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Digitales Klassenzimmer ist noch nicht die Regel

Skepsis gegen Laptops im Unterricht Digitales Klassenzimmer ist noch nicht die Regel

Die Zukunft der Schule ist digital, glauben Experten. In Deutschland ist jedoch die Skepsis gegenüber Laptops und Tablets im Klassenzimmer besonders ausgeprägt. Ist der Unterricht mit Computerhilfe und digitalem Tafelbild per se besser?

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Quelle: dpa/Symbolfoto

Hannover. Fällt die erste Stunde morgen tatsächlich aus? Sind die Hausaufgaben korrekt? Und wie sah noch mal diese Skizze aus, die der Lehrer gestern an die Tafel gemalt hat?
Wenn der 16-jährige David Sasse all das wissen will, muss er nicht in der Schule anrufen, auf die Besprechung der Aufgaben in der nächsten Woche warten oder seinen Mitschüler um dessen Mappe bitten. Der Gymnasiast schaut auf sein Smartphone oder daheim auf sein Tablet – und weiß Bescheid. Über die Plattform Edyou erhält er das Tafelbild, das sein Lehrer nach der letzten Physikstunde hochgeladen hat – oder erfährt noch am Abend dessen Meinung zum ersten Entwurf seiner Studienarbeit.

Digitale Plattform erleichtert die Lehrerarbeit

„Dass wir nicht mehr in der Pause im Pulk vor der Tür des Lehrerzimmers stehen müssen, das ist schon ein ziemlicher Fortschritt“, sagt der Elftklässler des St.-Ursula-Gymnasiums in der hannoverschen Südstadt. Seinem Lehrer Andreas Reincke fallen dann noch ein paar andere Vorzüge ein: Schüler können auf der Plattform gemeinsam an Aufgaben arbeiten, er selbst kann ihnen auch nach Schulschluss noch seine Korrekturen und Kommentare mit auf den Weg geben – und sich mit den Müttern und Vätern über die Tagesordnung für den nächsten Elternabend austauschen. „Auch die Eltern werden so viel stärker zu einem Teil der Schulgemeinschaft“, sagt der Lehrer für Physik, Mathematik und Informatik.

Auf dem Weg zur Schule 4.0

Das katholische Gymnasium hat die Plattform seit Beginn des Schuljahres im Einsatz – und gehört damit zu den digitalen Vorreitern in der deutschen Schullandschaft. Edyou, entwickelt vom Unternehmen Heinekingmedia, das zur Madsack Mediengruppe gehört, ist eine Mischung aus Facebook und Whatsapp für die Schule. Plattformen wie diese sind einer der nächsten Schritte auf dem Weg zur Schule 4.0, wie sie derzeit auf der Bildungsmesse Didacta in Köln vorgestellt werden. Das digitale Klassenzimmer gehört zu den Kernthemen der Messe. Schulbuchverlage stellen Vokabel-Lern-Apps und digitale Schulbücher vor, es gibt Online-Lernvideos für Schüler und Austauschbörsen für Lehrer zu sehen. Die digitale Revolution im Klassenzimmer ermögliche effizienteres und individuelleres Lernen, propagieren Bildungsexperten. Doch beim Einsatz von neuesten Medien und ihren Möglichkeiten hängen die deutschen Schulen im Vergleich noch erheblich hinterher.

In der Arbeitswelt und im Privatleben sind digitale Medien längst allgegenwärtig – in der Schule hingegen führen sie noch immer ein Nischendasein. Weniger als die Hälfte der Lehrer setzt hier mindestens einmal pro Woche Computer im Unterricht ein, hat eine repräsentative Studie der Technischen Universität Dortmund im Auftrag der Deutschen Telekom Stiftung ergeben. Ebenfalls weniger als die Hälfte, knapp 46 Prozent, erklären, dass ihre Schule überhaupt ein Konzept für den Einsatz von Medien habe. Eine deutliche Mehrheit hingegen, rund 58 Prozent, wünscht sich mehr Unterstützung für den Einsatz von Computern im Unterricht, also etwa Fortbildungen oder auch digitale Materialien. Das alles ist zwar ein Fortschritt im Vergleich zur internationalen Schulleistungsstudie ICILS, bei der Deutschland 2013 in Sachen Häufigkeit des Einsatzes auf dem letzten Platz landete. Doch noch immer ist Deutschland eindeutig Digital-Entwicklungsland. „Für Deutschland gibt es noch viel Luft nach oben“, erklärt der Studienleiter Professor Wilfried Bos.

Nutzen Schulen die moderne Ausstattung überhaupt?

Der Grund dafür ist laut Experten erstaunlicherweise gerade nicht die schlechte Ausstattung mit Geräten. Er habe Schulen gesehen, die vorhandene Geräte schlicht nicht nutzten, verriet Bos vor Kurzem bei der „Zeit“-Bildungskonferenz in Berlin: „Die lagen seit 15 Jahren originalverpackt im Keller.“ So sind viele Schulen inzwischen dazu übergegangen, Schülern und Lehrern die Nutzung eigener Geräte zu erlauben – mit deren neuesten Modellen kann die Schule meist ohnehin nicht mithalten.

