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Die USA erleben einen blutigen Sommer

Mordrate steigt in Städten Die USA erleben einen blutigen Sommer

Kaum eine Nacht vergeht in den USA ohne Leichen auf den Straßen. Städte wie Chicago sind berüchtigt für Bandenkriege und bewaffnete Konflikte, doch nun steigen auch in anderen Städten die Mordraten. Kriminologen rätseln über die Ursachen.

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In Chicago sind Gangfehden an der Tagesordnung, aber nun steigen auch in deren US-Städten die Mordraten.

Quelle: SPENCER PLATT / GETTY IMAGES NORTH AMERICA / AFP

Milwaukee. Ein halbes Jahr, nachdem Tamiko Holmes' 20-jährige Tochter bei einem Raubüberfall auf eine Geburtstagsparty erschossen wird, klingelt bei ihr erneut das Telefon. Wieder ist es die Polizei von Milwaukee, wieder geht es um den Tod eines ihrer Kinder. Ihrem einzigen Sohn wurde in einem Auto in den Kopf geschossen – Motiv und Täter sucht die Polizei bis heute.

Der 19-Jährige mag in den falschen Kreisen verkehrt haben, sich unter die falschen Leute gemischt haben, sagt Holmes in einem Interview nach der Bluttat. Aber ihre Tochter? Die Schulabsolventin mit einem Kind und drei Jobs, die so ehrgeizig durchs Leben ging? Ihre von fünf Kindern verbleibenden drei überredet Holmes, aus Milwaukee weg in eine andere Stadt zu ziehen. Die Mädchen stimmen zu – nachdem eines von ihnen bei einer Schießerei verletzt wird.

Anstieg um 76 Prozent

Die Mordrate in der Metropole am Lake Michigan schießt in die Höhe: Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stieg sie um 76 Prozent, wie eine Aufstellung der "New York Times" zeigt. Mehr als 100 Menschen wurden demnach in der Stadt in diesem Jahr bereits umgebracht – nach 86 im gesamten Jahr 2014. Und Milwaukee steht nicht allein: St. Louis (60 Prozent mehr Morde), Baltimore (56), Washington (44), New Orleans (22), Chicago (20), Kansas City (20), Dallas (17) – nach teils jahrelangen Rückgängen lässt der Anstieg der Mordzahlen in US-Großstädten Ermittler und Forscher rätseln.

"Ich glaube, niemand hat gerade eine wirklich gute Antwort", sagt Juraprofessor Michael Greenberger, der an der University of Maryland in Baltimore zu Kriminalität und Polizeitaktiken forscht. In der Stadt hatte der Tod des Afroamerikaners Freddie Gray, der in Polizeigewahrsam schwere Verletzungen erlitten hatte, im Mai zu Ausschreitungen geführt. Vielleicht ließe sich so der Anstieg der Mordraten um 56 Prozent – weit über 200 Tote gab es in diesem Jahr schon – erklären?

Paradox: Festnahmen gehen zurück

"Da passiert noch etwas anderes", sagt Greenberger. Selten wurde die amerikanische Polizei öffentlich so sehr an den Pranger gestellt wie seit den – zumindest gefühlt zunehmenden – mutmaßlich rassistisch motivierten Todesschüssen auf unbewaffnete Schwarze. Und selten gab es so viele Bürger, die bei jeder Durchsuchung, jeder Verkehrskontrolle das Smartphone zücken, um mögliche Rechtsbrüche der Uniformierten für das versammelte Internet als Beweismittel festzuhalten. In Baltimore gingen die Bürger dafür mit dem Handy regelrecht auf Patrouille, sagte der ehemalige Polizist und Strafrechtsprofessor Peter Moskos dem Magazin "Time".

Eine gefährliche Folge: Die Festnahmen gehen zurück, in Baltimore allein im Mai im Vergleich zum Vorjahr um 57 Prozent. "Sie machen immer noch ihre Jobs, aber die Kontrollen erfordern nun vier Polizisten statt zwei, weil sie von filmenden Menschen umgeben sind", sagt Moskos. "Die Moral ist sehr niedrig", sagt Greenberger. Und damit seien potenzielle Straftäter auch eher bereit, durch die Straßen zu ziehen und Unruhe zu stiften. Auch wärmere Temperaturen und bei Jugendlichen die Sommerferien könnten eine Rolle gespielt haben. Doch auch solche Theorien sind umstritten, oft spielen andere Faktoren mit.

"Gefährlicher, ohne Waffe erwischt zu werden, als mit"

In Chicago, wo die Polizei einen Anstieg um 20 Prozent verzeichnete und wo Gang-Fehden über Generationen weitergereicht werden, mag zum Beispiel auch die leichte Verfügbarkeit von Waffen ein Teil des Problems sein. In St. Louis könnten die Unruhen im nahen Ferguson nach dem Tod des Schwarzen Michael Brown durch tödliche Polizeischüsse eine Rolle gespielt haben. Aber was ist mit New Orleans, der als "Big Easy" bekannten Perle am Mississippi, die einen ihrer blutigsten Sommer überhaupt erlebt?

Von "freischwebender Angst" der Polizisten im ganzen Land spricht Milwaukees Polizeichef Edward Flynn, und auch von weniger Verkehrskontrollen und weniger Gesprächen mit Anwohnern. Was diese betrifft, seien Status, Glaubwürdigkeit und Ehre oft eine "Frage von Leben und Tod". Eine Regel in der 956.000 Einwohner zählenden Stadt bringt er deshalb so auf den Punkt: In einigen Gegenden sei es "gefährlicher, ohne Waffe erwischt zu werden, als mit".

Johannes Schmitt-Tegge

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