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„Die Bahn pfeift 
aus dem letzten Loch“

Tausende Fahrgäste leiden Jahr für Jahr unter dem Hitze-Kollaps „Die Bahn pfeift 
aus dem letzten Loch“

Die Deutsche Bahn macht in diesen Tagen bei keinem Wetter eine gute Figur. Am vergangenen Sahara-Wochenende fielen wegen der Hitze 26 Fernzüge aus, und am Sonntagabend sorgten Blitz und Donner für Streckensperrungen unter anderem zwischen Hannover und Berlin.

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Zwei, die sich nicht immer gut verstehen: Die Deutsche Bahn leidet Jahr für Jahr unter der Sommersonne.

Quelle: Wolfgang Kumm/dpa

Berlin. Vor allem bei Hitze scheint die Bahn die Probleme nicht in den Griff zu bekommen. Und das in Zeiten, in denen die Konkurrenz sowohl auf der Schiene, besonders aber auf der Straße mit den Fernbus-Angeboten rasant wächst. „Das größte Problem ist das Alter“, sagt Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn. „Die Züge sind zum Teil 30, 40 Jahre alt und damit nicht auf diese Wetterlagen ausgelegt.“

Auch das Pensum, das die Züge und Waggons heute bewältigen müssen, sei deutlich angestiegen. „Früher musste der Zug die Strecke von Hamburg nach München einmal bewältigen, heute geht es mindestens zweimal hin und her.“ Dennoch sagt Naumann: Systemausfälle bei Hitze gebe es nicht erst seit diesem Jahr.

Aufwendige Genehmigungen für bessere Klimaanlagen

Die Vorgaben bei der Bahn seien mehr und mehr bürokratisiert worden. Ohne aufwendiges Genehmigungsverfahren sei der Einbau von leistungsfähigeren Klimaanlagen nicht möglich. Der Finger müsse aber auch in Richtung Industrie zeigen, die die Züge häufig erst mit jahrelanger Verspätung ausliefere. „Mehr als neue Züge zu bestellen, kann die Bahn auch nicht.“

Kritik, die sich an Siemens und Bombardier richtet. Immer wieder gab es Verspätungen bei den Bestellungen. Die ersten Siemens-Züge ICX, die den ICE ablösen sollen, kommen frühestens 2017. Zum Winter-Fahrplan 2015 kündigte Bombardier 120 IC-Doppelstockzüge an. „Die Politik hätte viel früher reagieren müssen“, meint Karl-Peter Naumann.

Gewinn stand bei der Bahn über dem Bestand

Heute rächt sich die Taktik des früheren Bahn-Chefs Hartmut Mehdorn, der das Staatsunternehmen 2008 für den Börsengang fit sparen wollte und teure Investitionen in neue Modelle scheute. Der Gewinn stand über dem Bestand. Folge: Die Einnahmen haben sich teilweise verdoppelt, der Investitionsstau aber wurde nicht bekämpft. Und so sagt Naumann: „Die Bahn pfeift aus dem letzten Loch.“

Die Rechtslage

Im Regionalverkehr fahren 988 Lokomotiven und 4023 Triebzüge täglich insgesamt 23. 446 Einsätze und chauffieren mehr als eine Million Fahrgäste. Eine „Schwitzentschädigung“ sieht das Fahrgastrecht nicht vor. Kommt es aber zu Verzögerungen, dann kann der Kunde einen Teil des Geldes zurückverlangen. Wenn also durch einen Klimaanlagen-Kollaps die Züge mindestens 60 Minuten später ihr Ziel erreichen, erstattet die Bahn 25 Prozent. Ab 120 Minuten gibt es die Hälfte des Fahrpreises zurück. Wer wegen der Hitze den Zug vorzeitig verlässt, der sollte sich vom Schaffner den Mangel bestätigen lassen. Eine Garantie auf eine Rückzahlung gibt es aber nicht.

Immerhin hat die Politik nun den Handlungsdruck erkannt. Mit einem 28-Milliarden-Euro-Investitionsprogramm in die Infrastruktur sollen bis 2019 zumindest die maroden Schienen und Brücken saniert werden. Auch hat sich der Bahnvorstand nach günstigen – und auch verlässlicheren – Alternativen umgeschaut. Das Staatsunternehmen will vor allem mit Zukäufen in China seine bisherigen Lieferanten unter Druck setzen.

Pechstrecke Berlin–Amsterdam

Zu den jüngsten Ausfällen der Fernzüge verweist die Bahn auf die rund 1300 ICE, Intercitys und Eurocitys, die täglich in Deutschland unterwegs sind. Auch seien sieben Ersatzzüge eingesetzt worden. Für etliche Reisende bedeutete dies aber dennoch lange Wartezeiten. Besonders schlimm traf es Passagiere auf dem Weg von Berlin nach Amsterdam. Drei der neun Waggons fielen aus. In Hannover mussten die Fahrgäste den Zug wechseln, der dann bei Minden die nächste Panne hatte.

ICE bleibt bei Gifhorn liegen

In Niedersachsen sorgten am Sonntagabend zudem Sturm und Gewitter für Probleme: Zwischen Fallersleben und Gifhorn kollidierte ein Zug mit einem umgestürzten Baum. Etwa 600 Reisende mussten mehr als drei Stunden im Zug auf der Strecke warten. Bis 23.30 Uhr konnten nach Auskunft eines Bahnsprechers alle Fahrgäste den liegen gebliebenen Zug verlassen. 300 von ihnen sind in eine nahe gelegene Turnhalle gebracht worden und mussten dort übernachten. Weitere 300 Reisende konnten ihre Fahrt in Bussen fortsetzen. In den Bahnhöfen von Berlin, Hannover und Magdeburg sowie in Hamburg-Altona wurden für gestrandete Fahrgäste Züge zur Übernachtung bereitgestellt.

In Wolfsburg strandete aufgrund des Unfalls ein IC, der aus Berlin auf der Fahrt nach Köln war. Die Reisenden konnten in der Nacht nicht weiterfahren. Sie suchten sich entweder ein Hotel, nahmen ein Taxi oder organisierten sich private Mitfahrgelegenheiten. Für Hotel und Taxi verteilten Bahnmitarbeiter Gutscheine. Wer davon keinen ergattern konnte, der musste in Vorkasse treten.

Carsten Bergmann / Heidi Senska

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