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Eine Königin für Europa

Die Queen Elizabeth in Berlin Eine Königin für Europa

Die Queen kommt nach Deutschland und wirbt, auch wenn sie sich nicht zur aktuellen Politik äußert, für die Völkerfreundschaft in der EU. Tausende Deutsche begrüßen sie in Berlin.

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Vor 50 Jahren war Elizabeth II. zum ersten Mal in Deutschland. Auch damals war dieses spezielle Elizabeth-Weiß vorherrschender Farbton ihrer Garderobe.

Quelle: dpa

Berlin. Königsblau, einfach königsblau hätte man die Farbe des Mantels nennen können, den Königin Elizabeth II. bei ihrer Ankunft in Deutschland getragen hat. Aber weil so ein royaler Besuch voller Symbolik steckt, selbst da, wo man es gar nicht vermutet, ist aus dem königsblauen Mantel über Nacht ein europablaues Statement der Queen geworden. Das politische Berlin hat sich leicht anstecken lassen von dem Gedanken eines königlichen Votums für ein vereintes Europa, Großbritannien inbegriffen, aber selbst unter den Wartenden am Spreeufer zwischen Bellevue und Reichstag ist diese Möglichkeit zumindest erörtert worden.

Zur Begrüßung also Europablau, am ersten offiziellen Besuchstag ein sehr nobles Cremeweiß. Wieder Symbolik: So war sie auch vor 50 Jahren gekleidet, bei ihrer ersten Deutschland-Visite. Eine historische Note also.
Die Neugierigen sind nicht zu Tausenden gekommen, um sich an diesem britisch-bewölkten Vormittag beim Anblick des geradezu niedlichen Bötchens mit den königlichen Gästen über die britischen Absetzbestrebungen aus der EU auszutauschen, sondern schlicht und einfach nur zum Königin-Gucken. Aber dass dieser Besuch nicht nur eine historische Note hat, 50 Jahre nach dem ersten Besuch von Elizabeth II. in Deutschland, sondern offenbar auch eine ganz aktuelle, ist selbst unter den Wartenden Gesprächsthema. Am späten Mittwochnachmittag ist nämlich zusätzlich der britische Premierminister David Cameron aus London nach Berlin herübergekommen. Etwas undiplomatisch ausgedrückt: Er hat sich selbst eingeladen. Im Pressetross der Königin ist dieser Umstand mit Erstaunen aufgenommen worden: Will da etwa einer die deutsche Begeisterung für das englische Königshaus für seine eigene Politik nutzen?
Wie bei ihrem Thronjubiläum 2012 trägt die Queen einen weißen Hut und Mantel von Hofschneiderin Angela Kelly. Vor 50 Jahren war Elizabeth II. zum ersten Mal in Deutschland. Auch damals war dieses spezielle Elizabeth-Weiß vorherrschender Farbton ihrer Garderobe. Jetzt ist sie 89, ihr Mann Prinz Philip 94  Jahre alt. Selbst das Wetter hält sich bei Staatsbesuch Nummer fünf an die Etikette. Vor dem Empfang hört der Regen auf. Der rote Teppich wird noch mal gefegt. Vor dem Schloss warten Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt, sie mit rotem Mantel und weißem Hut. Formvollendet macht die First Lady einen Knicks vor der Queen. 

Als „God Save the Queen“ ertönt, kommen im Schlossgarten Windböen auf. Der königliche Hut sitzt fest. Freundlich lächelt die Queen Berliner Schülern zu, die brav mit Fähnchen winken, statt das Handy zu zücken. Versuche, ein Selfie mit der Königin zu schießen, sind vom Protokoll ausdrücklich streng untersagt worden. Bei der Übergabe der Gastgeschenke, darunter Lübecker Marzipan, kommen Zuhörer erstaunlich nahe heran und werden Ohrenzeugen einer netten Plauderei. Gauck ruft seine „Dani“ und erläutert das deutsche Gastgeschenk für die Königin, das Gemälde „Pferd in Royalblau“ von der Hamburger Künstlerin Nicole Leidenfrost. Das Bild zeigt Elizabeth im Alter von etwa neun Jahren auf einem Pferd. „Das ist eine lustige Farbe für ein Pferd“, sagt die Queen. Der Präsident erwidert, das Bild sei nach der Vorlage eines alten Fotos entstanden, auf dem auch ihr Vater George VI. (1895–1952) zu sehen sei. „Soll das mein Vater sein?“, sagt sie staunend-fragend zum Präsidenten, der heiteren Sinnes zurückfragt, ob sie ihn denn nicht erkenne. Ihre Antwort: „Nein.“ So also geht Small Talk mit der Queen. Gauck bekommt preußische Lektüre: ein Buch mit „Briefen eines Verstorbenen“ von Hermann Fürst von Pückler-Muskau aus dem 19. Jahrhundert. „Es wurde in der Bibliothek von Schloss Windsor neu eingebunden“, sagt die Queen. Gauck freut sich.

