Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Verfuchst und zugenäht

Warum sind Fjällräven so beliebt? Verfuchst und zugenäht

Wer durch den Großstadtdschungel pirscht, muss nur darauf achten, wo er Fjällräven-Rucksäcke sichtet. Denn das heißt: Dieser Stadtteil ist der hipste. Kånken, der Rucksackklassiker der schwedischen Outdoormarke, ist seit einiger Zeit in Deutschland so etwas wie das Aushängeschild gentrifizierter Stadtteile.

Voriger Artikel
Peinlicher Fauxpas bei der Fashion Week Berlin
Nächster Artikel
Polizei erschießt Geiselnehmer

Ein bunter Reigen: Fjällräven-Rucksäcke gelten als das Hipster-Accessoire schlechthin.

Quelle: Hersteller

Hannover. Mit seinen 37 Jahren ist das praktische Behältnis quasi schon ein alter Sack in der schnelllebigen Modewelt, aber vor allem junge Frauen stehen auf ihn: Mädchen mit Dutt, Start-up-Unternehmerinnen mit Burberry-Trenchcoat und Mütter mit Bugaboo-Kinderwagen schleppen ihn auf dem Rücken wie weiland die Mägde ihre Kiepe oder tragen ihn am Henkel durch die City. Anders als die Kiepe ist der Kånken ein liebenswertes Anhängsel, das überall hin mit muss: zur Schule, zum Date, zum Steh-Italiener und zur Stillgruppe.

Auch Männer greifen immer öfter zu dem quadratisch-praktischen Gepäckstück. Vor allem, wenn es ans Einkaufen geht. Als ob der Wochenmarkt dadurch zum Wildlife-Event würde. Was ist bloß dran an diesem Rucksack? Bei näherer Betrachtung nicht allzu viel: zwei Schulterriemen, zwei Tragegriffe, zwei seitliche Steckfächer, eine Fronttasche. Doch auch wenn das Innenleben mit einem Fach eher mager ist, gibt es immerhin den Clou, dass die herausnehmbare Schaumstoffplatte, die  beim Tragen den Rücken polstert, auch als Sitzkissen verwendet werden kann. Beim Stehitaliener ist das natürlich überflüssig.

Aber im Zweifel lässt sich damit auftrumpfen, dass das Modell (Preis: ab etwa 50 Euro) für eine Überraschung gut ist, die Designerrucksäcke von Marc Jacobs oder Louis Vuitton nicht zu bieten haben. Zumal der Kånken äußerlich, nun ja, eher schlicht daherkommt: Einfarbig, aus wasserabweisender Synthetikfaser in verschossenen T-Shirt-Tönen der siebziger Jahre fällt er kaum ins Auge. Wenn da nicht dieses kreisrunde Logo mit dem stilisierten Polarfüchschen wäre. Nur echt in Rostrot auf weißem Grund.

Markensymbol: Der Name des Unternehmens Fjällräven bedeutet Polarfuchs.

Quelle: iStockphoto

Seit seiner Markteinführung 1978 für schwedische Schulkinder hat sich am Design des Kånken (der Name leitet sich vom schwedischen Wort für Tragen ab) nichts geändert. Umso erstaunlicher ist das Phänomen, dass aus einem Pfadfinderrelikt ein vermeintliches Avantgarde-Accessoire werden konnte, dessen Beliebtheit seit etwa fünf Jahren beständig wächst. Weltweit.

Begonnen hat der Hype, nachdem vor allem Models mit dem tornisterartigen Gebilde anstelle eines It-Bag gesichtet und von Fashion-Bloggern wie dem kanadischen Street-Style-Fotografen Tommy Ton gefeiert worden waren. Doch die Wurzeln der Erfolgsgeschichte reichen tiefer. Genau genommen bis ins schwedische Unterholz. Geradezu mystisch mutet die Entstehung des Kånken an, glaubt man Philipp Kloeters. Wäre er nicht Pressesprecher von Fjällräven Deutschland, man könnte meinen, er sei ein professioneller Lagerfeuer-Geschichtenerzähler.

Kloeters berichtet von einem Jungen, der einst in der Natur zu Hause war. Er hieß Åke Nordin. Der Name klingt zwar nach einem Helden aus der nordischen Sagenwelt, aber es hat ihn tatsächlich gegeben und seine Legende geht so: Während seiner Kindheit und Jugend stromerte Nordin als Pfadfinder viel durch die schwedische Landschaft mit ihren Wäldern und Seen und zeltete mit Freunden. Doch eines störte ihn bei seinen Wanderungen erheblich: Erdrückt von der Last schwerer, birnenförmiger Beutel auf dem Rücken, sei er gezwungen gewesen, die meiste Zeit beim Fußmarsch auf den Boden zu schauen. Um möglichst in aufrechter Haltung den Blick über die Schönheit von Flora und Fauna schweifen lassen zu können, hat sich Nordin schließlich im elterlichen Bretterschuppen eine rückenfreundliche Tragemöglichkeit aus einem Holzrahmen und Baumwollstoff gezimmert. 1950 war das. Nordin war gerade mal 14 Jahre alt, als er seinen ganz persönlichen Fuchsbau schuf – das Fundament für sein Lebenswerk: Zehn Jahre später gründete er Fjällräven.

