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Panorama Die Killer werden immer jünger
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07:21 05.10.2015
Unter großer Anteilnahme wurde im September der 17-jährige Gennaro Cesarano zu Grabe getragen, der in Neapel erschossen wurde. Quelle: dpa
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Rom

Die italienische Politikerin Rosy Bindi löste kürzlich große Aufregung in Neapel aus, als sie sagte, was eigentlich jeder wusste. „Die Camorra ist ein konstitutives Element der Gesellschaft und Geschichte dieser Stadt“, erklärte die Vorsitzende des Anti-Mafia-Ausschusses des nationalen Parlaments. Wütende Proteste von Lokalpolitikern waren die Folge - während gleichzeitig neue Bluttaten die Stadt am Vesuv erschütterten.

Neapel wird das Thema Camorra, wie die Mafia in der Region Kampanien heißt, nicht los. Nachdem in den vergangenen Jahren viele der alten Clan-Chefs verhaftet wurden, sind es jetzt sehr junge Täter, die sich im Kampf um Einflusszonen blutige Gefechte liefern. Man nennt sie die „Baby-Gangs“. In der Dunkelheit rasen die Jungen mit Motorrädern durch die Gassen und schießen mit Kalaschnikow-Gewehren um sich. Auch Unbeteiligte geraten in Gefahr. Unter großer Anteilnahme wurde im September der 17-jährige Gennaro Cesarano zu Grabe getragen, der auf einem Platz in der Altstadt Neapels erschossen wurde. Nach Aussage seiner Eltern hatte er mit den Gangs nichts zu tun, nach anderen Berichten war er der Polizei wegen diverser Straftaten einschlägig bekannt. Ein Opfer unter vielen. Nach Presseberichten sind seit Jahresbeginn in der Stadt mindestens 16 junge Leute erschossen worden.

Drogenhandel, Glücksspiel, illegale Müllentsorgung

Der italienische Autor Roberto Saviano spricht schon von einem „neuen Camorra-Krieg“ und von einer Strategie des Terrors. Saviano hatte 2006 in seinem Bestseller „Gomorrha“ detailliert beschrieben, wie die Clans unter anderem mit Drogenhandel, Glücksspiel und illegaler Müllentsorgung Milliarden scheffeln - und wie bei Bandenkriegen im Stadtviertel Scampia zwischen 2004 und 2005 mehr als 100 Menschen umkamen. „Gomorrha“ wurde auch verfilmt, doch Saviano muss sich seit dem Buch verstecken und Polizeischutz nehmen.

Manch einer in Neapel meint, dass Saviano übertreibe und dass die Lage längst nicht so schlimm sei wie vor zehn Jahren. Alteingesessene Neapolitaner versichern, dass man sich in der drittgrößten Stadt Italiens völlig ungefährdet bewegen könne. Aber den Ermittlern bereiten die „jungen Killer“ Kopfzerbrechen.

"Sehr junge Killer"

Im Jahresbericht der italienischen Anti-Mafia-Direktion heißt es, dass die Camorra zwar nicht die Macht der sizilianischen Cosa Nostra oder der kalabrischen ‘Ndrangheta habe. Eine besondere Gefahr für die öffentliche Ordnung gehe aber von neuen Protagonisten aus: „Sehr junge Killer, die sich durch besondere Wildheit auszeichnen und die außerhalb aller Regeln handeln“, heißt es im Bericht.

Für den Chef der italienischen Antikorruptionsbehörde, Raffaele Cantone, ist es ein neues Phänomen, dass Jugendliche in die Führungsspitze der Clans aufgestiegen sind. „Es handelt sich um wenig bekannte Jungs, und das ist ein Zeichen für die große Fähigkeit der kriminellen Organisationen, sich zu erneuern“, sagt Cantone. „Die Clans der Camorra werden von jugendlichen Bossen geführt“, sagt Salvatore Buglione, Sprecher der Fondazione Pol.i.s., einer Stiftung, die sich unter anderem um die Opfer der Gewalt in Kampanien kümmert. Dieser Generationswechsel sei eine Folge der Verhaftung der historischen Camorra-Bosse. Der bekannteste von ihnen, Francesco Schiavone, alias „Sandokan“, sitzt eine lebenslange Haftstrafe ab.

338 unschuldige Gewalt-Opfer

Am Stadtpalast in Caserta nordwestlich von Neapel, hat die Stiftung große Fotos von 109 Menschen aufgehängt. Sie sollen an insgesamt 338 unschuldige Gewalt-Opfer in Kampanien aus den vergangenen Jahrzehnten erinnern. Die Kampagne unter dem Schlagwort Noninvano („Nicht umsonst“) will erreichen, dass sie nicht vergessen werden.

Auch die italienische Regierung bleibt nicht untätig. Sie will rund 1000 Soldaten nach Neapel entsenden. "Wir werden mit den Soldaten in Neapel für mehr Sicherheit sorgen", sagte Verteidigungsministerin Roberta Pinotti nach Angaben der österreicheischem Zeitung "Der Standard". Innenminister Angelino Alfano kündigte indes mehr Videoüberwachung in Neapel an und versprach 200 zusätzliche Polizisten. Die Kriminalität in der Provinz Neapel sei im Übrigen im ersten Halbjahr 2015 um 6,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gesunken, sagte Alfano.

Nach Ansicht der Fondazione ist das Problem der Jugendgangs mit Polizeimacht aber nicht zu lösen. „Die wahre Lösung ist Erziehung, ist Kultur, den Jungs eine Alternative zur Gewalt zu bieten“, sagt Buglione. Stiftungspräsident Paolo Siani habe von der Regierung einen Plan dazu gefordert. „Es sind schon zu viele junge Leute in Kampanien gestorben, das ist ein Diebstahl an der Zukunft“, sagt Buglione.

Von Klaus Blume und Sonja Fröhlich

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