Dann kommt es zu einer besonderen Geste des Bundespräsidenten: einer Bootstour durch das Regierungsviertel. Bisher ist Gauck in seiner Amtszeit noch nie mit einem Staatsgast vom Schloss aus über die Spree gefahren. Das Ufer ist von Schaulustigen gesäumt, viele Schüler sind darunter. So kurz vor den Sommerferien ist Klassenausflugszeit in ganz Deutschland.

Klärungsversuche, weshalb gerade diese alte Dame eine derartige Faszination auf die Deutschen ausübt, schlagen allesamt fehl. „Sie ist niedlich“, sagen einige Zaungäste an diesem Mittwoch. Gesellschaftsforscher haben auch keine bessere Erklärung, sie sagen es nur anders: Die Königin befriedige Sehnsüchte beim Volk, die in der nüchternen deutschen Demokratie nicht befriedigt würden. Selbst wollen die Deutschen aber keinen Monarchen. „Um Gottes willen, wen denn?“, fragt einer der Besucher.

Der Wagen von Königin Elizabeth II. und Prinz Philip fährt zum Schloss Bellevue, wo beide von Bundespräsident Gauck empfangen werden.

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Die schlichte, offene Barkasse „Ajax“ ist Jahrgang 1926, also genauso alt wie der hohe Besuch aus London. Die Bootsfahrt scheint lustig zu sein, vor allem für den Bundespräsidenten. Er kommt kaum zum Sitzen, turnt aufgeregt herum. Winkt viel, spielt den Stadtbilderklärer. Vom Ufer her ist immer wieder Jubel ist zu hören. Vor dem Kanzleramt vertreiben sich die Kalauerkönige die Zeit: „Die Königin von Europa trifft die Königin von England.“ Na ja. Angela Merkel wartet am roten Teppich. Sie knickst nicht, sondern reicht die Hand.

Vielleicht liegt im Zusammentreffen dieser beiden weltbekannten Frauen auch eine politische Botschaft: Merkel hat ein großes Interesse daran, die Briten in Europa zu halten. Die Königin muss sich als Staatsoberhaupt einer politischen Stellungnahme zu einem möglichen EU-Austritt enthalten. Aber jeder Deutschland-Besuch, der viele positive Schlagzeilen bringt, freundlich verläuft und die Freundschaft beider Staaten unterstreicht, kann den EU-Befürwortern in Großbritannien nur nützen. Das weiß Merkel – und die Queen natürlich auch.

Drinnen im Kanzleramt dürfen Ohrenzeugen erstaunlich nahe ran. Die Kanzlerin sagt: „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, ich weiß es nicht, könnten wir ein Stück gehen (...).“ Merkel tritt mit Elizabeth II. auf einen Balkon: „Dort, wo der Zug fährt, da stand die Mauer ... Ich habe in Ostdeutschland gelebt, nur 200 Meter hinter den Schienen.“ Die beiden laufen zurück in das Arbeitszimmer der Kanzlerin und nehmen auf der Sitzgruppe Platz. „Also noch mal, herzlich willkommen“, sagt Merkel. „Thank you very much“, antwortet die Queen. Merkel merkt an, dass es jetzt ja bereits der fünfte Staatsbesuch der Queen in der Bundesrepublik Deutschland ist. „Und ich finde, es ist ein außergewöhnliches Jahr – 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.“ „So ist es tatsächlich, nicht wahr“, sagt die Queen. „Es gibt so viele Jahrestage.“

Von der Außenwelt abgeschnitten

Wenn die Queen am Freitag die Gedenkstätte Bergen-Belsen besucht, müssen sich die Menschen im Kreis Celle auf starke Verkehrsbehinderungen einstellen. Das teilte am Mittwoch die Polizei mit. Von 10 bis 14 Uhr werden für den Tross der britischen Königin etliche Straßen zwischen Celle und Bergen-Belsen gesperrt. Speziell im Bereich der Ortsdurchfahrt von Winsen/Aller sei mit „erheblichen Verkehrsbehinderungen“ zu rechnen.
Besonders hart trifft es nach Angaben eines Polizeisprechers aber den kleinen Ort Walle, der zu Winsen gehört. Die ungefähr 1000 Einwohner der Gemeinde werden zwischen 11.30 und 13.30 Uhr mehr oder weniger von der Außenwelt abgeschnitten: „Man kann den Ort weder nach Norden noch nach Süden verlassen.“ Das Problem: „Wir haben nur die Hauptstraße“, sagt die Waller Ortsbürgermeisterin Anette Ahrens – und die wird gesperrt. Einziger Ausweg laut Ahrens: Ein Waldweg, der zur B 3 führt. „Aber der ist nicht gut befahrbar.“ doe

von Reinhard Urschel und Michael Pohl

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