Wichtiger als die Versorgung mit Geräten sind für Bos ohnehin Konzepte und Einstellungen – und da tun sich auch Länder hervor, die sonst weit hinten in Bildungsrankings rangieren. Bei der Studie zur digitalen Schule liegen Rheinland-Pfalz, Hamburg und Bremen vorn. Ausgerechnet Bremen, das sonst bei fast allen Studien ganz unten zu finden ist. Bei der Digitalisierung geht das kleinste Bundesland mit Erfolg unkonventionelle Wege. „Wenn ich an eine Schule komme, frage ich als Erstes, ob es dort noch ein Handyverbot gibt“, berichtete die sozialdemokratische Bremer Bildungssenatorin Claudia Bogedan bei der Bildungskonferenz. Allmählich höre sie an immer weniger Schulen ein Ja.

Skepsis herrscht vor

In Deutschland ist jedoch auch die Skepsis gegenüber Laptops im Klassenzimmer besonders ausgeprägt. Ist der Unterricht mit Computerhilfe per se besser? Gerald Lembke, Autor des Buches „Die Lüge der digitalen Bildung“, glaubt nicht daran. „Raus mit den Computern aus den niedrigen Klassen“, fordert er. Und auch in höheren Klassen sei Digitales höchstens Mittel zum Zweck: In der Realität jedoch „vereinnahmt sie uns und unsere Schutzbefohlenen“. So bleiben die digitalen Vorzeigeprojekte in Deutschland bislang noch Einzelfälle – Schulen wie das Vesalius-Gymnasium in Wesel, wo Schüler eine Reiseführer-App für ihre Stadt erstellen, oder die Grundschule am Koppenplatz in Berlin, wo sich schon Zweitklässler im Programmieren üben.

Den Istzustand in Sachen Schule 4.0 symbolisiert eine Ecke in der St.-Ursula-Schule: Unter dem digitalen Schwarzen Brett hängt eine Übermacht von DIN-A4-Blättern. Lehrer Reincke bemüht sich, zwischen den dicken Mauern ein funktionstüchtiges WLAN aufzubauen, und die Rechner im Lehrer-Computerzimmer wirken wie Relikte einer untergegangenen Welt. Das Interesse der Schüler schmälern solche Mühen kaum. Seine Pläne nach dem Abitur? Informatik studieren, antwortet der 16-jährige David Sasse.

Von Thorsten Fuchs

Interview

... mit Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung und Buchautor.

Die USA sind Deutschland beim digitalen Lernen um Jahre voraus, warum?
Dort ist der Druck viel größer als bei uns. Insbesondere im Hochschulbereich explodieren in den USA die Kosten, die Gebühren betragen bis zu 50.000 US-Dollar im Jahr. Da sind digitale Angebote wie Onlinekurse für viele eine attraktive Alternative. Sind die erst einmal entwickelt, können sie quasi umsonst überall angeboten werden. Davon profitieren dann auch die Schwellenländer, die bisher zu wenig Geld für Bildung ausgeben können.

Sie schreiben in Ihrem Buch „Die digitale Bildungsrevolution“, dass die Digitalisierung die Bildungslandschaft revolutionieren wird. Inwiefern?
Lernprogramme und Onlinekurse werden helfen, viele Schüler oder Studenten gleichzeitig in ihrem individuellen Lerntempo zu unterrichten. Die Lehre passt sich damit dem Lernenden an und nicht umgekehrt. Lernsoftware kann jedem Einzelnen passende Aufgaben stellen. Schon jetzt benutzen ja viele Eltern und Schüler Erklärvideos aus dem Netz, um den Schulstoff besser zu verstehen und zu üben.

Kritiker sagen, dass Schüler sowieso schon viel zu lange vor dem Computer sitzen. Da sollte zumindest die Schule analog bleiben.
Zu viel Zeit vor dem PC oder Smartphone schadet. Die Faszination der Neuen Medien ist aber ein Teil unserer Lebenswelt, davor sollte sich die Schule nicht verschließen. Wir müssen Schülern zeigen, wie sie die Neuen Medien für sinnvolle Dinge nutzen. Handys gehören deshalb in der Schule nicht verboten, sondern als selbstverständliches Lernmittel auf den Tisch.

Und was heißt das für Lehrer?
Es besteht ein großer Fortbildungsbedarf insbesondere für individuelle Förderung. Alle Schüler mit einem Laptop auszustatten bringt alleine nichts. Pädagogik ist wichtiger als Technik, Digitalisierung ein Hilfsmittel für bessere individuelle Förderung und kein Selbstzweck. Richtig eingesetzt ist der digitale Wandel kein Problem, sondern Teil der Lösung für mehr Chancengerechtigkeit.

Wenn jeder eigene Lernprogramme nutzt, die an den jeweiligen Wissensstand immer wieder neu angepasst werden, wird es dann nicht irgendwann den gläsernen Schüler geben?
Tatsächlich liegt darin eine Gefahr. Die Unmengen an Lerndaten dürfen nicht missbraucht werden, beispielsweise bei der Jobsuche durch mögliche Arbeitgeber. Deshalb muss gesetzlich geregelt werden, dass jeder über seine eigenen Daten und deren Nutzung verfügen darf.

Wann wird die Entwicklung des digitalen Lernens in Deutschland an Fahrt gewinnen?
Die Revolution hat bereits begonnen.

Interview: Heike Manssen

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