Gründergeist: Åke Nordin.

Quelle: Hersteller

Der Rucksack spielt jedoch erst seit 1978 eine tragende Rolle in seinem Unternehmen. Ebenso wie der vom Aussterben bedrohte Polarfuchs, den Nordin zu seinem Markenzeichen erkoren hatte, lagen ihm auch als Erwachsenem immer noch besonders die Pfadfinder am Herzen. Als sich Ende der siebziger Jahre Meldungen über Rückenschäden bei Kindern durch einseitiges Tragen von Schultaschen häuften, entwickelte der Firmengründer zusammen mit dem schwedischen Pfadfinderverband den auf die Größe von Leitz-Ordnern zugeschnittenen Kånken und hat seitdem „Millionen von Kindern vor Wirbelsäulenschäden bewahrt“, wie Sprecher Kloeters sagt.

Was für Kinder gut ist, ist auch für Erwachsene nicht schlecht, mag sich so mancher denken, der sich den Kånken auf den Rücken schnallt und in der Mittagspause einen Quetschbeutel mit zuckerfreiem, püriertem Obst aus der Seitentasche holt, um ihn zu genießen. Doch es ist vor allem dieses Heritage-Märchen, das in dem Rucksack steckt. Hipster lieben derlei Überlieferungen. Man denke da nur an die sagenhaften Firmengeschichten von Barbour oder Moleskine. Es ist eben nicht nur die Marke, die zählt, sondern auch die Haltung dahinter. Für Fjällräven gilt das im besten Wortsinn.

Damit der „Klassiker“ unter den Rucksäcken auch klassisch bleibt, weicht Fjällräven seit Jahren kaum vom ursprünglichen Design ab. Auch in Sachen Werbung pflegt man ein „gewisses Understatement“, betont Kloeters. Wozu auch groß angelegte Kampagnen? Gerade der Kånken, der den größten Absatz im Backpacking-Land USA findet, ist quasi ein Selbstläufer. Die Marke wird von den Kunden in die Welt hinausgetragen. Ganz schön ausgefuchst.

Kerstin Hergt

Der Rucksack - eine Stütze der Gesellschaft

Als Urversion des Rucksacks gilt die Rückentrage, oder auch Kraxe, ein offenes Holz- oder Metallgestell, das schon in der Steinzeit verwendet wurde und das bis weit ins 19. Jahrhundert vor allem Bauern und Händlern zum Transport diente.

Nach dem Ersten Weltkrieg kamen, angelehnt an die Militärtornister, die ersten Rucksäcke mit Holzrahmen auf. Für mehr Stabilität. Zuvor war der Rucksack eher ein Beutel mit Lederriemen.
Die Sechzigerjahre machten schließlich den Militärrucksack salonfähig. Vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs wurde es vor allem in den USA populär, Militärkleidung als Ausdruck einer Anti-Kriegs-Haltung zu tragen. Der „Military Look“ wurde auch von Designern bis in die Achtzigerjahre hinein immer wieder neu aufgelegt.

Mit der wachsenden Zahl an Trendsportarten und der Interrail-Welle Ende der Achtzigerjahre kamen immer mehr funktionale Rucksäcke aus wasserdichten Materialien auf den Markt, viele davon auch inspiriert von den wasserdichten Modellen der Fahrradkuriere. Der Rucksack wurde nicht nur auf Reisen, sondern auch im Alltag zum steten Begleiter.
Den Höhepunkt der Hände-frei-Welle bildeten die Neunziger mit dem Eastpak-­Hype unter Schülern. Ranzen oder Riementasche waren out. Der an möglichst langen Gurten und mehr auf dem Hintern als auf dem Rücken getragene Eastpak war weltweit ein Must-have unter Teenies. 

Wer sich heute zu alt für Eastpak fühlt und zu wenig hip für Kånken, trägt am besten Herschel, benannt nach der kanadischen Insel, auf der die beiden Erfinder aufgewachsen sind. Das beliebteste Modell sieht ein wenig aus wie Eastpak und heißt Heritage – hat also auch Geschichte zu bieten.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Panorama
Augenblicke: Bilder aus Hannover und der Welt

Klicken Sie sich durch spektakuläre Fotos – ausgewählt von der HAZ-Redaktion.