses: „Ich habe mich stets gefragt, wie es den Soldaten darin ergangen sein muss.“ Nun stand plötzlich einer in Kryle vor ihm, der es erzählen konnte. Der Hobbyhistoriker drängt den Deutschen, seine Erlebnisse aufzuschreiben.

Für die ganz große Geschichte aber fehlte noch etwas – Saalfelds Bunker selbst. Am 1. März 2008 reißt eine starke Sturmflut die Dünenkante auf und legt weitere Bunker frei. Anthonisen und Mitarbeiter vom nahen Museum in Ringkøbing schaufeln die Eingänge frei und staunen: In einem ist das Mobiliar erhalten – zehn Kojen, ein Ventilator, ein kleiner Kanonenofen, so als hätten die Soldaten ihn gerade erst verlassen. Und sie finden eine Schuhbürste mit eingraviertem Namen: „Saalfeld“.

„Es gibt 7000 Bunker in Dänemark“, sagt Museumsinspekteur Christian Ringskou. „Und dann taucht ausgerechnet jener auf, der den Alltag von dem Mann bestimmt hat, dessen Lebensgeschichte wir schon kennen.“ Im Museum haben sie das Interieur konserviert und restauriert und manches nachgebaut. „Was der Bunker verbarg – Bericht eines deutschen Soldaten“, heißt die Ausstellung. Innerhalb weniger Wochen hat sie 6000 Besucher angelockt – doppelt so viele wie sonst in einem ganzen Jahr.

In einem Film erzählt Gerhard Saalfeld mit leiser Stimme seine Geschichte, bei der Eröffnung im Februar war er als Ehrengast dabei. „Es war beklemmend, das zu sehen“, sagt der 85-Jährige. „In diesem Beton haben wir tatsächlich gelebt.“ Aber jetzt reicht es ihm auch mit dem Rummel: „Noch mal muss ich da nicht hin.“

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